NS-Herrschaft: Gewalt, Elite, Gemeinschaft

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Vier Abende im Januar 1979: Die amerikanische TV-Serie „Holocaust“ (unter anderem mit Meryl Streep, rechts) veränderte die Bewusstseinslage der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Foto: stock/United Archives, dpa
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Vier Abende im Januar 1979: Die amerikanische TV-Serie „Holocaust“ (unter anderem mit Meryl Streep, rechts) veränderte die Bewusstseinslage der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Foto: stock/United Archives, dpa
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Dr. Habbo Knoch (45) ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Köln.

Der selbstkritische Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen ist über die Jahrzehnte zu einem politisch-kulturellen Identitätsmerkmal der Bundesrepublik Deutschland geworden. Bis sich die Deutschen als Tätervolk erkannten, mussten allerdings erhebliche Widerstände beseitigt werden.

Erledigt ist die Aufarbeitung auch heute – 70 Jahre nach dem Holocaust – nicht; sie muss immer wieder neu beginnen. Unsere Zeitung sprach darüber mit dem Kölner Historiker Habbo Knoch.

Rituale sind wichtig. Ritualisiertes Gedenken wird trotzdem kritisiert. Wie beurteilen Sie die Form, in der das offizielle Deutschland an den Holocaust erinnert?

Knoch: Das Erinnern an den Holocaust ist Teil der deutschen Staatsräson geworden. Es ist als staatlich gewordene Empathie wichtig und bewahrenswert. Das gelingt nur, wenn das Gedenken nicht erstarrt. Also müssen wir uns bei allen nötigen Ritualen immer den emotionalen Herausforderungen stellen, die sich aus den Zeugnissen der Opfer und vor allem auch der Täter ergeben. Denn die inneren Bezüge der deutschen Gesellschaft zur Tätergesellschaft sind für viele immer noch ein Tabuthema.

Ein bis heute häufig geäußerter Vorwurf lautet, die intensive Beschäftigung mit dem Holocaust führe zu Überdruss und verstärke Verdrängungstendenzen.

Knoch: Inzwischen sagen das vor allem Erwachsene. Bei Jugendlichen und Studenten klingt das schon anders: „Das haben wir in der Schule kaum behandelt.“ In den Medien tauchen die Verbrechen des Nationalsozialismus oft nur am Rande auf, und überregionale Zeitungen werden von den meisten jungen Leuten kaum gelesen. Wir müssen uns aber nicht nur fragen, ob genug, sondern auch, ob das Richtige getan wird, um das Wissen und Nachdenken über den Holocaust in der Gesellschaft zu verankern. Das gelingt nicht, wenn es einfach als Norm von oben vorgegeben wird. Es geht darum, zu verstehen, dass die Beschäftigung mit dem Holocaust zu meiner zivilisatorischen, humanistischen Bildung gehört – gerade als radikalstes Beispiel für die Zerstörung von Idealen der Menschheit wie etwa denjenigen der Französischen Revolution.

Gilt das auch für die Politik? Erwächst aus dem Holocaust, für den Deutschland verantwortlich war, heute eine historische Verantwortung für die Bundesrepublik?

Knoch: Ja, definitiv! Was hier bisher erreicht worden ist, muss als Errungenschaft einer selbstkritischen Gesellschaft fortgeführt, aber eben immer auch reflektiert werden.

Heißt das, dass die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen von 1933 bis 1945 ein Kriterium, ein gültiger Maßstab für politisches Handeln ist?

Knoch: Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind ein negativer Referenzwert für unsere heutige moralische Orientierung. Sich damit auseinanderzusetzen, ist deshalb nach wie vor ein zentrales Element für die bundesrepublikanische Identität.

Die eigentliche Frage bleibt: Wie waren diese Verbrechen möglich in einer großen Kulturnation, in einem Land, in dem kurz zuvor Menschen wie Albert Einstein, Thomas Mann, Erich Kästner, Friedrich Holländer den Ton angegeben hatten?

Knoch: So schwierig das ist, will ich versuchen, es in drei Begriffen kurz auf den Punkt zu bringen: Gewalt, Elite, Gemeinschaft. Gewalt hat – als soziale Bindungsnorm – eine große Rolle für den Aufstieg des Nationalsozialismus gespielt. Mit Aufstieg und Herrschaft der Nationalsozialisten sind neue Eliten entstanden; das bot gerade Männern um die 30 und 40 Aufstiegschancen. Und schließlich war die „Volksgemeinschaft“ nicht nur ein Propaganda-Postulat, sondern trug neben anderem zu Bindung und Loyalität bei. Diese drei Aspekte waren für den Erhalt der Herrschaft über zwölf Jahre hinweg – und gerade im Krieg – entscheidend.

Erklärt das auch, warum die gewöhnlichen Deutschen es ignoriert, passiv toleriert oder sogar gefördert haben, dass die Juden erst ausgegrenzt, dann vertrieben und schließlich ermordet wurden?

Knoch: Auch viele, die keine Gewalttäter oder politisch Verantwortliche waren, haben unmittelbar oder indirekt zur Ausgrenzung beigetragen, von ihr profitiert oder sie zumindest akzeptiert. Das hatte oft mit persönlichen Vorteilen oder dem Vermeiden von Nachteilen zu tun. Bevor man das moralisch beurteilt, haben wir zu analysieren, vor welchen individuellen Handlungsalternativen der Einzelne damals stand. Wer war bei den Deportationen dabei, wer war zuständig, wer machte die Fotos? Wir wissen, dass viele Erwachsene dabei waren; aber auch ganze Schulklassen wurden dorthin geführt.

Da kommen wir zu der Frage: Was haben die gewöhnlichen Deutschen gewusst?

Knoch: Sie haben wesentlich mehr gewusst, als viele Deutsche lange zugeben wollten und heute noch zugeben wollen. Die Nationalsozialisten wollten die schlimmsten Verbrechen geheim halten, aber das funktionierte nicht. Und schließlich nutzte das Regime die Konzentrationslager auch als Bedrohungspotenzial. Ihre Existenz war im Volk bekannt. Nach 1945 sagten drei Viertel der Bevölkerung: „Nein, von Konzentrationslagern wussten wir nichts.“ Solche Aussagen standen auch unter dem Eindruck von Fotos aus den befreiten Lagern – mit Leichenbergen. Die hatten aber wenig mit dem zu tun, was die Deutschen mit dem Begriff „KZ“ verbanden.

Aber waren sie deshalb unwissend?

Knoch: Die Nazis hatten die Vernichtung der Juden oft genug angekündigt; das war bekannt. Die Vorstellung und das Wissen, dass diese Prophezeiungen tatsächlich umgesetzt wurden, sind wiederum etwas Anderes. Wir müssen also versuchen, uns in die damalige Situation zu versetzen. Welches Bild von den Verbrechen konnten und wollten sich Menschen machen? Als man sie kurz nach Kriegsende nach dem Mord an den Juden fragte, sagten die Meisten: „Das wussten wir nicht.“ Man hätte anders fragen können: „Haben Sie gehört, dass Juden umgebracht werden?“ Dann hätten vielleicht viele gesagt: „Ja, das haben wir gehört.“ So erzählten viele Soldaten beim Fronturlaub, was sie gesehen oder gehört hatten; manche hatten Fotos, die Verbrechen dokumentierten.

Viele wollten trotzdem nichts sehen und wissen; sie wussten, warum sie nichts wissen wollen.

Knoch: Vor allem die Verantwortlichen und Mörder, die später in die Gesellschaft integriert wurden. Aber für die Mehrheit gibt es den Begriff der moralischen Indifferenz: Man nimmt etwas wahr, das vielleicht dem eigenen Wertesystem als Christ, als Humanist widerspricht. Aber Konsequenzen werden vermieden – aus Bequemlichkeit, aus Sorge, aus Angst, aus dem Bestreben heraus, es zu ignorieren. Und sehr viele waren überzeugt, dass das Regime richtig handelte.

Gibt es die „Moralkeule Auschwitz“, von der der Schriftsteller Martin Walser in seiner berüchtigten Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998 gesprochen hat?

Knoch: Das war eine polemische Entgleisung und ist seit langem ein Begriff der rechtsextremistischen Szene; er ist unangemessen und unzutreffend. Es gibt als Teil des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses ein starkes moralisches Postulat, sich an den Verbrechen und deren Ursachen zu orientieren; das gehört zur Diskussion über die Grundlagen unserer Gesellschaft.

Das war in den 50er und frühen 60er Jahren der Bundesrepublik nicht so; da wurde die Vernichtung der Juden ausgeblendet, geleugnet, verdrängt.

Knoch: Ja und nein. Bis Ende der 60er Jahre gibt es drei Phasen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit erreichte die starke Präsenz des Themas durch Prozesse, Überlebenden- und Presseberichte, Ausstellungen nicht die gesamte deutsche Gesellschaft und wurde zudem häufig als von den Besatzern aufgezwungen empfunden. Das ging über in die zweite Phase: Beschweigen, leugnen, abwehren – das kennzeichnete die 50er Jahre. Der Hauptgrund dafür war die enge Verschränkung der deutschen Gesellschaft mit der NS-Zeit. Es gab keine strafrechtlichen Ermittlungen mehr, keine Prozesse gegen NS-Täter, keine Publikationen, keine wahrnehmbare Forschung, keine nennenswerten Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsorte. Das änderte sich in den 60er Jahren mit den großen Prozessen, der juristischen Aufarbeitung, ersten symbolischen Gedächtnisorten – Dachau, Buchenwald, Neuengamme – und Forschungsprojekten.

Trotzdem ist der Holocaust auch in den 60er Jahren nicht ins kollektive Gedächtnis eingedrungen. Erst die Ausstrahlung der US-Fernsehserie „Holocaust“ 1979 hat die Dimension der Judenvernichtung den Deutschen wirklich bewusst gemacht.

Knoch: Richtig, man darf – bei allen Fortschritten, bei aller politischer Sozialisierung – die 60er Jahre nicht überschätzen. Dass sich die Deutschen der Judenvernichtung wirklich bewusst geworden sind, dafür spielte die TV-Serie „Holocaust“ tatsächlich eine ganz wichtige Rolle; sie hat nicht zuletzt diesen Begriff gesetzt.

Hollywood war nötig, damit den Deutschen der Holocaust präsent wurde?

Knoch: Es gab zwar schon eigene Initiativen, aber es war die Erzählweise der Serie, die die deutsche Gesellschaft ge- und betroffen hat. Sie hat die Erinnerung auf Personen und auf den Mord an den europäischen Juden gelenkt. Eine Familiengeschichte machte den Tatbestand konkret. Der Holocaust wurde so unbestreitbar in eine breite deutsche Öffentlichkeit getragen, wie es vorher nie der Fall war.

Erst in den 80er und 90er Jahren erschienen dann viele Erinnerungen der Opfer. Warum erst so spät?

Knoch: Wir wissen von vielen Opfern – auch in Israel oder Amerika, dass man Jahrzehnte braucht, um sich dem Trauma überhaupt wieder zu stellen. Es entsteht das Bedürfnis, jungen Menschen etwas mitzuteilen. Deshalb gingen und gehen viele Opfer in Schulklassen. Dazu ist aber auch eine Öffentlichkeit nötig, die bereit ist, solche Zeugnisse aufzunehmen und sie nicht – jedenfalls nicht wie zur Zeit der Prozesse – infrage zu stellen. Die latente Abwehr – bis hin zum Leugnen – war damals noch nicht gänzlich verschwunden.

Es hat also 40, 50 Jahre gedauert bis zu einer angemessenen Aufarbeitung.

Knoch: Um die Jahre 1989/90 gab es noch einen deutlichen Einschnitt, was die Breite der Erinnerung angeht: Zuvor sah vor allem eine Bildungselite ihre Aufgabe darin, der deutschen Gesellschaft zu vermitteln, dass die Erinnerung an die NS-Verbrechen notwendig ist. Weite Teile der Gesellschaft waren hingegen der Auffassung, sich damit schon ausreichend beschäftigt zu haben; es gab die Schlussstrich-Mentalität. Viele Wissenschaftler, Journalisten, Lehrer, Kirchenvertreter hielten dagegen.

Was war dann in den 90er Jahren anders?

Knoch: Der politische Legitimationsraum hatte sich verändert. Das heißt: Das wiedervereinigte Deutschland wurde in Europa genau beobachtet. Auch die Motivation von unten wurde noch stärker, sich mit den Verbrechen auseinanderzusetzen und die Erinnerung an den Holocaust als moralische Selbstverpflichtung zu etablieren. Zudem kamen durch das Ende der DDR neue Themen auf: das Verhältnis von Tätern und Opfern, von Rechtsstaat und Unrechtsstaat, die Frage, wo und wie erinnert wird. Die staatlich getragene Gedenkkultur entwickelte sich mehr und mehr.

Seit einigen Jahren werden die Deutschen insbesondere in hiesigen Fernsehfilmen stärker als Opfer des Zweiten Weltkrieges dargestellt.

Knoch: Zunächst einmal war die Voraussetzung dafür, dass hierzulande seit Ende der 50er Jahre überhaupt an die NS-Verbrechen erinnert werden konnte, die Tatsache, dass sich die Deutschen selbst als Opfer gesehen haben. Der Volkstrauertag, der 1952 wiedereingeführt wurde, war jahrzehntelang eine Veranstaltung, bei der es primär um die Deutschen als Opfer ging. Die Rangfolge für die Nennung von Opfern war klar: Erst kamen die deutschen Soldaten, Kriegerwitwen und Vertriebenen, dann erst verschiedene Opfergruppen des Nationalsozialismus. Bezeichnend ist zudem, dass selbst dezidierte Täter zu Opfern des NS-Regimes umgewidmet wurden und die Deutschen sich quasi zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus erklärten. Diese Selbstviktimisierung (sich selbst zum Opfer machen, Anm.d.R.) war eine gesellschaftliche Voraussetzung, um überhaupt – und erst danach – auch anderer Opfer mit zu gedenken. In der Familie erinnerte man sich lange zudem eher an Soldatenschicksale, Bomben und Vertreibung. Die Empathie liegt stärker bei Nahestehenden als bei fremden und fernen Opfern und vor allem Toten, die man nicht kennt. Es hat also immer ein doppeltes Gedächtnis gegeben.

Ist das heute immer noch so?

Knoch: Es ändert sich, weil viele jüngere Menschen keine Eltern oder Großeltern mehr haben, mit denen sie über deren Erlebnisse reden können. Der direkte Bezug fehlt. Wir kommen immer stärker in die Historisierung der NS-Zeit. In dem Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“ werden uns Menschen gezeigt, die alle Opfer eines Systems werden, das sie scheinbar selbst nicht zu verantworten hatten. So werden aber Identifikationsfiguren geschaffen, die komplett aus dem politischen Kontext des Nationalsozialismus herausgenommen sind. Doch das Politische war entscheidend. Die Frage bleibt, ob und wie sich die Dimension des Zivilisationsbruchs der Jahre 1933 bis 1945 filmisch überhaupt darstellen lässt. Filme haben oft kritische Erinnerung angestoßen, aber „Unsere Mütter, unsere Väter“ will keine Aufarbeitung, sondern vor allem Empathie mit den Deutschen als vermeintlichem Opferkollektiv erreichen.

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