Berlin/Bonn - Jetzt geht‘s los: Luther, wie er wirkt, lebt und glaubt

Jetzt geht‘s los: Luther, wie er wirkt, lebt und glaubt

Von: Thomas Schiller und Christoph Arens
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Heute wird das Reformationsjahr eröffnet. Die Protestanten feiern nicht allein, sondern vor allem zusammen mit den Katholiken.
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Ein Martin-Luther-Räuchermann.

Berlin/Bonn. Nach zehn Jahren der Vorbereitung ist es am Montag, 31. Oktober, soweit: Das 500. Reformationsjubiläum wird festlich eröffnet – und zwar doppelt. Der Lutherische Weltbund feiert an seinem schwedischen Gründungsort Lund einen ökumenischen Gottesdienst mit Papst Franziskus. Zeitgleich wird in Deutschland das Festjahr eingeläutet mit einem evangelischen Gottesdienst in der Berliner Marienkirche und einem staatlichen Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Kirche und Staat haben das Jubiläum im Stammland der Reformation gemeinsam geplant und auch finanziert. Beim Festakt wird Bundespräsident Joachim Gauck, selbst evangelischer Theologe, den Reformator Martin Luther würdigen, der am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen haben soll. „Luther hat eine welthistorische Leistung vollbracht“, sagte das Staatsoberhaupt vorab in einem Interview. Dieser mittelalterlich geformte Christ habe den Weg zur Idee der Würde jedes einzelnen Menschen gebahnt. Luther sei freilich als historische Figur zu sehen – mit Licht- und Schattenseiten: Antijudaismus und „Grobianismus“ seien damals vielen Zeitgenossen nicht fremd gewesen, sagt Gauck.

„Lutherdekade“ seit 2008

An Kritikern fehlt es nicht, seit 2008 die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre vorbereitende „Lutherdekade“ gestartet hat. So befürchtete damals Gerhard Feige, der katholische Bischof von Magdeburg: „Wird es eine Jubel- und Profilierungsfeier des Protestantismus mit antikatholischen Spitzen?“ In Deutschland herrschte im neuen Jahrtausend nach dem umstrittenen, von Protestanten als Provokation empfundenen „Dominus Iesus“-Papier des Vatikans und der vom EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber vertretenen „Ökumene der Profile“ frostige Stimmung. Beharrlich setzten die Katholiken das Wort „Reformationsgedenken“ den evangelischen Plänen für das „Reformationsjubiläum“ entgegen.

Inzwischen herrscht aber ökumenisches Tauwetter. EKD und katholische Bischofskonferenz haben sich auf die gemeinsame Formel eines „Christusfestes“ verständigt. „Allerdings weiß niemand prägnant zu sagen, was damit gemeint ist“, nörgelt Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf. Das Kirchenjahr kenne mehrere Christusfeste wie Weihnachten, Karfreitag und Ostern. Aber der 31. Oktober?

Durch solche Einwürfe lassen sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und sein katholisches Gegenüber, Kardinal Reinhard Marx, nicht aus ihrer Hochstimmung bringen. Wie jüngst bei einer gemeinsamen Pilgerreise von EKD-Rat und Bischofskonferenz durch das Heilige Land unterstreichen sie die Einmaligkeit des ökumenischen Feierns nach 500 Jahren Glaubenskriegen, Konflikten und Anfeindungen. „Unsere gemeinsame Mission für unser Land ist noch nicht vollendet“, erklärten beide Kirchen. „Die Reformation wollte weder eine neue Kirche gründen noch die alte Kirche spalten.“

Es kam bekanntlich anders. Die Wunden, die in fünf Jahrhunderten konfessioneller Auseinandersetzungen geschlagen worden sind, sollen 2017 benannt werden. Am 11. März soll ein gemeinsamer Gottesdienst in Hildesheim gefeiert werden, um die Erinnerungen zu heilen. Ob noch weitere Annäherungen möglich sind, ob der Papst 2017 gar nach Deutschland kommt oder ob es Fortschritte in der leidigen Frage eines gemeinsamen Abendmahls gibt? Manches scheint derzeit denkbar auf dem Weg zur Einheit der Christen.

Zum Höhepunkt des Festjahres werden in Wittenberg auf jeden Fall alle Getauften zum Abendmahl eingeladen – beim evangelischen Großgottesdienst, zu dem am 28. Mai 200 000 Menschen erwartet werden. Die Feier schließt den großen Kirchentag in Berlin und sechs regionale Kirchentage in Mitteldeutschland ab. Alle Teilnehmer sollen sich dann am Sonntagmittag auf den Elbwiesen treffen – eine logistische Herausforderung. Es folgt ein „Reformationssommer“ mit Konfirmanden-Camps und einer protestantischen Weltausstellung, zu der Besucher aus allen Kontinenten in die herausgeputzte Lutherstadt kommen.

Einmaliger bundesweiter Feiertag

Margot Käßmann, die frühere EKD-Ratsvorsitzende, war jahrelang dafür als Botschafterin auf Werbetour. Nun geht es also los. Bis zum eigentlichen 500. Jubiläumstag wird ein Jahr durchgefeiert. Zum Abschluss wäre ein Gottesdienstbesuch für die 22,3 Millionen deutschen Protestanten kein Zeitproblem. Der 31. Oktober 2017 wird einmalig bundesweit gesetzlicher Feiertag.

Aber was genau wird an diesem Tag eigentlich gefeiert? Vor 500 Jahren, also am 31. Oktober 1517, einen Tag vor Allerheiligen, soll der Augustinermönch Martin Luther (1483-1546) 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben. Darin kritisierte er die Ablasspraxis der Kirche.

Die Thesen und ihre Folgen lösten weltweit Veränderungen aus, nicht nur in Kirche und Theologie, sondern auch in Musik, Kunst, Wirtschaft und Sozialem. Luthers Anliegen war die Wiederherstellung (Reformation) einer dem Evangelium gemäßeren Kirche. Zentrale Voraussetzung dafür war seine Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche. In die anfangs religiöse Reformbewegung und die Empörung über eine fortschreitende Verweltlichung der Kirche und einen Machtmissbrauch Roms mischte sich auch die Kritik an den sozialen Missständen des ausgehenden Mittelalters.

Der Protest des deutschen Mönchs führte innerhalb weniger Jahrzehnte zur zweiten großen Spaltung der Christenheit. Zuvor hatten sich im elften Jahrhundert orthodoxe und lateinische Kirche getrennt. Als Ergebnis der Reformation im 16. Jahrhundert entstand die heutige weltweite evangelische Kirche. Der Reformator und Humanist Philipp Melanchthon (1497-1560) war Autor der grundlegenden Schriften des Protestantismus, etwa des „Augsburgischen Bekenntnisses“ von 1530. In der Schweiz wurde die religiöse Erneuerungsbewegung von Huldrych Zwingli und Johannes Calvin angestoßen; sie führte zur Gründung reformierter Kirchen. Hinzu kamen außerdem die radikal-reformatorischen Täufer. In England entstand – wesentlich aus politischen Gründen – die anglikanische Kirche. Die durch den aufkommenden Buchdruck rasch verbreiteten reformatorischen Schriften beriefen sich auf eine neue Gewissensfreiheit der Christen.

Die Reformation änderte auch die politische Landkarte Deutschlands und die europäische Staatenwelt; sie schuf nämlich tiefe Gegensätze zwischen katholischen und protestantischen Staaten und verursachte Religionskriege, besonders in Frankreich und im Heiligen Römischen Reich. Im Augsburger Religionsfrieden wurde 1555 das lutherische Bekenntnis im deutschen Reich anerkannt. Erst im Westfälischen Frieden von 1648 wurde auch das reformierte Bekenntnis als gleichwertig akzeptiert.

In der Folge der Kirchenspaltung reformierte sich auch die katholische Kirche. Besonders durch das Konzil von Trient (1545-1563) erneuerte sie ihre Strukturen und ihre Glaubensverkündigung.

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