Hygienische Bedingungen: In Nepal droht die nächste Katastrophe

Von: Manfred Kutsch
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Ein nepalesisches Mädchen trinkt im Dorf Baluwa im Bezirk Gorkha aus einem der wenigen noch funktionierenden Brunnen. Das Epizentrum des Bebens vom 25. April lag in dieser Region. Foto: dpa

Aachen/Kathmandu. „Verschmutztes Trinkwasser und die oft katas­trophalen hygienischen Bedingungen können schnell zur Ausbreitung von Krankheiten führen“, warnt Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider vor weiteren Folgen des Erdbebens in Nepal.

„Vor allem für die jüngsten und durch Mangelernährung bereits geschwächten Kinder ist das lebensgefährlich. Wir müssen die Hilfe massiv ausweiten, um eine Katastrophe nach der Katastrophe zu verhindern.“

Versorgung mit frischem Trinkwasser, mit Nahrungsmitteln und Hygiene-Paketen sowie der Schutz von traumatisierten und auch unbegleiteten Kindern – darin liegt derzeit die Priorität der Hilfen von Unicef, wie uns Urs Nagel, Krisenmanager des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen vor Ort, aus Kathmandu bestätigt: „Wir haben in den ersten Tagen 40 Tanks mit jeweils 2500 Litern Wasser im Einsatz“, so der Helfer via Skype gegenüber unserer Zeitung. Doch immer noch komme man nicht in die umliegenden Dörfer.

„Regierung scheint überfordert“

Nagel bestätigt den wachsenden Unmut der Bevölkerung gegenüber der Regierung: „Die scheint in der Tat überfordert zu sein.“ Er kenne Berichte von Überfällen auf Wasser-Konvois und Auseinandersetzungen mit dem Militär. Immerhin seien Soldaten jetzt mobilisiert, die Straßen ins Land frei zu machen, um die isolierten Orte zu erreichen. „Erst dann werden wir einen vollständigen Überblick über das wahre Ausmaß der Katastrophe erhalten.“

Die sanitäre Situation sei katas­trophal. Wenn man in der Hauptstadt an den Plätzen voller Menschen vorbeifahre, stinke es zum Himmel: „Deshalb ist es neben der Wasserversorgung eine der wichtigsten Aufgaben von Unicef, Latrinen in diesen Camps zu bauen.

Er selber schlafe wie andere Helfer auch, „weiterhin im Freien, obwohl mein Haus noch steht“, so Urs Nagel. Die Büros der 200 eingesetzten Unicef-Mitarbeiter liegen in Zelten, von dort aus konnten bereits Wasserreinigungstabletten, Planen und Hygieneartikel verteilt werden – überwiegend in die insgesamt 15 Lager mit anfangs 40.000 entwurzelten Menschen, „von denen sich jetzt viele zu Fuß in ihre Heimatdörfer aufmachen, um dort die Lage zu erkunden“, berichtet Nagel.

Die psychische Verfassung der Überlebenden umschreibt der Unicef-Aktivist mit „traumatischem Schock und dem Gefühl der totalen Hilfslosigkeit“. Der Helfer: „Die Menschen wissen einfach nicht, wohin.“ Nach neuester Schätzung von Unicef brauchen 1,7 Millionen Kinder in den 21 am schlimmsten verwüsteten Distrikten Hilfe. An zentralen Sammelstellen richtet das Kinderhilfswerk betreute Schutzzonen für Kinder ein, „wo wir psychosoziale Hilfe leisten“, sagt Nagel. 52 Schulen in 16 Distrikten sind vollständig, weitere 222 teilweise zerstört.

Psychisch überfordert

„Glück im Unglück, dass das Erdbeben tagsüber an einem Samstag passierte – die Schulen waren geschlossen“, sagt Rupa Joshi, ebenfalls Unicef-Mitarbeiterin.

Die ersten kleinen Busse fahren inzwischen durch Kathmandu, soweit die Straßen geräumt sind. Auch Pkw sind wieder unterwegs. Aber noch keine Spur vom alltäglichen Verkehrsgetöse. Stattdessen anhaltende Suche im Geröll nach Überlebenden: „Da sind viele freiwillige Helfer bei, die keine Erfahrung haben und sich psychisch überfordern, wenn sie auf Leichen stoßen“, berichtet Urs Nagel.

Zusammengefallen sei der Unglückstag mit einem traditionellen hinduistischen Fest vor der nahenden Regenzeit. „Viele Menschen wurden unvermittelt in ihren Feierlichkeiten vom Erdbeben getroffen“, so Nagel. Welche Hilfe im Moment die höchste Priorität hat? Nagel zögert keine Sekunde: „Die Wasserversorgung. Das ist die Basis von allem.“

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