„Mein Tod, mein Dienst” - Körperspender stellen sich für Ausbildung

Von: Stefanie Walter, epd
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Gießen. Ein schwarzer Strom Menschen schlängelt sich über den Gießener Friedhof. Schweigend stellen sie sich um das Gräberfeld. Aufgereiht wie Perlen an einer Schnur stehen dort 22 weiße Urnen, bedeckt mit einem zarten grünen Kranz. Angehörige treten an das Grab, sie werfen Erde und weiße Rosen hinein.

„Jetzt ist es endgültig”, murmelt ein Mann, als er das Feld verlässt. Die Menschen, die auf dem Friedhof gemeinsam bestattet werden, sind schon seit zwei Jahren tot. Sie haben sich nach ihrem Tod als Körperspender zur Verfügung gestellt, damit Medizinstudenten den Aufbau des menschlichen Körpers kennenlernen.

Es ist kalt im Kellerraum des Instituts für Anatomie an der Gießener Uni. Auf den Tischen liegen menschliche Körper. Studenten des Präparierkurses stehen im Kreis, sie arbeiten Schnitt für Schnitt Gefäße, Muskeln und Organe heraus. „Jeder Mensch ist einzigartig”, erklärt die Anatomie-Professorin Monika Wimmer.

Die Studenten sollen den Körper erfühlen, ertasten, erfassen: Das kann kein Computerprogramm ersetzen. Und sie sollen dem Menschen, der vor ihnen liegt, mit Achtung begegnen: „Es ist wichtig, dass die Studenten hier den Respekt vor dem Leichnam erlernen, sonst haben sie auch keinen Respekt vor dem Patienten”, sagt Wimmer.

Deshalb sind es auch die Studenten, die die Trauerfeier für die Körperspender gestalten. Alle sind freiwillig auf dem Friedhof. Mehrere hundert Studenten drängen sich auf dem Platz vor der Trauerhalle, drinnen nehmen die Angehörigen Platz. Die angehenden Ärzte haben extra einen kleinen Chor gegründet, einige tragen Stücke von Bach und Händel vor. Es gehöre dazu, „sich mit Tod und Sterben auseinanderzusetzen”, findet die 28-jährige Katja Borgwardt.

Im Laufe der Arbeit mit den Körperspendern hätten die Studenten und Lehrenden eine „aufmerksame Nähe” entwickelt, berichtet der Anatomie-Professor Andreas Meinhardt. Sie hätten vieles über Unfälle, Krankheiten und Verletzungen des Toten erfahren. „Uns ist allen klar geworden, was für eine große Verantwortung wir hatten”, sagt die Studentin Edessa Khatchi. „Die erste Begegnung mit den Verstorbenen war nicht einfach.” Doch diene die „großzügige, uneigennützige Körperspende” dem „Wohle unserer späteren Patienten”.

Die beiden Klinikseelsorger verlesen einzeln die Namen der Toten, einzeln werden sie beigesetzt. Unter ihnen sind mehrere Ehepaare. Manchmal tritt eine große Gruppe ans Grab, Angehörige weinen und verweilen lange am Grab. Bei anderen ist niemand zur Trauerfeier erschienen. Dann legt auch einer der Studenten eine weiße Rose in ein Grab. Sie habe die Schwägerin ihres Mannes beigesetzt, erzählt eine Angehörige am Rande des Feldes. Sie arbeitete an der Uni und hatte keine Kinder. „Vielleicht hat sie es deshalb gemacht.”

Manche Körperspender stellten sich der Anatomie zur Verfügung, weil sie oder Angehörige an schweren Krankheiten litten, erzählt Monika Wimmer. Viele jedoch hätten keine nahen Verwandten mehr oder wollten ihnen die Grabpflege ersparen. Momentan habe sie mehr Körperspender in ihrer Kartei als sie benötige, sagt die Anatomieprofessorin. Die Angehörigen hätten die Entscheidung miterleiden und hinnehmen müssen, dass so viel Zeit zwischen „Sterben und Tod und der Bestattung” verging, sagt der katholische Klinikseelsorger Matthias Schmidt.

Doch bedeute die Entscheidung auch, den Körper noch einmal „in einen größeren Zusammenhang zu stellen: mein Tod, mein Dienst”. Es heiße, noch einmal Regie zu führen: „Es soll so ausgehen, wie ich es möchte!”
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