„Teer muss her”: Schlaglöcher für 50 Euro kaufen

Von: Matthias Jekosch, ddp
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Viele Straßen in Deutschland sind durch den Dauerfrost inzwischen kaum befahrbar und bedürfen dringender Ausbesserung. Dazu gibt es viele Ideen, beispielsweise die Aktion "Teer muss her" in Thüringen. Foto: ddp

Niederzimmern. Seit kurzem verkauft die Gemeinde Niederzimmern in Thüringen ihre Schlaglöcher. Es gibt auch schon Käufer. Mit deren Geldspenden sollen die Löcher, sobald das Wetter besser ist, wieder aufgefüllt werden. Der Bürgermeister freut sich über die gute Resonanz der Aktion.

Die Straße am Ortsrand von Niederzimmern in Thüringen ist ein einziger Hindernisparcours. Ein Transporter fährt in Schlangenlinien um die Schlaglöcher herum. Ein Fahrer muss sein Auto kurz stoppen, um dann ganz langsam durch ein mit Wasser gefülltes Loch durchzufahren. Ein weiterer hält an, kurbelt das Fenster herunter, zeigt auf einen besonders tiefen Krater und ruft: „Das Loch gehört mir, dafür hab ich bezahlt.” Vielleicht stimmt das sogar. Denn Niederzimmern im Weimarer Land verkauft seit einer Woche seine Schlaglöcher für 50 Euro pro Loch.

52 Käufer hätten das Geld schon überwiesen, sagt Bürgermeister Christoph Schmidt-Rose (CDU). „Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet”, freut er sich über die Resonanz. Thüringens Innenminister Peter Huber (CDU) sei ebenfalls unter den Spendern, die mit ihrer Überweisung das Bitumen zum Verfüllen jeweils eines Schlagloches bezahlen wollen. Sobald das Wetter es zulässt, sollen die Löcher geflickt werden. Als Dank sollen die Geldgeber dafür eine Plakette mit einer Inschrift ihrer Wahl neben dem Schlagloch erhalten. Die Aktion „Teer muss her” sei einfach nur „eine lustige Idee”, sagt Schmidt-Rose. Die Gemeinde hätte die Straßen so oder so flicken müssen.

Die „lustige Idee” hat den kleinen Ort mit etwas über 1000 Einwohnern, auf halber Strecke zwischen Erfurt und Weimar, schlagartig deutschlandweit bekanntgemacht. Journalisten befragen Einwohner. Ein Kamerateam von „Stern TV” hält auf die vorbeifahrenden Autos. Ein paar Fotografen tun es ihm nach. Selbst die britische BBC war am Freitag bei Bürgermeister Schmidt-Rose.

Die Einwohner nehmen den Rummel gelassen. Im Lebensmittelladen im Dorfkern lacht Verkäuferin Gundula Wenzel ein wenig, als sie auf die Aktion angesprochen wird. Ja, das sei schon ganz gut. „Aber eigentlich müsste die Straße mal richtig gemacht werden.” Immer wieder würden die Schlaglöcher nur notdürftig geflickt.

Ein Rentner auf einem Fahrrad hält die Aktion für einen „Witz”. „Wer soll denn da Geld für geben?”, fragt er. Dass bereits 52 Spender überwiesen haben, scheint er nicht zu wissen. Ein Geschäftsmann mit Anzug und Krawatte tritt aus der Bank. Eigentlich sei es gut, dass etwas gegen den schlechten Zustand der Straßen getan werde, sagt er. „Aber es gibt viele Sachen, die wichtiger sind." Mehr Betreuer im Kindergarten der Gemeinde wünscht er sich beispielsweise.

„Es ist gut, dass was gemacht wird”, findet Reiner Scharf, der direkt an der Rumpelstraße am Ortsrand wohnt. Er selbst will aber kein Schlagloch kaufen. „Wieso?”, fragt er. „Ich habs ja nicht verursacht.” Stattdessen schimpft er, dass nicht schon früher etwas passiert ist. Als die B 7 von Erfurt nach Weimar im vergangenen Jahr einseitig gesperrt wurde, sei der ganze Verkehr über die Niederzimmerer Straße umgeleitet worden. „Das war belastend”, sagt Scharf. Nicht nur für seine Nerven, sondern auch für die Straße. Die Schlaglöcher seien auch ein Resultat aus der Zeit.

Andere Gemeinden reagieren bisher nicht auf die Idee. Bei Schmidt-Rose hat sich bisher keine gemeldet. Und auch beim Deutschen Städte- und Gemeindebund sind Nachahmeraktionen nicht bekannt. Ein Sprecher findet die Idee der Thüringer Gemeinde auf jeden Fall „ganz spannend”. Er hält sie allerdings auch für „reine Symbolpolitik”. „Unserem Anliegen, die Finanzsituation der Kommunen zu verbessern, hilft sie nicht weiter.” Der Städte- und Gemeindebund rechnet nach dem langen Winter allein in diesem Jahr mit Kosten von 2,5 Milliarden Euro zur Behebung der Straßenschäden in deutschen Kommunen. Allein könnten sie das nicht bewältigen.

Schmidt-Rose behauptet nicht, mit der „Teer muss her”-Idee die Lösung gefunden zu haben. Er will erst einmal die Straßen so hinkriegen, dass die Autos einigermaßen drüberfahren können. „Kein Bürgermeister hat so viel Geld, dass er alles auf einmal machen kann.” Die Aktion solle nicht zu ernst genommen werden. „Es soll eine lustige Idee bleiben”, sagt er.
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