Schenk mir dein Herz: Schlossknacker in Paris

Von: Ralf E. Krüger, dpa
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Liebesschlösser
„Liebesschlösser” auf der Pont des Arts in Paris. Die Seine-Brücke zieht immer mehr Pärchen an, die als Liebesbeweis Stahlschlösser ans Geländer heften. Unbekannte Schlossknacker beflügelten diese Mode. Foto: dpa

Paris. Leticia Nobrega holt mit großer Geste aus - Sekunden später plumpst ein Schlüssel in die Seine. „Das war für meinen Freund Ricardo”, sagt die junge Brasilianerin. Die 21-Jährige aus der Gegend von Recife ist eine Paris-Besucherin, die auf der Brücke der Verliebten zwischen Louvre und Saint-Germain einem neuen Ritual huldigt.

„Ich habe unsere Vornamen aufs Vorhängeschloss geritzt, es ans Geländer geheftet und den Schlüssel weggeworfen”, sagt die 21 Jahre alte Studentin stolz. Das Ritual soll ewige Liebe beschwören - so ist es auch in Rom am Tiber oder in Köln am Rhein.

Doch in Paris hat sich die Mode der Liebesschwüre aus Edelstahl längst verselbstständigt. Vom schweren, soliden russischen Torschloss bis hin zum Mini-Verschluss aus dem Bestand des Rucksack-Touristen machen Hunderte „Liebesschlösser” in allen Ausführungen die Fußgängerbrücke zur neuen Touristenattraktion. Besucher fotografieren, was andere Besucher vor ihnen hinterlassen haben.

So geht es auch Leticia Nobrega: Kaum hängt ihr Schloss neben dem einer ihrer Freundinnen, wird es bereits fotografiert. „Die ganz Smarten nehmen Schlösser mit Zahlenkombinationen - wenns dann später nicht mehr klappt mit der ewigen Liebe, können sie sie noch recyceln”, witzelt ein britischer Fremdenführer vor einer Gruppe kichernder Teenager. In der Tat: Auch derartige Schlösser hängen am Geländer.

Wo jugendliche Romantiker früher Herzen in die Rinde von Baumstämme ritzten, ist heute Kreativität bei der Gravurkunst angesagt. In der Stadt der Liebe darf es auch schon mal ein fein ziselierter Kussmund sein, der auf dem Schloss prangt. Andere sind mit Blumen bunt bemalt. „Gary & Susi, Liverpool” ließen ihr Schloss in Kursivschrift aufwendig gravieren, ein anderes Pärchen ritzte offenbar spontan ein „Du & ich für immer” ins rot lackierte Metall. Ein mitangehefteter Weinkorken lässt ahnen, dass der Aktion ein feuchtfröhlicher Abend voranging.

Solide Gravurarbeit dagegen bei „Max & Bernd” auf einem nach DIN-Norm gefertigten Schloss in Rosa. Sparsam dagegen waren „Klaus & Kerstin” sowie „Bernd & Ina” - sie nutzten ein Schloss für vier und kritzelten ihre Namen mit Filzstift.

Die meisten Liebesbeweise tragen das Datum 2010 - und das hat seinen Grund. Denn im März waren buchstäblich über Nacht rund 2000 „Liebesschlösser” am Brückengitter verschwunden. Niemand weiß bis heute so richtig, wer dahinter steckte. Die Stadt Paris, die die Vorhängeschlösser zuvor als Verstoß gegen den Denkmalschutz kritisierte, versichert, keine Behörde habe etwas damit zu tun. Auch die Polizei dementierte. Die Empörung in der Bevölkerung war groß.

„Danach explodierte die Zahl der Schlösser auf der Brücke regelrecht - es war, als ob die Menschen auf ihre Art gegen diese unromantische Geste protestieren”, meint Aurore Biasini, die täglich mit ihrem Husky Ronnie über die Brücke flaniert. Wann genau die Mode aufgekommen ist, die nun auch auf andere Brücken übergreift, weiß niemand so genau.

„Wahrscheinlich waren die Italiener die Ersten. Und dann gab es schnell jede Menge Nachahmer, die die Idee aufgegriffen haben”, sagt der Maler Michel Maurice. Der Autodidakt mit deutschem Vater und französischer Mutter hat seit Jahren auf der Brücke sein Freiluft-Atelier und verkauft seine Werke auch dort.

Maurice hat seine eigene Theorie zum Schlösser-Klau. Er vermutet, dass Schrottkünstler heimlich über Nacht die Schlösser geknackt haben könnten. „Gesehen habe ich es nicht, aber es würde mich nicht wundern.”
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