Düsseldorf/Berlin - Polizisten werden immer häufiger selbst Opfer: „Respekt schwindet”

Polizisten werden immer häufiger selbst Opfer: „Respekt schwindet”

Von: dpa
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Ein Polizeibeamter beobachtet eine Kundgebung von Rechtsextremen. Foto: dpa

Düsseldorf/Berlin. Im Einsatz angepöbelt, angespuckt oder sogar attackiert: Die Zahl der Angriffe auf Polizisten steigt in vielen Bundesländern stark an. In Bayern etwa war 2011 statistisch fast jeder dritte Beamte betroffen, wie Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag sagte.

„Der Respekt vor der Polizei schwindet.” Es werde „beleidigt, bespuckt, bedroht, geschlagen, getreten und mit dem Kopf gestoßen”. Die Intensität sei erschreckend, in einigen Fällen hätten die Beamten Todesangst gehabt. Kollegen überall in Deutschland berichten Ähnliches - auch in Nordrhein-Westfalen.

In NRW stieg die Zahl der Angriffe um acht Prozent. „Die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, ist gesunken”, sagte Wolfgang Beus vom Landesinnenministerium in Düsseldorf. Um die Beamten besser vorzubereiten, sollen Beamte derzeit in einer Online-Befragung Gewalterfahrungen schildern, dann soll der Schutz verbessert werden.

Die Zahl der Gewaltakte gegen bayerische Beamte stieg im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf rund 6900 Fälle. Rund 1900 Polizisten wurden verletzt. Ein Augsburger Polizist wurde getötet, einem Beamten wurde eine Fingerkuppe abgebissen. Mehr als 70 Prozent der Täter waren betrunken oder unter Drogen, viele waren jünger als 21 Jahre.

In Berlin nahm die Gewalt gegen Polizisten 2011 noch stärker zu: Die Zahl der Fälle von Körperverletzungen stieg laut Statistik um 120 Prozent, die von Widerstand gegen Polizisten um fast 60 Prozent. Rund 800 Beamte wurden verletzt, ein Plus von knapp acht Prozent.

Bundesweit wurden nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) mehr als 90 Prozent der Beamten bereits angegriffen oder beleidigt. Betroffene zeigten viele Delikte nicht mehr an, weil die Angriffe oft nicht oder nur geringfügig bestraft würden, sagte der Berliner Landeschef Michael Purper. Polizisten klagten zudem zunehmend über Ablehnung: „Das liegt daran, dass die Polizei fast nicht mehr präventiv auf der Straße unterwegs ist. Den Kiez-Polizisten, der mal ein Schwätzchen mit Anwohnern hält, gibt es nicht mehr wirklich.”

In Baden-Württemberg zählte das Innenministerium im vergangenen Jahr 3240 tätliche Angriffe auf Beamte, in jedem zweiten Fall wurde ein Polizist verletzt, nach 1300 Fällen im Vorjahr. „Die Leute haben zunehmend den Respekt gegenüber der Polizei verloren”, sagte ein Pressesprecher.

Leicht rückläufig ist die Zahl der Gewaltakte hingegen in Schleswig-Holstein. Hier gab es 2011 insgesamt 705 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte, 100 weniger als 2010. Nach Ansicht von Innenminister Andreas Breitner (SPD) liegen die Fallzahlen aber auf einem deutlich zu hohen Niveau: Die Schwere der Übergriffe nehme zu, das Aggressionspotenzial sei teilweise sehr groß.

In manchen Bundesländern wie etwa Brandenburg ist ein Vergleich mit Vorjahren schwierig, erst seit kurzem wird die Zahl der Taten nach bundeseinheitlichen Kriterien erfasst.

In Sachsen-Anhalt erinnert man sich vor allem an diesen Fall: Im Januar warfen Angehörige der linken Szene in Magdeburg eine 40 mal 20 Zentimeter große Betonplatte aus dem fünften Obergeschoss eines Hauses auf Polizisten - bei einem Treffer hätte es wohl Tote gegeben. „Die Hemmschwelle für körperliche Gewalt als auch die Gewalt mit Worten ist gesunken. Es wird härter”, sagte kürzlich Landespolizeipfarrer Michael Bertling.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig will sich wie seine Kollegen gegen die zunehmende Gewalt stemmen: „Diese Entwicklung nehmen wir nicht hin. Wer Polizisten angreift, greift die Gesellschaft an.”

Bayern soll nun stärker in den Schutz von Polizisten investieren: Das Land stellt für dieses Jahr eine Million Euro für eine bessere Ausrüstung bereit. Neue Helme und spezielle Westen sollen gekauft werden.

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