Regen macht das Leben im Flüchtlingslager im Nordirak zur Qual

Von: Manfred Kutsch
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Khoxo Khodeda und ihre Tochter Talia sind in den Nordirak geflohen. Sie wollen nie wieder zurück in ihr Heimatdorf. Foto: Manfred Kutsch
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Regen macht den Menschen im Flüchtlingslager zu schaffen: Nach einer durchregneten Nacht ist der Boden völlig aufgeweicht. Foto: Manfred Kutsch
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Sauberes Wasser ist in den Lagern ein knappes Gut, es wird mit Tankfahrzeugen angeliefert, die Menschen stehen Schlange, um ihre Kanister zu füllen. Foto: Manfred Kutsch
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Die Zeltlager gelten als Unterkünfte der dritten Kategorie. Sie rangieren nach Schulen und halbfertigen Gebäuden und vor öffentlichen Grünflächen. Foto: Manfred Kutsch
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Die Zeltlager gelten als Unterkünfte der dritten Kategorie. Sie rangieren nach Schulen und halbfertigen Gebäuden und vor öffentlichen Grünflächen. Foto: Manfred Kutsch

Zakho. Welch eine Nacht war das wieder, in diesem nicht enden wollenden Spätherbstregen! Wie aus Eimern prasselte es auf die dünnen Planen der Flüchtingszelte, schnell drang die Nässe in den Lehmboden, und verzweifelt versuchte Saida Jebor (36), ihre fünf Kinder zu schützen.

Sie hatte draußen in Kälte, im böigen Wind und in Dunkelheit stundenlang mit ihren Händen kleine Schutzwälle aus Matsch geformt, um die Seitenwände des Zeltes unten abzudichten. Im Inneren schrie immer mindestens eines ihrer Kinder.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne über dem Camp der 5000 Verzweifelten. Die Bewohner sind zumeist Jesiden (siehe Infobox). Nur der aufgewühlte Schlammboden erinnert an die nächtliche Hölle für die Betroffenen, die meist nicht genügend Decken, Pullover, Jacken und Ma­tratzen haben. „Wir haben nicht geschlafen, nur die Kleinen mal ein wenig, das geht alles über ihre und auch meine Kräfte, aber wir haben unser Leben“, sagt Saida Jebor.

Jetzt ist der Blick frei von hier oben, einem vorgelagerten Bergrücken, auf die irakische Universitätsstadt Zakho an der Grenze zu Syrien und zur Türkei. In dieser Region haben insgesamt rund 300.000 Binnenvertriebene und syrische Flüchtlinge die Einwohnerzahl verdoppelt. Es liegt auf der Hand, dass längst nicht alle versorgt sind. Wie hier, wo wir unweit der tapferen Saida Jebor auf die dreijährige Talia stoßen.

Frisches Trinkwasser

Soeben ist der Tankwagen von Unicef mit frischem Trinkwasser vorgefahren. Irgendwo zwischen all den Kanister schleppenden Menschen entdecken wir das dreijährige Mädchen mit einem orangefarbenen Lutscher und fragen, wo es wohnt. Vertrauensselig führt uns Talia in eine hintere Zeltgasse, über Schlamm und Müll, vorbei an ausgezehrten Menschen mit apathischen Gesichtern. Auch Talias Mutter Khoxo Khodeda (35) hat nicht geschlafen: „Das Wasser ist eingedrungen, wir haben die Nacht fast nur im Stehen verbracht.“ Wir, dazu zählen insgesamt sieben Kinder. Ehemann Sahin sei in den Bergen geblieben, um zu kämpfen, berichtet die Frau.

21 Tage hat die Familie bei ihrer Flucht im August unter freiem Himmel irgendwo im Sindschar-Gebirge festgesteckt, „unter ständiger Todesangst, weil wir von den IS-Milizen umzingelt waren“, erzählt Khoxo Khodeda. Nur durch die Versorgungsabwürfe aus den US-Flugzeugen hätten sie überlebt.

Die Mutter nimmt ihre jetzt quengelnde kleine Tochter auf den Arm und berichtet vom Bangen um ihr Leben: „Talia ist in dem ganzen Stress in den Bergen an Fieber erkrankt und hatte zudem Beschwerden in den Atemwegen. Sie war total geschwächt und hat sich eigentlich bis heute nicht richtig davon erholt.“ Ständig frage sie „wann wir wieder nach Hause kommen“.

Die Frau ringt sich ein müdes, mitleidiges Lächeln ab: „Was soll ich einem kleinen Kind sagen? Ich tröste es und mache Hoffnung.“ Die sie in Wahrheit nicht hat: „Wir würden nie wieder in unser Dorf zurückgehen“, sagt Khoxo Khodeda. Das Trauma der erlebten IS-Gewalt und der Vertreibung ist zu groß.

„Um die Bevölkerung eingenommener Orte einzuschüchtern, nehmen die Terroristen öffentliche Enthauptungen vor oder stellen sogar Kinder an die Wand“, sagt Marzio Babille, Chef von Unicef Irak. Khoxo schweigt über das, was sie selber hat mit ansehen und erleben müssen. Fest steht: „Auf keinen Fall“ wolle sie jemals heim, sie weiß aber auch nicht, wie sie mit ihren Kindern den harten kurdischen Winter überleben soll.

Hier, in dieser nur provisorischen Fluchtenklave, wo im Sommer etliche vertriebene Jesiden zusammentrafen und das UNHCR auf die Schnelle zumindest ein paar hundert Zelte aufstellte. „Die kurdische Provinzregierung will die Menschen aus improvisierten Camps in winterfeste Lager umsiedeln, aber niemand weiß derzeit, wann und wohin. Es sind einfach zu viele Flüchtlinge in zu kurzer Zeit“, sagt uns Unicef-Mitarbeiter Marc Vegara.

Jesiden, Christen, Turkmenen

Ob Jesiden, Christen, Turkmenen oder gemäßigte Moslems – insgesamt hat der Nordirak derzeit 1,1 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene zu verkraften. Sie verteilen sich an rund 1800 Orten im ganzen Land, besonders im Grenzgebiet von Dohuk und Zhako – für Unicef und andere Hilfsorganisationen eine enorme Herausforderung.

Viele der entwurzelten Menschen in dieser Region sind noch unversorgt wie die Familien von Saida Jebor und Khoxo Khodeda, die Menschen im Matsch, ohne Latrinen, ohne Strom und fließendes Wasser, angewiesen auf unregelmäßige Lieferungen von Hilfsorganisationen und Zuwendungen der Kommunen. In ähnlicher Lage sind Zehntausende Flüchtlinge, die darauf warten in eines der 15 geplanten neuen Großcamps zu kommen.

Auf dem Weg in die Kleinstadt Khanke, die bei 22.000 Einwohnern die dreifache Zahl an Vertriebenen zu verkraften hat, durchqueren wir weitere Teile des Krisengebietes, oft unterbrochen von Checkpoints kurdischer Peschmergas, nur wenige Kilometer von den inoffiziellen Grenzen des Islamischen Staates entfernt. Bei anhaltendem Nieselregen passieren wir öde Mondlandschaften, karges Wüsten- und Steppenland.

Unser Fahrer, ständig mit Handy am Ohr, brettert unseren Toyota mit 140 Stundenkilometern. Fragen nach Führerschein, Überholverboten und Geschwindigkeitskontrollen stellt hier niemand. Das gilt allen voran für den globalen Lkw-Verkehr der Öl-Konzerne.

Es rauschen trostlose Szenen an uns vorüber: die ungezählten Industriebrachen, Autofriedhöfe, Bauruinen, abgewrackte Imbissbuden und Feuer speiende Ölraffinerien, um die es ständigen Streit zwischen der irakischen Regierung in Bagdad und der kurdischen in der autonomen Provinzhauptstadt Erbil gibt. Die ist im Übrigen rundherum mit Gräben und Panzerblockaden vor einer IS-Attacke am Boden geschützt.

Anders als das eroberte Mossul, ehedem eine multiethnische Millionenstadt mit alter christlicher Tradition – seit Juni Zentrum des IS-Regimes. An einer normalen Kreuzung weist uns ein Straßenschild gen Mossul nach links. Entfernung: 13 Kilometer. Das bedeutet: Wer abbiegt und zehn Minuten fährt, wird sicher von einer IS-Patrouille festgenommen. Die Schergen der Terror-Miliz kontrollieren das öffentliche Leben im Scharia-Staat rund um die Uhr. „Seit der Eroberung der Stadt können wir Kurden uns dort auch nicht mehr sehen lassen“, sagt Mohamed Ishar (24), unser 24-jähriger Dolmetscher im Unicef-Dienst.

Luftschläge auf Mossul

Wir setzen unsere Fahrt in Richtung Dohuk fort, nicht ahnend, dass auf Mossul wenig später US-Luftschläge niedergehen würden, bei denen mutmaßlich der Dschihadistenführer Abu Bakr al-Bagdadi in einem Konvoi getötet wird. Derweil setzen wir unsere Besuche in Flüchtlingslagern fort. Unicef-Mitarbeiterin Freya von Groote macht uns mit einem breiten Spektrum der Notunterkünfte vertraut: „Es gibt vier Kategorien. Für die Flüchtlinge am besten sind die Schulen, auch wenn oft einhundert und mehr Menschen in einem Raum leben müssen. Danach kommen die halbfertigen Gebäude. Sie sind zwar kalt und ohne Fenster, aber sie stehen meist in der Nähe von Ortschaften und bieten Schutz vor Regen, Schnee und Wind. Dritter Klasse, da kommen wir gerade her, sind die provisorischen Zeltlager voller Dreck und Matsch, die oft abgelegen sind. Am Schlimmsten ist es für die Familien, die in öffentlichen Parks oder am Straßenrand hausen müssen.“

Dort sind wir jetzt angelangt, wir stehen vor dem Duban Garden am Rande von Khanke, der einstmals grünen Lunge der Kleinstadt. Ein alter Mann läuft mit überkreuzten Armen vor der Brust auf uns zu, will heißen: „Ich friere.“ Er bettelt um eine Jacke.

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