Netzers Abschied: „Ich habe genug geredet”

Von: dpa
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Netzers Abschied: "Ich habe genug geredet"
Günter Netzer (65) tritt beim Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Uruguay das letzte Mal als ARD-Experte auf. Die wortreichen Scharmützel von Netzer und Gerhard Delling werden lange in Erinnerung bleiben. Foto: Ulrich Perrey, dpa

Berlin. Er wird fehlen. Ebenbürtige Nachfolger sind nicht in Sicht. An diesem Samstag beim Spiel um Platz drei bei der WM tritt Günter Netzer zum letzten Mal als ARD-Fußballexperte auf.<br />

Das Endspiel der Fußball-WM wäre seiner würdig gewesen. Jetzt springt nur Deutschlands Kick um die goldene Ananas für ihn heraus. Günter Netzer (65) tritt an diesem Samstag (20.30 Uhr) beim Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Uruguay das letzte Mal als ARD-Experte auf. Die wortreichen Scharmützel von Netzer und Gerhard Delling werden lange in Erinnerung bleiben. Das Finale bleibt der ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein und ihrem Kompagnon Oliver Kahn vorbehalten.

Die Sticheleien des Gespanns Delling/Netzer haben die Leute zum Schmunzeln gebracht: „Sie sind ja der Mann fürs Rustikale”, grantelte Günter Netzer mit gespielter Abscheu. Und: „Diese dumme Frage braucht eine dumme Antwort.” Gerhard Delling, der vermeintlich dumme Fragesteller, konterte später, mit Blick auf das Ende der gemeinsamen Auftritte mit seinem kongenialen Partner: „Ich muss ihn motivieren. Das ist gar nicht so einfach.”

Netzer wird ein Loch hinterlassen, dass seine Erben wie Mehmet Scholl bei der ARD oder Oliver Kahn beim ZDF nicht ansatzweise schließen können. Netzer und Delling waren wegen ihrer „Odd couple”-Konstellation im Stil von Walter Matthau und Jack Lemmon über jede Kritik erhaben. Für ZDF-Widerpart Müller-Hohenstein hagelte es bei dieser WM dagegen Kritik, weil sie vor der Kamera die Formulierung vom „inneren Reichsparteitag” benutzte. Außerdem geriet sie unter Druck, weil sie für die Molkerei Weihenstephan in Werbefilmchen auftrat. Die Firma und Müller-Hohenstein beendeten jetzt ihre Zusammenarbeit.

Die ARD setzt in Zukunft, statt auf Netzer, voll auf Scholl, der nach der WM sowohl - wie bisher - mit Reinhold Beckmann als auch mit Delling auf Sendung gehen soll. Netzer wird dennoch fehlen. „Bei Günter Netzer möchte ich mich für 13 gemeinsame, sehr erfolgreiche Jahre ganz herzlich bedanken. Er hat einen klasse Job gemacht”, sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres vor kurzem.

Netzers trockener Humor aus der Tiefe des Hirns ist in der Fußball-Fernsehbranche einmalig. Im Zusammenspiel mit dem gelernten Redakteur Delling ergaben sich verbale Doppelpässe, die auch journalistisch und Fußball-faktisch höchsten Ansprüchen genügten. Nur hin und wieder machten sie Späße um ihrer selbst willen.

Netzer und Delling kultivierten den Schlagabtausch mit dem künstlich beibehaltenen „Sie”. Abseits der Kamera sind sie schon seit längerem verbunden. „Ohne die Freundschaft wäre das nicht möglich gewesen”, sagte Netzer. „Mit einem Neutrum kann ich nicht an die Grenze gehen - bis zur Beleidigung.”

Hemmungen hatte Ex-Nationalspieler Netzer in der Tat wenig. Er ist sich bei der Frage nach den munteren Wortwechseln aber sicher: „Das war nur möglich, weil wir authentisch sind.” Über sich selber sagte er: „Ich bin kein Show-Mann.” Trotzdem wurden er und Delling mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Grimme-Preis.

Nach zwölf Jahren bei der ARD ist nun Schluss. „Das ist eine persönliche Entscheidung. Ich habe für mich gespürt, dass es genug ist.” Er habe immer einen Horror vor Menschen gehabt, „die man mit einem Lasso von der Bühne holen musste”. Und in seiner unnachahmlichen Art fügte er an: „Ich habe genug geredet. Ich kann mich selbst nicht mehr im Fernsehen anschauen.”

Dem 65-jährigen Netzer wird ohne TV-Job nicht langweilig werden. Er ist Teilhaber und Executive Director bei der Vermarktungsagentur Infront. Außerdem schreibt er gelegentlich Gast-Kommentare. „Ich bin ein rundum zufriedener Mensch”, beschrieb Netzer sich selbst. „Ich führe ein privilegiertes Leben.”

Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass Netzer die TV-Bühne nicht vermissen wird. Es ist wohl eher umgekehrt so, dass die meisten TV-Zuschauer den Experten Netzer vermissen werden.

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