Sternstunden und Tiefpunkte: Waldemar Hartmann blickt zurück

Von: Alexander Barth
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Oft launig, aber auch bissig: Waldemar Hartmann lässt in seinem Buch „Dritte Halbzeit. Eine Bilanz“ 34 Jahre TV-Karriere Revue passieren. Ein ganzes Kapitel widmet „Waldi“ darin seinem Abgang bei der ARD. Foto: Andreas Schmitter
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„Waldi“ anno 1995: Von seinem markanten Schnauzbart trennte er sich kurz vor der Jahrtausendwende.
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6. September 2003: Durch ein legendäres Interview mit dem damaligen Bundestrainer Rudi Völler (rechts) wird Waldemar Hartmann endgültig zum „Weißbier-Waldi“.

Aachen. Lange Jahre war Waldemar Hartmann das sportliche Gesicht der ARD, moderierte bei Olympischen Spielen und großen Fußballturnieren, beim Boxen oder Skifahren. Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Sendeanstalt den Vertrag mit dem heute 65-Jährigen nicht verlängert.

Nach 34 Jahren war Schluss für den Mann, dem seine launige und bisweilen kumpelhafte Art vor der Kamera nicht immer wohlwollende Schlagzeilen einbrachte. Im Gespräch mit Alexander Barth blickt Hartmann auf Sternstunden seiner Karriere und Tiefpunkte der jüngeren Vergangenheit zurück.

Herr Hartmann, war früher alles besser?

Hartmann: Nicht unbedingt . Wie kommen Sie darauf?

Beim Lesen Ihrer Biografie drängt sich dieser Eindruck durchaus auf. Sie schwärmen vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß oder vom Fußball der 80er, 90er Jahre mit seinen, wie sie sagen, damals noch existenten Typen.

Hartmann: In meinem Alter darf man doch ruhig mal auf die alten Zeiten zurückblicken. Politisch bin ich zwar der „schwarze Waldi“, das stimmt, aber ich bin immer mit allen Richtungen klargekommen. Was die Typen angeht: Ich sehe einfach nicht mehr, dass noch Charaktere wie früher reifen. Wenn ich mir die so genannten flachen Hierarchien bei Jogi Löw anschaue... da haut niemand mehr dazwischen. Nicht mehr meine Welt, irgendwie.

Sie sind jetzt amtlicher Rentner, die Biografie kam zu Ihrem 65. Geburtstag auf den Markt. Ein lange geplanter Zug?

Hartmann: Nein, nicht wirklich. Die Vereinbarung mit dem Verlag ist schon drei Jahre alt. Geplant war die Veröffentlichung für 2014. Denn eigentlich hatte ich vor, bis dahin für das Fernsehen zu arbeiten. Dann kam ja alles anders, und einer schnelleren Veröffentlichung zum jetzigen Zeitpunkt stand nichts im Wege. Zum Glück hatte ich die Aufzeichnungen über die frühen wilden Waldi-Jahre schon in der Schublade.

Ein anderer Eindruck, der beim Lesen entsteht: Die „Duzmaschine“ unter den deutschen Sportjournalisten ist ein aufmerksamer Geschichtenerzähler mit Anflügen von feiner Ironie. Das deckt sich nicht unbedingt mit dem Konzept des nicht selten zotigen Talk bei „Waldis Club“...

Hartmann: Naja, das Launige liegt mir eben. Was die Leute gern vergessen: Der Kumpeltyp Waldi ist nicht nur eine Plaudertasche, sondern auch ausgebildeter Journalist. Ich habe einfach eine Unmenge von Erinnerungen aufgeschrieben, viele gute und ein paar schlechte. Einen Ghostwriter gab es dabei nicht. Ich erzähle die Geschichten gern, und mit der Distanz beim Schreiben kann man die Ereignisse dann womöglich feiner formulieren.

Man hat Ihnen immer mal wieder mangelnde journalistische Distanz bis hin zur Kumpanei vor und hinter der Kamera nachgesagt. Das Bild von der „Duzmaschine“ wurde gemalt. Funktioniert etwa nur so der Waldi-Stil?

Hartmann: Ich bin der Meinung, nur, wenn du nah genug an die Leute heranrückst, bekommst du auch die prickelnden Informationen, so einfach ist das. Womöglich war ich näher dran an den Menschen, über die ich berichten sollte, als andere. Das war eben meine Art. Ich habe das Gefühl, da gibt es so eine Theorie, die heute an den Journalistenschulen gelehrt wird: Mach dich nicht angreifbar, werde nicht zu persönlich. Das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn man sich zum Beispiel den Politikbetrieb in Berlin anschaut, wird man feststellen: Da sitzen auch Politiker und Journalisten in Hinterzimmern bei reichlich schwerem Rotwein, um sogenannte Hintergrundgespräche zu führen.

Sind die besten Geschichten in Ihrem Reporterleben auch bei schwerem Rotwein ans Tageslicht gekommen?

Hartmann: Nein, bei mir gab es immer etwas anderes zu trinken . Ich sage frei heraus: ich habe mein halbes Leben an Bars und Theken verbracht, und da saßen dann auch immer wieder Leute, mit denen man auch beruflich zu tun hatte.

Sie nehmen mittlerweile dem legendären Interview mit Rudi Völler ein wenig den Mythos durch Ihre Aussage, dass Sie den damaligen Bundestrainer bewusst in seiner Wut am Köcheln gehalten haben. War das wirklich Moderatorenkalkül damals beim verbalen Vulkanausbruch 2003 auf Island?

Hartmann: Überrascht war ich natürlich, dass der Rudi Völler so in Rage gerät und mit einer Wutrede derart vom Leder zieht. Die Situation war aber auch zu einmalig. Rudi hatte nie zuvor die Gelegenheit, die Analyse von Netzer und Delling live mitzubekommen. Auf Island, in dieser Bezirkssportanlage, waren die Wege so kurz, dass er mehr als rechtzeitig vor Ort war, als die beiden die tiefsten Tiefpunkte des deutschen Fußballs ausloteten. Die sonst so nette Tante Käthe kochte, das konnte man sehen. Als Rudi dann loslegte, war ich perplex, habe aber schnell gemerkt: das wird ein legendärer Moment, das bleibt hängen, und der Waldi ist dabei. Ich war übrigens nicht beleidigt, als er mir die Sache mit den drei Weißbieren an den Kopf geworfen hat. Außerdem hat er sich ja direkt entschuldigt. Ich fand es toll, dass er mal auf den Tisch gehauen hat. Das hat ihm unheimlich viel Sympathie eingebracht. Und ich war dann halt der Weißbier-Waldi .

Sie schreiben, Rudi Völler hätte Ihnen mit seinem kleinen persönlichen Angriff sogar die Altersvorsorge gesichert?

Hartmann: Das kann man so sagen. Ich habe ein paar Tage nach dem Interview einen gut dotierten Werbevertrag unterzeichnet, der bis heute gültig ist. Das ist so ein Gedanke, der sich damals bei mir festgesetzt hat: Ich war nicht Papst, aber ich war Weißbier. So fühlt sich das bis heute an.

Ihre Trennung von der ARD Ende des vergangenen Jahres verlief nicht gerade freundschaftlich. Vom Ende Ihrer Sendung „Waldis Club“ sollen Sie per Pressemitteilung erfahren haben. Sie nennen das Verhalten der Verantwortlichen eine „halbseidene, feige Entscheidung“. Wer hat Ihnen das Leben schwer gemacht?

Hartmann: Es ist so, dass ich eine Handvoll Personen direkt angehe, mit denen ich Probleme in den letzten ein, zwei Jahren bis 2012 hatte. Fakt ist: Ich habe keine Generalabrechnung vollzogen, dazu bestand auch nicht die Notwendigkeit. Das Konstrukt ARD hat weit über 20 000 Mitarbeiter, mit denen ich keinen Stress hatte. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky oder Programmdirektor Volker Herres sind aber zwei, mit denen ich mich wohl nicht mehr an eine Bar setzen werde. Da geht es für mich um Charakterschwächen, die ganz gut in ein Intrigensystem passen, wie es bei der Riesenanstalt ARD praktiziert wird. Ich habe mit niemandem mehr Termine, muss nix zurücknehmen, kann offen schreiben und sprechen. Alles in allem sage ich: es waren tolle 34 Jahre, mit unglaublichen Erfahrungen, Reisen und Begegnungen. Aber wie man am Ende mit einem langjährigen Mitarbeiter umgegangen ist, schmeckt mir einfach nicht.

Haben Sie irgendwann gespürt: die wollen den Waldi nicht mehr?

Hartmann: Ich habe in den sechs Jahren von „Waldis Club“ nie eine inhaltliche Ansage bekommen, die Quoten waren gut. Kommunikation mit der Chefetage war allerdings faktisch kaum vorhanden. Niemand hat das Gespräch mit mir gesucht. Und ich habe gedacht: Wenn sich keiner meldet und die Quoten gut sind, machst du einfach weiter. Und dann heißt es auf einmal: Den „Club“ nehmen wir raus. Hallo? Ich denke mir: Fehlende Kommunikation in der Kommunikationsbranche? Da stimmt doch irgendetwas nicht.

Fakt ist doch: Man hat Ihnen einen Vertrag für ein weiteres Jahr angeboten.

Hartmann: Ja, aber das war doch wirklich eine Milchmädchenrechnung. Ungefähr so, als würde man Bundestrainer Joachim Löw einen Vertrag geben, der 2013 endet, in einem Jahr ohne großes Turnier also. Das habe ich nicht mit mir machen lassen. Man hätte doch miteinander reden können. Ich wäre bereit gewesen, das Format neu zu überdenken, Entwicklungen aufzunehmen oder meinetwegen auch die Auswahl der Gäste zu besprechen. Aber niemand ist auf mich zugekommen, zu keinem Zeitpunkt. darüber bin ich verärgert, und mit den entscheidenden Personen rupfe ich in meinem Buch ein längst überfälliges Hühnchen.

Die Sendung „Waldis Club“ bot Late-Night-Unterhaltung im Rahmen eines sportlichen Großereignisses. Los ging es 2006 mit „Waldi und Harry“, als Sie mit Harald Schmidt den humorigen Rahmen der Berichterstattung zur Winterolympiade in Turin bildeten. Fühlen Sie sich im Nachhinein als Vorreiter?

Hartmann: Diesen Spagat hat es doch schon viel früher gegeben. Elke Heidenreich, Dieter Hildebrandt oder Werner Schneyder haben schon vor zig Jahren große Sportereignisse humoristisch begleitet. Eine eigene Show war aber schon etwas Neues damals.

Sie haben immer wieder den Comedian Matze Knop in Ihrer Sendung gehabt, als Allzweckwaffe sozusagen. Er steht nicht unbedingt für die intellektuelle Fraktion deutscher Humoristen…

Hartmann: Vielleicht hätte man die Auftritte von Matze Knop ein wenig herunterfahren können. Die Leute liebten seine Parodien, aber vielleicht hat sich das auch irgendwann abgenutzt. Wie gesagt, ich wäre durchaus bereit gewesen, das Konzept der Show zu überarbeiten, aber dazu ist es ja nicht mehr gekommen.

Es gibt mittlerweile eine Art Nachfolgeformat für Ihre Sendung. Eine Show mit dem wenig innovativen Titel „Sportschau-Club“, allerdings erheblich aufpoliert und moderiert vom 36-jährigen Alexander Bommes.

Hartmann: Ganz ehrlich, ich blicke weder mit Neid noch mit Groll auf diese Geschichte. Meine tollen Jahre kann mir niemand nehmen. Alexander Bommes scheint sich ja zur neuen Geheimwaffe der ARD zu entwickeln. Ich kann den Jungen nur warnen, auch wenn er das sicherlich nicht braucht. Es wundert mich nicht, dass Bommes so schnell in die Unterhaltungsspur gehoben wird. Da gibt es ja etliche Vorbilder. Das scheint mir mittlerweile der logische Weg für Sportmoderatoren zu sein: Möglichst schnell auf die Samstagabendschiene mit ihnen.

Auch Sie standen einst vor dem Sprung in die Samstagabend-Unterhaltung…

Hartmann: Ja. Und ich bin froh, dass dieser Kelch 1986 an mir vorübergegangen ist. Mein damaliger Chef beim Bayerischen Rundfunk hat mich da so ein wenig hineinbugsiert. Und plötzlich war ich in der Endausscheidung für den Moderatorenjob bei „Vier gegen Willi“. Im Rückblick ein gewagtes, skurriles Format. Am Ende hat Mike Krüger dann zum Glück den Job bekommen (lacht).

Vom DJ zur „Duzmaschine“: Stationen im Leben

Es war ein Moment, der Fernsehgeschichte schrieb: Am 6. September 2003 saß ein wutentbrannter Teamchef Rudi Völler nach einem wenig ruhmreichen 0:0 seiner Nationalmannschaft gegen Island Moderator Waldemar Hartmann gegenüber. „Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören, Gelabere, ich sitze jetzt seit drei Jahren hier und muss mir diesen Schwachsinn immer anhören“, wetterte Völler.

Und dann fiel ein Satz, der seinen Gesprächspartner sehr glücklich machen sollte: „Du sitzt hier locker bequem hier auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker.“ Die „Schärfe“, die reinkam in das Interview, bescherte Hartmann im Handumdrehen einen lukrativen Weißbier-Werbevertrag mit einer Brauerei - und damit seine Altersvorsorge. „Danke, Herr Völler, für die Rudi-Rente“, schreibt Hartmann in seinem Buch „Dritte Halbzeit. Eine Bilanz“.

Von diesem Tag an war „der Waldi“, wie der Moderator sich gerne selbst nennt, Kult. Und zu seiner Freude entdeckte ihn sogar das deutsche Feuilleton, das der „Duzmaschine“ Hartmann gerne Kumpanei und anbiedernde Interviewführung vorwarf.

Bevor er aber zu einer Institution der deutschen Fußball-Fernsehlandschaft wurde, versuchte er es auf andere Weise mit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Niemand Geringeres als sein Freund Roy Black war es, der Hartmann dazu brachte, seine Karriere als Versicherungskaufmann an den Nagel zu hängen und sein Glück in der Unterhaltungsbranche zu suchen – als DJ, Moderator und Kneipenwirt.

Dann gab es noch einen Ausflug in den landespolitischen Journalismus – als Haus- und Hofberichterstatter des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU), den er offen bewundert und in seinem Buch „den Muhammad Ali der bayerischen Politik“ nennt. „Genauso schwarz, genauso groß, genauso gefürchtet.“ Muhammad Ali war übrigens auch eines seiner großen Idole. Einst durfte er ihn als Pressesprecher begleiten – sogar bis unter die Dusche. „Er war nicht nur im Boxring der Größte.“

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