Natur erobert sich Autobahntrasse zurück

Von: ddp
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Ein Lkw faehrt am Mittwoch (29.06.10) auf der Autobahn 4 (A4) zwischen Dresden und Chemnitz auf einer Bruecke ueber das sogenannte Tanneberger Loch. Vor gut elf Jahren rollten die Autos und Motorraeder noch genau dort, wo sich jetzt die Natur ausbreitet. Nach Angaben des saechsischen Wirtschaftsministeriums quaelten sich Ende der 1990er Jahre taeglich bis zu 66.000 Fahrzeuge durch das sogenannte Tanneberger Loch zwischen dem Dreieck Nossen und der Anschlussstelle Wilsdruff, benannt nach dem nahen Dorf Tanneberg. Foto: ddp

Tanneberg. Schmetterlinge und Libellen tummeln sich auf einer bergigen Trockenwiese nahe der Ortschaft Schmiedewalde in Sachsen. Ein Idyll, das nur durch die Verkehrsgeräusche der nahen Autobahn A 4 von Chemnitz in Richtung Dresden auf der Anhöhe gestört wird.

Vor gut elf Jahren rollten die Autos und Motorräder noch genau dort, wo sich jetzt die Natur ausbreitet. Nach Angaben des sächsischen Wirtschaftsministeriums quälten sich Ende der 1990er Jahre täglich bis zu 66 000 Fahrzeuge durch das sogenannte Tanneberger Loch zwischen dem Dreieck Nossen und der Anschlussstelle Wilsdruff, benannt nach dem nahen Dorf Tanneberg.

Autofahrer fürchteten den Bereich wegen der Steigungen und Gefälle, das Tanneberger Loch galt als Unfallschwerpunkt. Bei feuchter Witterung rasten die Fahrzeuge nicht selten völlig unvermittelt in eine dichte Nebelwand im Tal des Flüsschens Triebisch. An älteren Bäumen zeigt Torsten Peters von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts Meißen den früheren Verlauf der Autobahn.

Heute ist es kaum vorstellbar, dass vier Fahrstreifen auf eine so schmale und kurvenreiche Trasse passten. Die Autobahnen - der Abschnitt durchs Tanneberger Loch wurde 1937 eröffnet - seien damals ganz anders gebaut worden, sagt Peters. Reisende, die mit maximal 80 Stundenkilometern unterwegs waren, sollten die Landschaft genießen. Die einstige Betonpiste zerschnitt das Landschaftsschutzgebiet Triebischtäler an den nördlichen Ausläufern des Erzgebirges.

Nach Verlegung der Trasse wurden die alten Betonplatten sowie Teile des Unterbaus entfernt und Mutterboden aufgefüllt. In eigenen Talbereichen sind auch Gehölze gesetzt worden. Allerdings wird der Natur Zeit gelassen, sich die alte Autobahntrasse selbst zurückzuerobern.

Dort, wo anfänglich nur Trockenrasen zur Festigung des Mutterbodens gesät worden war, kann Peters nach zehn Jahren schon eine erstaunliche Artenvielfalt ausmachen: Zurzeit blühen Kleearten und Schafgarbe. Zwischen den Pflanzen sind im Triebischtal noch kleinere Teile eines Beton-Granit-Gemischs der früheren Autobahn zu erkennen. „Diese Baustoffe wurden untersucht und sind völlig gefahrlos, es werden keine Schadstoffe ausgespült”, sagt Peters.

Die Untere Naturschutzbehörde mit Amtssitz in Großenhain ist für das Landschaftsschutzgebiet zuständig. Es liegen bisher jedoch keine genauen Artenlisten zur Renaturierung vor. „Wir gehen davon aus, dass die Flora und Fauna aus dem umliegenden Landschaftsschutzgebiet die ehemalige Autobahntrasse besiedelt”, sagt Peters.

Das Areal wird von verschiedenen Flächenbesitzern forst- und landwirtschaftlich genutzt. Durch die Bachtäler führen auch beschilderte Wanderwege, einer direkt auf der früheren Autobahntrasse. Wegen fehlender touristischer Infrastruktur gilt der Bereich allerdings eher als Geheimtipp bei Ausflüglern, was der Natur seit rund zehn Jahren viel Freiraum zur Entfaltung gibt.

Die Verlegung der A 4 aus dem Tal in nördliche Hanglage war notwendig geworden, weil die für eine Autobahn extremen Steigungen und Gefällstrecken von bis zu sechs Prozent nicht mehr den gültigen Richtlinien entsprachen, hatte das Wirtschaftsministerium 1999 bei der Autobahnverlegung mitgeteilt. Zudem gab es durch das Tanneberger Loch weder Kriechspuren für langsame Lastwagen noch Standspuren für Pannenfahrzeuge.

Der Bau der Neubaustrecke begann im Juni 1996 mit einer Talbrücke über das Triebischseitental. Zwei weitere Spannbetonbrücken über das Tännichtbachtal und das Triebischtal waren zur Umgehung des Tanneberger Lochs nötig. Die Bauwerke haben Längen zwischen 190 und 425 Metern und erreichen Höhen zwischen 21 und 50 Metern. Diese Brücken stellen aus Sicht von Umweltfachmann Peters eine vertretbare Lösung dar.

Eine auf sechs Fahrspuren plus zwei Standstreifen verbreiterte Trasse durch das Tanneberger Loch hätte größere Einschnitte in die Natur mit sich gebracht, der auch bewaldete Hänge zum Opfer gefallen wären. Die Neubautrasse hingegen verläuft auf früher überwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen.
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