Historiker Norbert Frei über das Jahr 2015

Von: Alexander Barth
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Erinnerungen, Rückblicke und aktuelle Momentaufnahmen, die das historisch-politische Jahr gekennzeichnet haben: Anhänger der rechtsextremen Partei „Die Rechte“ schwenken Fahnen bei einer Kundgebung in Bayern. Fotos: dpa (3) und stock/ITAR-TASS
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Erinnerungen, Rückblicke und aktuelle Momentaufnahmen, die das historisch-politische Jahr gekennzeichnet haben: Flüchtlinge werden am Hauptbahnhof in München freundlich begrüßt. Fotos: dpa (3) und stock/ITAR-TASS
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Er arbeitet gegen politischen Populismus: Norbert Frei, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena. Foto: FSU Jena
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Erinnerungen, Rückblicke und aktuelle Momentaufnahmen, die das historisch-politische Jahr gekennzeichnet haben: In Moskau begeht die Staatsspitze am 8. Mai mit einer machtvollen Militärparade und wenigen internationalen Gästen aus dem Westen den 70. Jahrestag des Kriegsendes. Fotos: dpa (3) und stock/ITAR-TASS
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Burghardt Klaußner spielt im Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" den Generalstaatsanwalt im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Fotos: dpa (3) und stock/ITAR-TASS Foto: Martin Valentin Menke/Alamode Film/dpa) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Aachen. Ein Jahr geht zu Ende, das sowohl vom Willkommen als auch von Hass und offener Gewalt gegenüber Flüchtlingen geprägt war. 2015 ist auch das Jahr, in dem an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gedacht wurde.

Der Jenaer Historiker Norbert Frei spricht im Interview über wechselnde Stimmungen, alte und neue Deutsche, seine Vorstellung von zeitgemäßem Geschichtsbewusstsein und den bis heute vorherrschenden „Nationalmasochismus“ der Rechten. Er vergleicht die heutige Gesellschaft mit jener vor 70 Jahren und warnt die Medien und die Politik davor, die Vorstellung von einer „kippenden Stimmung“ in Deutschland herbeizureden.

Das Jahr 2015 als Jahr des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren klingt aus. Haben sich Staat, Gesellschaft und Medien angemessen erinnert?

Norbert Frei: Im Vergleich zum Vorjahr, als der 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen im Großgedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs fast unterging, meine ich, die Politik hat angemessen reagiert. Die Situation war ja nicht einfach. Dass im Bundestag ein Historiker (Heinrich August Winkler, Autor der „Geschichte des Westens, Anm. d. Red.) sprach und kein Politiker, war eine kluge Entscheidung.

Und es war auch richtig, dass die Bundeskanzlerin Wladimir Putins Truppenparade am 9. Mai fernblieb, wohl aber mit ihm tags darauf einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Moskau niedergelegt hat. Auch die Medien haben das Thema vernünftig aufgegriffen.

Aber mir scheint, in der Mitte der Gesellschaft macht sich eine gewisse Müdigkeit breit – mal ganz abgesehen von denen am rechten Rand, die in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit immer schon Nationalmasochismus gesehen haben.

Pegida-Demonstrationen, Anschläge auf Flüchtlingsheime und offene Gewalt gegen Zuwanderer – das Jahr stand im Zeichen von aufgepeitschten Stimmungen. Ist so das Gedenken in den Hintergrund gerutscht?

Frei: Angesichts des großen Themas Flüchtlinge, unter dem Eindruck des islamistischen Terrors und der existenziellen Krise der EU sind die Prioritäten momentan zweifellos andere. Aber man soll sich nicht täuschen: Pegida und AfD bieten nicht nur den gewaltbereiten Rechten einen Resonanzraum, sie sind auch ein neuer Heimathafen für jene, die schon seit Jahrzehnten einen Schlussstrich unter die Vergangenheit fordern.

Sie haben umfassend über die NS-Zeit geforscht und geschrieben, haben auch über die sogenannten 68er publiziert. Sehen Sie Parallelen zur heutigen gesellschaftlichen Stimmung?

Frei: Nein, zu 1968 kann ich keine Parallelen erkennen. Auch wenn ein Teil der damaligen, aus den Hochschulen kommenden Bewegung im politischen Extremismus landete – und ein noch kleinerer Teil im linken Terrorismus der siebziger Jahre: In der Hauptsache war es ein idealistisch-menschenfreundlicher, emanzipatorisch und internationalistisch gesonnener Aufbruch. Also das genaue Gegenteil von dem, wofür heute Pegida und AfD stehen.

Sehen Sie ob der jüngsten Entwicklungen die Gefahr, dass herrschende Stimmung zugunsten des Anstands und der Flüchtlinge kippt? Wie bedrohlich ist die Situation am Jahresende?

Frei: Wir müssen alles dafür tun, dass die Überfälle auf Flüchtlingsunterkünfte endlich aufhören und dass die zu uns geflüchteten Menschen angstfrei leben können. Glücklicherweise gibt es nach wie vor überall im Land große Hilfsbereitschaft.

Deshalb sollten die Medien und die Politik sehr darauf achten, die Vorstellung von einer „kippenden Stimmung“ nicht herbeizureden. Auch das ist eine Lehre, die wir beherzigen müssen in der Rückschau auf die Ausländerfeindlichkeit und die entsetzlichen Gewalttaten der frühen 90er Jahre.

Sehen Sie deutliche Unterschiede bei den jungen Rechten in den frühen 90er Jahren und heute? Statt „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ hört man heute etwa „Ich bin kein Nazi, aber...“.

Frei: Bei den eindeutig Rechtsradikalen scheint sich weniger geändert zu haben als bei denen, die Pegida gut finden. Da laufen inzwischen nämlich auch Menschen mit, die früher eher nicht auf die Straße gegangen wären: die vielzitierten besorgten Bürger, die keineswegs alle am Rand der Gesellschaft stehen, weder von ihrer wirtschaftlichen noch von ihrer sozialen Lage her.

Noch einmal zum Gedenken: Taugt die über Jahrzehnte gepflegte Erinnerungskultur heute noch als Mahnung für Jugendliche und junge Erwachsene?

Frei: Erinnerungskultur ist ja kein Monument, das einmal geschaffen wird und dann für alle Zeiten dasteht. Deshalb spreche ich auch lieber von Geschichtsbewusstsein. Denn das hat man nicht, sondern das erarbeitet man sich immer wieder neu.

In diesem Sinne muss sich auch jede Generation aufs Neue um ein kritisch-aufgeklärtes Verhältnis zu unserer Vergangenheit bemühen. Wo dies geschieht, wird historisches Gedenken kein leeres Ritual. Sondern die Geschichte bleibt bedeutungsvoll, und es können sogar neue Fragen und Perspektiven entstehen.

Die Zeitzeugen von Weltkrieg und NS-Diktatur werden immer weniger. Verlieren wir mit ihnen nicht einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsvermittlung, etwa in den Schulen?

Frei: Die Zeugnisse der Überlebenden des Holocaust und der Zeitgenossen der NS-Zeit bleiben uns ja erhalten. Davon abgesehen: Ein Schulunterricht, der seinen pädagogischen Höhepunkt im Einsatz von Zeitzeugen erblickt, ist sowieso verfehlt. Denn Geschichte geht nicht in Erinnerung auf, auch nicht in der Addition von Erinnerungen.

Genau das wollten uns viele Fernsehdokumentationen aus den letzten Jahrzehnten zwar weißmachen. Aber die Berichte von Zeitzeugen – also Geschichten von Einzelnen – können bestenfalls Ausgangspunkt historischen Fragens sein. Die Antworten muss eine nach allen Seiten kritisch-reflektierte Geschichtsschreibung geben.

Wie sieht ihre Vorstellung von zeitgemäßem Gedenken bzw. von der Vermittlung von Geschichte aus? Geht das Hand in Hand? Oder muss man trennen?

Frei: Ein Beispiel dafür, wie das Hand in Hand gehen kann, ist die vielbändige Dokumentation „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“. Ich war zunächst skeptisch, als es hieß, diese Edition werde ein „Denkmal in Buchform“ sein, und ich habe an dieser Deutung nach wie vor meine Zweifel.

Aber ich finde, diese großartige Edition bietet herausragende Möglichkeiten, im Schulunterricht mit Quellen zu arbeiten, die jeden Menschen berühren und für das Thema interessieren müssen, egal ob jung oder alt.

In jüngster Zeit erschienen filmische Biografien von Hitler-Attentäter Georg Elser und von Fritz Bauer, dem Frankfurter Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess. Können solche Filme einen Beitrag zu einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit leisten?

Frei: Auf jeden Fall. Intelligent gemachte Filme können Neugierde wecken und dazu einladen, sich näher mit der Geschichte zu befassen: Im Falle von Georg Elser dann zum Beispiel mit den Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen im „Dritten Reich“, im Falle von Fritz Bauer mit den Schwierigkeiten bei der Ahndung von NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit. An biografischen Darstellungen und an weiterführenden Büchern, die sich mit diesen Themen befassen, ist ja kein Mangel.

Sie haben im Frühjahr 2015 eine Buch-Reihe zum Nationalsozialismus gestartet. Warum?

Frei: Auch wenn das vielleicht überraschend klingt: Die Literatur über den Nationalsozialismus füllt zwar längst ganze Bibliotheken, aber eine Gesamtdarstellung, wie wir sie jetzt in sieben schlanken Bänden versuchen, gibt es bisher nicht. Unser Ziel ist, die Ergebnisse der jahrzehntelangen internationalen Forschung ohne den Ballast der Fachdiskussion und so anschaulich wie möglich zu präsentieren.

Das heißt auch: Wir beziehen die Stimmen der Opfer genauso mit ein wie die Stimmen der Mitläufer und der Täter. Und mindestens genauso wichtig: Wir schreiben jetzt – anders als es für Zeithistoriker jahrzehntelang galt – für eine Leserschaft, die die Zeit nicht miterlebt hat.

Es gibt also ein spezielles Zielpublikum für die Buchreihe?

Frei: Die Bücher sind für alle gedacht, die mit- und weiterdenken wollen. Wir haben die Schüler in der Oberstufe ebenso vor Augen wie Geschichtsstudierende und junge Erwachsene, die keine Historiker geworden sind, denen die Zeitgeschichte im Fernsehen aber trotzdem nicht genügt. Und ich denke, auch die älteren Generationen – bis hin zu den noch lebenden Kindern der NS-Zeit – werden in den Büchern Neues oder zumindest neue Perspektiven finden.

Was glauben Sie, bringt das Jahr 2016 für die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland?

Frei: Um ein geflügeltes Historikerwort leicht abzuwandeln: Es ist schon schwer genug, sich vorzustellen, was aus unserer Vergangenheit wird. Für Zukunftsprognosen bin ich fachlich nicht zuständig. Aber als Bürger hoffe ich sehr, dass es uns gelingt, den politischen Populismus, der mittlerweile fasst überall in Europa grassiert, einzudämmen.

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