Historiker Götz Aly: „Die Morde haben den Weg zum Holocaust gebahnt“

Von: Christina Handschuhmacher
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Für das NS-Regime waren sie „nutzlose Esser“, die Wohnraum, Ärzte und Lebensmittel verbrauchten: Auch mehr als 10.000 kranke und behinderte Kinder wurden während der NS-Zeit getötet. Foto: Maurizio Gambarini dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Götz Aly hält am Dienstag einen Vortrag in Aachen. Foto: dpa

Aachen. Gnadentod, Sterbehilfe oder Euthanasie (altgriechisch: schöner Tod): Es waren beschönigende Begriffe, die die Nazis für die Ermordung von rund 200.000 psychisch kranken oder behinderten Menschen in der NS-Zeit wählten. „Die Tatsache, dass die Gesellschaft geduldet hat, dass diese Menschen aus ihrer Mitte sang- und klanglos ermordet werden, hat der Führung die Gewissheit gegeben, dass noch größere Mordaktionen möglich sind“, sagt der Historiker Götz Aly.

Er hat sich mehr als 30 Jahre mit dem Thema der „Euthanasiemorde“ beschäftigt – ausgelöst durch die Geburt seiner Tochter Karline, die als Säugling an einer Streptokokkeninfektion erkrankte und seither schwerbehindert ist. Dienstagabend hält Aly einen Vortrag zum Thema „Euthanasie“ an der RWTH Aachen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über die entscheidende Rolle der Angehörigen und erklärt, warum ihm der Fokus auf die Opfer wichtig war.

Rund 200.000 Deutsche wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank oder behindert waren. Nur in einem Bruchteil der Fälle haben die Angehörigen energisch protestiert und so ihre Verwandten gerettet. War den anderen der Tod ihrer Kinder, Ehepartner oder Eltern egal?

Götz Aly: Das lässt sich so pauschal nicht sagen und wäre auch ein zu hartes Urteil. Man muss mehrere Faktoren in Betracht ziehen. Die Menschen standen unter dem Druck des Krieges, unter dem Druck der erbhygienischen Propaganda und lebten zudem – im Vergleich zu heute – in sehr viel ärmlicheren Verhältnissen. In dieser Situation haben sich eben viele Angehörige um ihre Verwandten in den Anstalten wenig gekümmert. Es war ihnen auch oft peinlich, darüber zu reden. Das gibt es bis heute. Wer sagt schon gerne, dass er eine schwer psychisch kranke Schwester hat oder einen alkoholabhängigen Onkel? Unter den damaligen Verhältnissen war das alles noch viel belastender.

In welcher gesellschaftlichen Situation befanden sich damals Familien mit behinderten Kindern oder psychisch kranken Familienangehörigen?

Aly: Heute bekommen Familien mit einem behinderten Kind in der Regel finanzielle Unterstützung und Hilfestellung von Seiten des Staats, der Pflegeversicherung, von Selbsthilfegruppen, von Tagesförderstätten und kompetenten Ärzten und Familienhelfern. Im Vergleich zu damals sind das paradiesische Zustände. In der NS-Zeit wurde Familien mit behinderten Kindern das Kindergeld für die gesunden Kinder gestrichen, weil sie plötzlich eine „erbbelastete Sippe“ waren, die zumindest unter Beobachtung genommen werden musste.

In den meisten betroffenen Familien wurde der ermordete Angehörige einfach totgeschwiegen. Oft bis heute. Aus Scham?

Aly: Ja. Das Mordprogramm hat auch deswegen so gut funktioniert, weil man die Angehörigen nicht an der Entscheidung beteiligt hat, ob jetzt eines ihrer Kinder, eine Tante oder eine Großmutter ermordet werden sollten. Hernach schickten die staatlichen Mörder Beileidsbriefe, sprachen von „Erlösung“ für den schwer und chronisch Kranken. Oft sind die beteiligten Ärzte dabei sehr raffiniert vorgegangen, zum Beispiel verschickten sie ein Telegramm mit der Mitteilung, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert habe und schickten dann erst einige Tage später die Todesnachricht, stets versehen mit einer fingierten, natürlich erscheinenden Todesursache.

Das Verfahren ermöglichte den Angehörigen wegzuschauen, sich mit der Auskunft abzufinden, dass ihr schwer kranker Verwandter nun nicht mehr leiden müsse. Genauer wollten es die allermeisten nicht wissen. So entstand eine paradoxe Situation: Eigentlich wusste die ganze Gesellschaft, dass Geisteskranke ermordet werden. Aber im konkreten Fall schwiegen die betroffenen Familien. Sie ahnten zumindest, dass sie sich um ihren Kranken nicht genug gekümmert hatten, ihn durch ihre Passivität an den Staat ausgeliefert hatten und deshalb eine Mitschuld trugen.

Aus diesem Grund schwiegen sie über diese Toten – auch nach dem Krieg. In 90 Prozent der 200.000 betroffenen deutschen Familien wissen die Nachgeborenen heute nicht, dass einer ihrer Vorfahren den Euthanasiemorden zum Opfer fiel.

Aber hätten die Angehörigen damals überhaupt eine andere Möglichkeit gehabt?

Aly: Sehr wohl! Es gibt eine ganz klare interne Anordnung der in Berlin ansässigen Mordzentrale vom Mai 1940. Diese besagt, dass Angehörigen, die energisch versuchen, ihre Verwandten aus den Anstalten zu holen oder deren Verlegung zu verhindern, in jedem Fall nachzugeben sei. So sind sogar Menschen vor der Eisentür der Gaskammer noch in letzter Minute zurückgeschickt worden – aufgrund der Intervention von Müttern oder Geschwistern. Allerdings haben die Angehörigen sich nur in sehr wenigen Fällen eingemischt. Der Anteil liegt bei unter fünf Prozent.

1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen. Später folgten weitere Erlasse, die etwa einen Schwangerschaftsabbruch bei einer Erbkrankheit erlaubten oder die Ehe zwischen nichtbehinderten und behinderten Menschen verboten. Waren die Krankenmorde für das NS-Regime schlicht der nächste logische Schritt?

Aly: Die Krankenmorde konnten nur vollzogen werden unter dem Schirm des Krieges. Jeder Krieg verengt den moralischen Horizont der unmittelbar betroffenen Menschen sofort. Man konzentriert sich automatisch auf den engen Kreis der eigenen Lieben, auf das Organisieren des Alltags, das eigene Überleben. Hinzu kommt: Die öffentlichen Mittel für psychisch Kranke und Behinderte wurden unter der Regierung Hitler immer geringer. Bereits ein, zwei Jahre vor dem Krieg begannen Psychiater in einzelnen Anstalten damit, dem Sterben etwas nachzuhelfen.

Das lässt sich an den steigenden Todeszahlen einzelner Anstalten ablesen. In Friedenszeiten starben im Durchschnitt fünf Prozent der Patienten pro Jahr. Nach 1935 stieg die Sterblichkeit in manchen öffentlichen Anstalten deutlich, auf acht oder neun Prozent. Das später durchgeplante Morden hatte bereits schleichend begonnen.

Warum durften diese Menschen in den Augen des Hitler-Regimes nicht weiterleben?

Aly: In der Propaganda und in den gesundheitspolitischen Diskussionen wurde stets beklagt, dass die behinderten und psychisch kranken Menschen zu viel Pflegepersonal und Ärzte binden würden, Wohnraum, Lebensmittel und Geld. All das sollte im Krieg nicht länger „nutzlosen Essern“ zugutekommen, sondern der im Prinzip gesunden und leistungsstarken Mehrheit des Volkes.

Nachdem die ersten 70.000 Patienten bis zum Sommer 1941 vergast worden waren, hat ein Statistiker im Ernährungsministerium sogar ausgerechnet, wie viel Lebensmittel und Kleidung man durch diese Morde gespart hat. Für seine Kalkulation unterstellte er eine mittlere Lebenserwartung der Ermordeten von weiteren zehn Jahren. Die leergeräumten Anstalten wurden dann im Krieg als Lazarette und Notkrankenhäuser für bombardierte Städte genutzt.

Nicht alle Menschen in den Anstalten wurden ermordet. Wer entschied über Leben und Tod?

Aly: Zunächst verschickte die Medizinalverwaltung einen Fragebogen an die Anstaltsdirektoren, anhand dessen die psychisch Kranken erfasst und grob begutachtet worden sind. Zum einen wurde gefragt, wie lange jemand schon in der Anstalt ist. War er länger als fünf Jahre dort, sanken seine Überlebenschancen enorm. Zweitens wurde abgefragt, ob derjenige arbeiten kann und wie wichtig seine Arbeit innerhalb der Anstalt ist. Drittes musste mitgeteilt werden, ob der Patient Besuch erhält und wenn ja, wie oft und von wem.

Diese Frage zeigt, wie stark das Überleben von den Angehörigen abhing. Diejenigen, die regelmäßig Besuch erhielten, hatten eine viel höhere Überlebenschance als alle anderen. Sofern in den Transporten zu den Tötungsanstalten noch Plätze frei waren, forderte der Leiter hin und wieder von den Anstaltsdirektoren: „Suchen Sie bitte Kranke aus, die keinen Besuch erhalten!“ Auf diese Weise ließen sich unangenehme Nachfragen vermeiden.

Was waren das für Ärzte, die sich an dem Morden beteiligten und damit ja komplett gegen ihr Berufsethos verstießen?

Aly: Der medizinische Leiter der Euthanasiemorde, Hermann Paul Nitsche, war ein großer Reformer der Psychiatrie. Während der Weimarer Republik hat er sich führend gegen Fesselungen, gegen die Anwendung von Gewalt und Zwangsbehandlungen in den Anstalten eingesetzt und Ansätze zur offenen, sozialen Psychiatrie entwickelt. Weil er 1940 viele seiner Schüler in den von ihm geleiteten Mordapparat holte, blieb etwas von diesem Reformgeist auch dort erhalten. Man versuchte zwischen den therapeutisch zu bessernden und den „abgelaufenen Fällen“ genau zu unterscheiden.

Vor diesem Hintergrund entstanden aus heutiger Sicht geradezu verrückte Berichte: Da stellten die Mitarbeiter Nitsches zum Beispiel in einer kleinen Anstalt fest, dass dort noch 17 unheilbare Patienten seien, die verlegt (sprich: ermordet) werden müssten. Im nächsten Satz berichteten sie ihrem Chef: „In dieser Anstalt werden Patienten noch geschlagen und gefesselt, das muss unbedingt abgestellt werden.“ Im Durchschnitt waren die Mörder gute und fachlich engagierte Ärzte.

Die am Holocaust beteiligten Täter sind nur zu einem minimalen Prozentsatz angeklagt und verurteilt worden. Was ist mit den Tätern der Krankenmorde nach 1945 geschehen?

Aly: Es hat unmittelbar nach dem Krieg einen großen Prozess in Dresden mit einigen Todesurteilen gegeben, ebenso den Hadamar-Prozess und Prozesse in Berlin und Wien. Sie betrafen relativ wenige Täter. Zumeist wurden die zu Zeitstrafen Verurteilten hernach schnell begnadigt. Die Spitzen des Mordes – Viktor Brack und Karl Brandt – sind im Zuge des Nürnberger Ärzteprozesses verurteilt und hingerichtet worden. Aber die meisten anderen, vor allem auch das medizinische Personal – an den Tötungen haben viele Pfleger und Schwestern mitgewirkt – sind nie belangt worden und ganz normal, nach einem erfüllten Berufsleben, gestorben.

Ganz im Gegensatz zu den Opfern. „So, jetzt sind wir gezeichnet zum Schlachten“, sagt ein psychisch Kranker in Ihrem Buch, kurz bevor er in eine der Tötungsanstalten verlegt wird. Sie legen einen starken Fokus auf die Opfer.

Aly: Ich glaube, dass die Schrecken der Kranken, ihre Todesängste viel zu lange und auch bis heute verdrängt worden sind. Viele Leute dachten damals und vielleicht auch heute, da sitzen diese „Deppen“ in den Anstalten, die werden schon nicht mitbekommen, was mit ihnen geschehen soll. Die Dokumente in meinem Buch – unter anderem auch abgefangene Briefe, die in den Krankenakten der Ermordeten abgeheftet wurden – zeigen ein ganz anderes Bild.

Die allermeisten Menschen wussten genau, was da passiert. Es war den psychisch Kranken klar, dass sie in den Tod transportiert wurden. Und das verdrängt man – bis heute. Dabei weiß jeder, dass psychisch Kranke in der Regel alphabetisierte Menschen sind, die lesen und schreiben können und oft sehr klare Momente haben. Diese Patienten wussten, dass man ihnen nach dem Leben trachtete, während ihre Angehörigen und die übrige Gesellschaft das Mordgeschehen verdrängten, um hinterher zu behaupten: Wir haben das nicht gewusst.

Gab es einen Fall, der sie besonders berührt hat?

Aly: Die Beschreibungen und Lebenszeugnisse der behinderten Kinder gehen mir sehr nahe, auch weil ich selber eine schwerbehinderte Tochter habe. Ich meine die Krankenakten, in denen beschrieben wird, welche Spiele sie machen, wie sie sich ausdrücken können, dass sie gerne singen und lachen.

Sie haben das Buch Ihrer behinderten Tochter Karline gewidmet. Konnten Sie die wissenschaftliche Arbeit immer von der privaten Ebene trennen?

Aly: Ich habe es zumindest versucht. Das Buch war eine gute Form, Privates zu bewältigen, und hat mir auch neue Erkenntnisse gebracht. Eben wegen meiner eigenen Erfahrungen glaube ich, dass mein Blick auf das Verhalten der Angehörigen klarer ist als der anderer Autoren. Die Rolle der Angehörigen wird in den meisten Büchern zu diesem Thema Euthanasiemorde ignoriert beziehungsweise bewusst tabuisiert – wahrscheinlich aus Scham, oder weil die Autoren einen Weg suchen, die Schuld auf wenige, auf sogenannte Nazi-Täter zu beschränken. Die gab es, keine Frage. Aber sie konnten nur dann in ihrem Sinn erfolgreich arbeiten, solange die deutsche Gesellschaft in ihrer übergroßen Mehrheit dazu bereit war, wegzusehen, sich zumindest passiv zu verhalten.

Inwiefern haben die Krankenmorde den Weg geebnet für den Holocaust, der erst später begann?

Aly: Zum einen hat die deutsche Regierung Tötungsmethoden wie das Vergasen von Menschen während der Krankenmorde erstmals erprobt. Aber hauptsächlich hat das Einüben des Wegschauens den Weg für den Holocaust geebnet. Die Tatsache, dass die Gesellschaft geduldet hat, dass 200.000 Menschen aus ihrer Mitte – es waren ja Deutsche, Familienmitglieder, keine Feinde – sang- und klanglos ermordet werden, ohne dass viel passierte, hat der Führung damals die Gewissheit gegeben, dass noch größere Mordaktionen organisiert werden können.

Die Euthanasiemorde funktionierten als „Geheime Reichssache“. In Wahrheit blieb wenig geheim. Das Geheimnis bestand in einer Offerte des Staats an die deutsche Gesellschaft: Weil Ihr es nicht wissen dürft, müsst Ihr es nicht wissen. Macht Euch keine Gedanken. So konnte eine Überforderung der zumindest christlich geprägten Gewissen vermieden werden. Später – bei der Deportation der Juden – wurde nach dem gleichen Muster erfolgreich verfahren.

Insofern haben die Krankenmorde den Weg zum Holocaust gebahnt. Wenn man sich vorstellt, die Euthanasiemorde hätten wegen des Protests weiter Bevölkerungskreise abgebrochen werden müssen, kann man sich auch vorstellen, dass es nicht zum Holocaust – jedenfalls nicht in diesem Ausmaß – gekommen wäre.

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