Tübingen - Namenlos auf dem Seziertisch: Körperspender

Namenlos auf dem Seziertisch: Körperspender

Von: Susanne Müller
Letzte Aktualisierung:
leichenkammer
Christof Schomerus, Privatdozent an der Anatomie der
Universitaet Frankfurt am Main, schiebt einen konservierten Leichnam in die Foto: ddp

Tübingen. In ihrem Freundeskreis hat die Stuttgarterin Maria Kleiner (Name geändert) Verblüffung ausgelöst, als sie berichtete, dass sie ihren Körper nach ihrem Tod der Anatomie spenden wird. Ihren Freundinnen sagte sie schmunzelnd: „Da schaut dann wenigstens noch ab und zu jemand nach mir.”

Die Vorstellung, hin und wieder könne die Tür „ihres” Kühlfachs aufgehen und jemand hineinschauen, fand sie „irgendwie beruhigend”. „Wir haben immer ausreichend Spender, aber keinen Boom”, sagt Professor Hans-Joachim Wagner vom Anatomischen Institut der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Gut 50 Körper stehen angehenden Medizinern in Tübingen jedes Jahr zur Verfügung, damit sie Anatomie praktisch lernen können.

Das ist aufwendig und wird nicht in allen europäischen Ländern im Medizinstudium geboten. Üblicherweise wird der Leichnam in Formalin konserviert, was entsprechend den gesetzlichen Vorschriften sechs Monate Lagerung erfordert und Gewebefarbe und Konsistenz der Leichen verändert. „Aber es ist die praktikabelste und anerkannte Lösung”, sagt Wagner.

Körper, die „stark beschädigt oder verändert sind”, seien für die Anatomiekurse nicht geeignet. „Es sind keine Pathologen, sondern junge Mediziner, die den Aufbau eines möglichst normalen Körpers kennenlernen müssen”, erläutert Wagner. Die Körper auf den Seziertischen haben keinen Namen, nur eine Nummer. Die Studenten wissen nicht mehr als Alter und Todesursache.

Eine Studentin schildert ihre Erlebnisse im Seziersaal im Internet: „Die Leiche, unser Präparat, verlor immer mehr an Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körper. Je tiefer wir präparierten, desto mehr lernten wir und desto seltener kam mir der Gedanke, wer dieser Mensch vor uns auf dem Tisch gewesen sein mochte.” Und doch: „Wir hatten das Privileg, das Leben begreifen zu dürfen - im wahrsten Sinne des Wortes.” Diese Haltung komme der Intention derer entgegen, die ihren Körper als Vermächtnis der Anatomie überlassen, sagt Wagner. „Es sind sehr häufig Menschen, die gute Erfahrungen mit einem Arzt gemacht haben.” Und nun wollten sie der Medizin etwas zurückgeben. „Das ist idealistisch, eine ethisch solide Entscheidung und ehrenvoll”, unterstreicht er. Die Universitäten würdigten dies „mit einer Aussegnungsfeier und einer ordentlichen Beerdigung”.

Die Institute sind aber inzwischen froh, wenn die Körperspender dazu einen finanziellen Beitrag leisten. Denn das Sterbegeld der Krankenkassen von zuletzt 525 Euro, das ihnen bis 2004 zufallen konnte, ist abgeschafft. Manche Anatomie-Institute verlangen einen konkreten Betrag, was in Tübingen noch nicht der Fall ist. Die medizinische Fakultät Ulm bittet um eine „freiwillige finanzielle Beteiligung”. Die Universität des Saarlandes in Homburg verlangt 1.100 Euro von den Körperspendern, um Kosten wie Überführung, Einäscherung und Friedhofsgebühren tragen zu können.

Das Vermächtnis einer Körperspende kann der Betroffene nur selbst treffen, Angehörige können dies nicht entscheiden. Aber sie können die Urne eines Spenders nach der Einäscherung auf Wunsch für eine private Beisetzung zurückerhalten. Das eigentliche Problem für die Angehörigen eines Körperspenders ist nach Wagners Erfahrung der lange Zeitraum zwischen Tod und Beisetzung. Oft liegen zwei Jahre dazwischen. „Die Angehörigen haben dann die Trauerarbeit schon geleistet und mit der Aussegnungsfeier bricht alles von vorne auf”, weiß der Mediziner aus vielen Begegnungen.
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