Aachen - Reinhold Messner: Überlebenskünstler erzählt von der Welt

Reinhold Messner: Überlebenskünstler erzählt von der Welt

Von: Georg Müller-Sieczkarek
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Reinhold Messner im Aachener Eurogress über das Erstaunen, noch am Leben zu sein. Archivbild dpa

Aachen. Er wurde gerade einmal fünf, da stand er mit seinem Vater auf dem Sass Rigais, einem Dreitausender in den Dolomiten. Doch es war nicht der Stolz auf die Leistung oder der Blick in die Tiefe, die sich dem Jungen tief ins Gedächtnis prägte.

Es war die Erfahrung der Ferne, über die nächste Bergkette und die übernächste hinwegsehen zu können, die Einsicht, das die Welt unfassbar viel größer ist als das heimatliche Villnöß-Tal. Und so wurde aus Reinhold Messner erst ein Horizontsucher und später ein Horizontsüchtiger, wie er sich selber nennt. Heute ist der bekannteste Bergsteiger der Welt 70.

Wenn Messner wie am Samstagabend im fast ausverkauften Aachener Eurogress Bilanz zieht, dann klingt oft das Erstaunen durch, überhaupt noch da zu sein. Er, der früher ziemlich sicher war, nicht älter als 40 zu werden, hat alles überlebt – 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff, zahlreiche Erstbegehungen, schwere Wände, die großen Eis- und Sandwüsten dieser Erde. Messner bringt seine persönliche Entwicklung auf die Formel „Üb Leben. Überleben. Über Leben“. Und Messner wäre nicht Messner, hätte er nicht ein Buch daraus gemacht – es dürfte etwa sein 50. sein – und einen Multivisionsvortrag, mit dem er derzeit durch Deutschland tourt.

Da steht ein Überlebenskünstler und erzählt von sich und der Welt, wie er sie sieht, spricht mit seiner unverwechselbaren Stimme konzentriert, packend, druckreif, zwei Stunden lang. Das Überleben ist eine Kunst, heißt seine Kernbotschaft. Das gilt für einen notorischen Grenzgänger wie ihn zumal, aber auch für jedermann.

Messner versagt sich lange Ausflüge ins Metaphysische und bleibt konsequent in seiner Abneigung gegen alles Heroische, gegen Aufschneiderei, organisierte Abenteuer und populären Alpinkitsch. Lieber berichtet er von seinen Hilfs- und Schulprojekten für Bergvölker in Pakistan und Südamerika, seinen fünf Bergmuseen in Südtirol (ein sechstes ist bald fertig) oder Klettertouren mit seinem Sohn Simon.

Wie geht überleben? Mit Mut. Mit Einsicht in die eigenen Fähigkeiten. Mit Glück. Und mit Angst. „Man glaubt es vielleicht nicht“, sagt er, „aber ich bin ein ängstlicher Mensch.“ Auch deswegen ist der Südtiroler einer der wenigen seiner Bergsteigergeneration, die überlebt haben. Von gut 30 seiner engsten Seilpartner lebt heute gerade noch ein Viertel.

Die anderen: erfroren, abgestürzt, höhenkrank geworden, vom Blitz erschlagen wie sein Bruder Siegfried oder unter eine Lawine geraten wie sein Bruder Günther am Nanga Parbat. Diese Tragödie von 1970 war der Tiefpunkt seines Lebens, gab Anlass zu einem heftigen Streit unter den damaligen Expeditionsteilnehmern und beschäftigte Gerichte. So etwas wie ein Abschluss war Messner erst möglich, als 2005 Günthers sterbliche Überreste gefunden und feuerbestattet werden konnten.

Man nimmt ihm ab, wenn er sagt, er fürchte den Tod nicht. Über etwas, das sich dem menschlichen Verstand entzieht, mag er nicht spekulieren. Alle Vorstellungen vom Jenseits nennt er vielleicht tröstlich, aber vor allem „menschengemacht“. Stattdessen erzählt er die Geschichte einer Himmelsbestattung in Tibet, die er erlebte.

Der Leichnam wird aufgeschnitten und an die Geier verfüttert, innerhalb weniger Minuten haben die mächtigen Vögel alles vertilgt, zurück bleibt – nichts. „Darin steckt ein Stück Wiedergeburt“, sagt er. So ein Abschied wäre auch etwas für ihn. Nur fehlten dazu in Südtirol sowohl die Genehmigung der Behörden als auch die Geier. Bis es soweit ist, wird es wohl noch eine Weile dauern. Zeit, den Grenzgang des Lebens fortzusetzen.

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