Möbel aus Müll: Recycling-Design liegt im Trend

Von: Melanie Brandl, dpa
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Designer Johann Helm gestaltet seine „Tausendschub”-Kommoden aus einer Vielzahl ausrangierter Schubladen. Foto: dpa

Berlin. Leere Blechdosen und kaputte Holzplatten, alte Kleider, gebrauchte Plastiktüten und zerlesene Hochglanzmagazine: All diese Dinge landen oft achtlos entsorgt auf dem Müll. Dabei sind sie zum Wegwerfen eigentlich viel zu schade. Findet manch cleverer Designer und konstruiert aus ihnen neue, schicke und vor allem ganz individuelle Objekte rund um das Thema Wohnen.

„Der Kunde von heute will individuelle Möbel, überraschende Designs, das Möbel muss das Potenzial zum Gesprächsthema haben und darf ruhig deutlich machen, dass der Besitzer einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz geleistet hat”, erklärt Werner Baumann vom Institut für Umweltforschung der Technischen Universität Dortmund, das unter dem Namen „Zweitsinn” ein Netzwerk für Hersteller von Recycling-Design-Produkten geschaffen hat.

Möbel, die aus recyceltem Material neu konzipiert werden, entsprechen genau diesen Anforderungen: Keines gleicht dem anderen aufs Haar, jeder Kratzer, jede Beule oder sonstige Gebrauchsspur erzählt eine eigene Geschichte. Anders als bei Möbeln aus den großen Discountketten sind Recycling-Möbel eben keine Massenware.

„In der Regel gibt es keine Unmengen von dem benötigen Material”, erläutert Udo Holtkamp, Vorstand des Arbeitskreises Recycling in Herford. „Man kann nur mit dem arbeiten, was man gerade hat.” Und so werde jedes geschaffene Objekt, sei es nun ein Regal, ein Sessel oder eine Lampe, ein wenig unterschiedlich - je nachdem, in welchem Zustand und welcher Art das verwendete Material sei.

Die Kölner Designerin Sibylle Hansen bestätigt diesen Trend. „Als Reaktion auf die Globalisierung entdecken immer mehr Menschen die Freude am Unperfekten, setzen Manufaktur gegen Massenproduktion, Nutzen und Ökologie gegen Konsumhysterie.” Unter dem Label „Ko-j” entwirft Hansen zum Beispiel Wohnzimmertische aus alten Ölfässern oder Hocker aus Zaundraht und „haucht so Dingen Leben ein, deren Ende eigentlich beschlossen war”.

Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt. So funktionieren die Schweizer Designerinnen von „rafinesse & tristesse” alte Olivenölkanister um zu schicken Hockern oder Kinderküchen. Johann Helm, Designer beim Sozialkaufhaus „Möbel und Mehr” in Iserlohn, entwirft unter dem Namen „Tausendschub” Kommoden mit einer Vielzahl unterschiedlichster Schubladen, und die RD4-Stühle der britischen Firma Cohda werden komplett aus recycelten Plastikabfällen hergestellt.

Auch Küche und Bad müssen nicht auf Recycling-Einrichtungen verzichten: Die Tischlerin Aisha Ersahin entwirft für „Möbel und Mehr” in Hagen Single-Küchenzeilen, die in ein altes Art-Deco-Büffet eingelassen sind. Und das Designerkollektiv „Lab 612” mit einer Produktionswerkstatt in Berlin wandelt sogar die klassischen gelben Telefonzellen in schicke Duschkabinen um.

„Die Idee, aus etwas Gebrauchtem etwas Neues, Wertiges zu erschaffen, setzt sich immer mehr durch”, beobachtet auch Kerstin Männer von der Messe Frankfurt auf der Lifestylemesse „Ambiente”. „Das hat etwas Handwerkliches und Individuelles. Der persönliche Touch kommt rüber.”

Doch nicht alle Recycling-Möbel entstehen tatsächlich ausschließlich aus gebrauchtem Material. Auch Industrieabfälle eignen sich hervorragend dafür, etwas Neues aus ihnen zu erschaffen. „Die Eisstiele, die für die Lampen "Apollo" oder "Heli" verwendet werden, haben wir natürlich nicht selbst abgenagt”, erzählt Werner Baumann. Sie seien eigentlich Ausschussware der Eisstielproduktion - und nun eben Designer-Leuchten.

Erst der richtige Kontext mache aus Müll tatsächlich Möbel, versucht Moritz Grund vom Internationalen Design Zentrum Berlin das Geheimnis des Recycling-Designs zu lüften. „Wenn eine rostige Eisenplatte, die an sich wertlos ist, auf einem schicken, schwarzen Sideboard steht und mit drei leuchtend grünen Äpfeln dekoriert ist, dann erzielt sie plötzlich einen Effekt.


Wie sinnvoll ist Recycling-Design?

Von der Ökobilanz her ist das, was auf den ersten Blick umwelttechnisch so lobenswert aussieht, nicht immer sinnvoll, schränkt Moritz Grund vom Internationalen Design Zentrum Berlin die Euphorie um Recycling-Design ein. „Manchmal ist der Mehraufwand an Energie, die man hineinstecken muss, um altes Material wieder zu verwenden, nicht wirklich gerechtfertigt.”
Sinnvoller sind da oft Möbel, die unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit neu produziert werden und zum Beispiel ausschließlich aus Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung, Naturfaserstoffen und recyclebaren Einzelkomponenten bestehen.

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