Tango in Berlin: Tanzen bis die Polizei kommt

Von: dpa
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Tango in Berlin
Ein Paar tanzt im Monbijoupark in Berlin Tango. In der Hauptstadt verbreitet sich die Aktion "Tango Hit and Run", bei dem die Paare nach dem Flashmob-Prinzip an verschiedenen Orten in der Mitte Berlins ihrer Tanzleidenschaft frönen. Foto: dpa

Berlin. Schon von weitem sieht man die große Gruppe Menschen. Etwa zwanzig Pärchen drehen sich zum Takt von Tangoklängen vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin, in der Mitte ein Taschenhaufen, aus dem zwei Lautsprecher hervorgucken.

Am Rande der improvisierten Tanzfläche hat sich eine Traube von Zuschauern gebildet. Erst gucken sie nur, dann klatschen sie auch zwischen den einzelnen Stücken. Thomas Rieser knipst mit seiner Digitalkamera. Er ist Organisator des „Tango Hit and Run”. Im August gab es bereits drei dieser Tanzabende, weitere Termine sind geplant.

„Hit and Run” - das heißt, Anlage aufbauen und lostanzen (hit), bis die Polizei kommt und die Tänzer wegrennen müssen (run). Die Milonga, so nennen Tangotänzer ihre Tanzveranstaltungen, ist nicht angemeldet. „Bisher hat uns aber erst einmal die Polizei freundlich gebeten, zu gehen”, erzählt Thomas Rieser. „Wir sind ja nett”, meint er. Den „Hit and Run” sieht er außerdem als Touristenattraktion.

Mitgebracht hat der Lehrer für argentinischen Tango den „Hit and Run” aus San Francisco. Dort organisierte er 2003 während der Friedensdemonstrationen gegen den Irak-Krieg nach diesem Prinzip „Tango for Peace”. Hier in Berlin handele es sich lediglich um eine Spaßveranstaltung, sagt Rieser. Im Sommer draußen an spannenden Orten zu tanzen, sei angenehmer als in aufgeheizten Sälen, für die noch dazu häufig eine teure Miete zu zahlen sei. Das sei aufregender als auf den regulären und gut besuchten Freiluft-Milongas wie beispielsweise im Monbijou-Park.

Tango nach dem Flashmob-Prinzip gibt es vor allem in den USA, unter anderem in St. Louis und Richmond. Aus dem ersten „Hit and Run” im Central Park in New York 1997 hat sich gar eine etablierte Milonga entwickelt.

Gegen 21.00 Uhr wartet Thomas Rieser die letzten Klänge eines Tangos ab und schaltet die Anlage aus. „Es geht weiter!” ruft er in die Runde. Die Tänzer sammeln ihre Taschen ein und ziehen in einem Tross zum nahen Bebelplatz. Etwa 80 Menschen bewegen sich bald zur Musik am Rande des Boulevards Unter den Linden. Frauen tragen hochhackige Schuhe oder Sandalen, Männer in der Mehrzahl Turnschuhe, das Durchschnittsalter liegt bei Anfang dreißig. Beine fliegen und wickeln sich ineinander. Schweißperlen glänzen vereinzelt im Licht der Straßenlaternen. Nach einigen schnellen Stücken bleiben viele Tangueros erschöpft am Rand stehen. Aber nicht lange, denn der Tanzabend ist kurz.

Neben Mund-zu-Mund-Propaganda sei Facebook ein wichtiges Instrument für die Kommunikation, erzählt Rieser. Die in dem sozialen Netzwerk eingerichtete „Hit and Run”-Gruppe habe schon mehr als 200 Mitglieder. Zum ersten Termin in diesem Sommer seien etwa 40 Tänzer gekommen, beim zweiten auf dem Kudamm ungefähr 60. Voriges Jahr organisierte der Lehrer für argentinischen Tango zum ersten Mal eine Freiluft-Milonga dieser Art in Berlin.

Letzte geplante Station ist an diesem Abend um 22.08 Uhr der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Wegen Dreharbeiten müssen die Tänzer weiterziehen. Am Spreeufer zwischen den Glasfassaden und dem Sichtbeton des Paul-Löbe- und des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses ertönt jetzt Elektrotango. „Das passt gut zur Architektur hier”, bemerkt ein Tänzer in Leinenhosen und T-Shirt, bevor er seine Sitznachbarin auffordert. Um 23.30 Uhr sagt Thomas Rieser an, spontan eine Erlaubnis erhalten zu haben, dass bis Mitternacht weitergetanzt werden dürfe. Die Tangueros jubeln. Am Ende werfen die meisten Geld in eine Laptoptasche. Davon soll die Anlage, die bisher nur geliehen ist, gekauft werden, um weiterhin auf „Hit and Runs” tanzen zu können.

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