Tarawa/Roetgen - Roetgenerin erlebt Auswirkungen des Klimawandels hautnah

Roetgenerin erlebt Auswirkungen des Klimawandels hautnah

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Positiv trotz trüber Aussichten: Hannah Stupp aus Roetgen lebt seit August auf Kiribati.

Tarawa/Roetgen. Es sind manchmal nur einige Tonnen Zement, die die Hilflosigkeit eines ganzen Landes versinnbildlichen. An der Küste Bairikis auf Tarawa, der Hauptstadt der Inselrepublik Kiribati, erstrecken sich betonierte Sandsäcke.

Die Barrieren zwischen dem offenem Meer und der Zivilisation entlang der Hauptstraße sind zum Teil nur wenige Meter hoch, und doch trüben sie das paradiesische Bild der Pazifikinsel. Das sprichwörtliche Wasser, das den Menschen bis zum Hals steht, es bahnt sich auf Kiribati bereits seinen Weg.

Die Heimat der rund 100.000 Einwohner des Inselstaates droht im Meer zu versinken. Kiribati ist eine Gruppe aus 33 Atollen und Inseln, die sich locker über mehrere Tausend Seemeilen östlich von Australien verteilen. Der Großteil des Landes befindet sich weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel. Für die Menschen hier ist der Klimawandel nichts Abstraktes, sondern lebensbedrohliche Realität. Schätzungen zufolge könnte Kiribati bereits in einem halben Jahrhundert verschwunden sein.

Eine trübe Perspektive

Es ist eine trübe Perspektive, mit der sich nicht nur die Einwohner des Inselstaates kaum anfreunden können. Auch für Hannah Stupp ist der Gedanke unvorstellbar. Die 19-Jährige aus Roetgen lebt seit August auf Kiribati. Sie unterrichtet Englisch an einer weiterführenden Schule. Es ist ein Freiwilliges Soziales Jahr unter Palmen, mit Spaziergängen in Flipflops und Abenden am Strand – und der Erkenntnis, dass einige Teile der Welt schon jetzt unmittelbar von der Erderwärmung betroffen sind.

Auf Kiribati zeigt sich dies auf vielfältige Weise. Die Inselrepublik kämpft um jeden Meter Land. Die Einwohner versuchen die Küsten zu verstärken und bauen Schutzwälle. Doch die betonierten Sandsäcke sind lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein, meint Hannah. Längst bahnt sich das salzige Wasser seinen Weg von unten an die Oberfläche des Landes.

„Bei Flut drückt sich das Wasser durch den Boden und es entstehen überall Pfützen.“ Erst kürzlich begannen die Behörden, die einzige Hauptstraße Tarawas zu asphaltieren. Die restlichen Wege versinken regelmäßig im dunklen Matsch. Einige Menschen versuchen sich mit Häusern auf Stelzen vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen. Leisten können sich das aber nur wenige. Viele Gebäude bestehen aus nicht viel mehr als einem Wellblechdach und Plastikplanen.

Weitaus größer als die Befürchtung, das Meerwasser könne die Schutzwälle am Strand überschreiten, sei das Problem mit dem Grundwasser. „Das Grundwasser ist versalzen, deshalb können die Menschen es nicht benutzen“, sagt Hannah. Trinkwasser schöpfen die Bewohner aus großen Regentanks. Hannahs Nachbarn hätten es neulich zwar geschafft, selbst Salat anzubauen. Im großen Stil sei der Anbau von Obst und Gemüse aber kaum noch möglich. „Fast alles wird aus Australien und Neuseeland importiert.“ Hannah prognostiziert: Bevor die Inselgruppe tatsächlich im Meer versinkt, werden die Menschen verhungern oder verdursten.

Gesprochen wird auf Kiribati über den Klimawandel dennoch wenig. Für das Schicksal ihrer Heimat finden die Einwohner keine Worte. „Von der älteren Generation wollen viele nicht darüber sprechen. Sie wollen es nicht wahrhaben, dabei ist es schon längst real.“ Das Bewusstsein, dass das Leben auf Kiribati mit einem Verfallsdatum versehen sei, sei bei den Jüngeren deutlich stärker ausgeprägt. „Viele meiner Freunde versuchen, sich interkulturell weiterzubilden, um später in einem anderen Land leben zu können.“ Australien, Neuseeland und die Fidschi-Inseln stehen bei den Kiribatiern hoch im Kurs. Auch Hannahs Englischunterricht zielt darauf ab, den Menschen eine Perspektive zu bieten. Eine Perspektive, die ihre Heimat nicht einschließt.

Auch unabhängig vom steigenden Meeresspiegel, sieht die Zukunft für viele Bewohner Kiribatis düster aus. Wegen der Arbeitslosigkeit, dem Anstieg des Meeresspiegels und der Versalzung der Wasserquellen ziehen viele Einwohner der äußeren Inseln auf das Hauptatoll Tarawa. Dort drängeln sich zu viele Menschen auf zu engem Raum. Doch der Weg ins Ausland bleibt vielen verschlossen. Die finanziellen Mittel reichen häufig nicht aus. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass doch noch irgendwie alles gut wird.

Es ist ein sonniger Freitag auf Tarawa, als sich Hunderte dieser hoffnungsvollen Menschen auf der Hauptstraße versammeln. Die UN-Klimakonferenz in Paris läutet ihren fünften Verhandlungstag ein. Während knapp 15 000 Kilometer Luftlinie entfernt die Mächtigen der Welt an der Seine über den Klimawandel verhandeln, gehen die Menschen der Pazifikinsel auf die Straße. Sie tragen Transparente, auf denen sie in bunten Farben ihre Botschaften zeigen. Noch heute überrascht Hannah die vergleichsweise hohe Anzahl derer, die an der Demonstration teilnahmen. Es zeigt: Auch wenn die Menschen inmitten des Pazifiks relativ abgeschottet vom Weltgeschehen leben, wird das Ringen um einen gemeinsamen Klimavertrag aufmerksam verfolgt.

Der Kampf ums Überleben

„Climate Change ist real. From Kiribati, to Paris with love“ lautet das Motto – „Der Klimawandel ist Realität, Liebesgrüße aus Kiribati nach Paris.“ Die Menschen wollen ein Zeichen setzen und ihren Präsidenten Anote Tong bei den Verhandlungen in Frankreich unterstützen. Drei Frauen in blauen Kleidern halten ein rotes Tuch in die Höhe: „Wir kämpfen ums Überleben.“ Nicht nur der Präsident der Inselrepublik mahnt die Machthaber in Paris, die Menschen, deren Häuser unmittelbar von einem steigenden Meeresspiegel bedroht sind, nicht zu vergessen.

Die Kiribatier lächeln trotzdem. Es entspricht ihrer Mentalität in jeder noch so verzwickten Situation etwas Gutes zu entdecken, betont Hannah. Obwohl Kiribati beim Klimawandel an vorderster Front steht, ist das Stimmungsbild überwiegend positiv. Die Bewohner leben im Hier und Jetzt und sorgen sich lieber nicht um die Zukunft. „Wenn es heute nicht funktioniert, dann klappt es vielleicht morgen“, beschreibt Hannah das Lebensmotto. Die Einwohner konzentrieren sich auf das Positive im Leben – und hoffen, dass die mächtigen Industriestaaten ebenjene Hilfsbereitschaft zeigen, die die Menschen auf Kiribati selbst an den Tag legen.

An Hoffnung allein will sich Präsident Tong jedoch nicht klammern. Er hat vorgesorgt und mehrere Hektar Land auf den Fidschi-Inseln für sein Volk gekauft. Eine Umsiedelung der Kiribatier scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, auch wenn es die Bewohner selbst noch nicht wahrhaben wollen. „Es ist eine Notlösung, die keiner haben will“, sagt Hannah. Die Sorge, dass dies vielleicht die einzige Möglichkeit bleiben könnte, teilt sie mit ihren Freunden auf Kiribati. „Dass ich eines Tages meinen Kindern von einem Land erzählen könnte, das nicht mehr existiert – das ist einfach unvorstellbar.“

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