Karneval unterm Hakenkreuz: Nicht alle machten mit

Von: Maryam Schumacher, dpa
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Köln. Das Thema „Karneval in der NS-Zeit” wurde lange totgeschwiegen. Mittlerweile ist das anders. Neue Erkenntnisse hat jetzt das Historikerteam Carl Dietmar und Marcus Leifeld gewonnen.

Ihr wichtigstes Forschungsergebnis: Das Bild war regional unterschiedlich. Die einen betrieben eine aktive antisemitische Hetze, die anderen passten sich stillschweigend an. Und eine kleine Minderheit äußerte sogar Kritik.

Die Nazis wollten den Karneval propagandistisch und wirtschaftlich ausschlachten. Sitzungen und Umzüge wurden zu prunkvollen Großveranstaltungen umgeformt. „Prunk stand vor Humor”, sagt Leifeld.

Die Nazis pumpten Geld in den Karneval, aber nicht, um die Tradition zu pflegen, sondern um Propaganda zu betreiben. „Man versuchte, ein einheitliches Bild zu schaffen”, sagt Leifeld. So wurden die männlichen Funkenmariechen abgeschafft und die bis heute bestehende Prinzenproklamation eingeführt.

Führerbilder, Hakenkreuze und andere NS-Symbole durften anfangs noch nicht mit dem Karnevalstreiben in Verbindung gebracht werden. „Die Nazis befürchteten wohl, dass Angetrunkene die Bilder schänden könnten”, erläutert Dietmar. 1933 wurde ein offizielles Verbot „der Glossierung der Führer in Staat und Gemeinde” erlassen. Vereinspräsidenten, Büttenredner, Sänger und Wagenbauer hielten sich streng daran.

Weit schwerer wiegt sicher die antisemitische Hetze, zu der sich ein Teil der Karnevalisten bereitfand. So zeigte ein Motivwagen im Kölner Rosenmontagszug 1934 auswandernde Juden und erläuterte dies mit dem Motto: „Die Letzten ziehen ab.” Der Narrenumzug von Nürnberg kündigte 1935 schon den Holocaust an: Der „Todesmühle”-Wagen zeigte einen am Galgen hängenden Juden.

Kritisch beleuchten Dietmar und Leifeld in ihrem Buch „Alaaf und Heil Hitler - Karneval im Dritten Reich” auch die legendäre „Narrenrevolte” von 1935. Darunter versteht man ein Treffen der Karnevalsgesellschaften mit der NSDAP, bei dem es um die Zukunft der Gesellschaften ging.

Der NS-Gauleiter ließ den Karnevalisten schließlich freie Hand, was hinterher oft als „Sieg” der Karnevalisten ausgelegt wurde. Für die Autoren ist das Treffen jedoch nicht als Revolte zu verstehen. Den Narren sei es nicht um eine „systematische Infragestellung” gegangen, sondern vielmehr um den Erhalt ihrer eigenen Macht im Karneval.

Widerstand kam aber auch vor. In Mainz gab es mit Martin Mundo einen Narren, der Hermann Göring in einer Sitzungsrede im Jahr 1938 lächerlich machte, indem er ihn mit einem Hering verglich. In Köln war es Karl Küpper, der die Hand zum Hitler-Gruß erhob, dabei aber nicht „Heil Hitler” rief, sondern die Frage stellte: „Is et am rähne?” - Regnet es? In einem Regime, das jeden Kritiker mit dem Tod bedrohte, erforderte auch eine solche Bemerkung schon großen Mut.

Der Düsseldorfer Narr Leo Statz musste seine Aufsässigkeit sogar mit dem Leben bezahlen. Als Präsident des Düsseldorfer Karnevals verärgerte er die NS-Spitze immer wieder mit seinen satirischen Liedern. Als er 1943 Zweifel am Endsieg äußerte, wurde er von der Gestapo festgenommen und vom berüchtigten Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Heute ist das Interesse an der Rolle des Karnevals, des Faschings oder der Fastnacht zur NS-Zeit auch bei den Vereinen selbstverständlich, wie die Autoren betonen. „Durch den Generationenwechsel in vielen Karnevalskomitees und -vereinen ist eine Umbruchphase eingeleitet wurden. Heute wird bei jedem 100-jährigem Jubiläum eines Vereins auch das Kapitel im Dritten Reich aufgeschlagen.”
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