Hämmern, Flicken und Sägen für ein Taschengeld

Von: Christiane Raatz, dpa
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Kinderwerkstatt Dresden
Christian Schröder, Mitarbeiter des Kinder- und Jugendhaus Emmers in Dresden, hilft in der so genannten Taschengeldwerkstatt Kaspar bei einer Holzarbeit. Jugendliche kommen regelmäßig in die Taschengeldwerkstatt des Kinder- und Jugendhauses: Sie sägen und schleifen in der Holzwerkstatt, flicken kaputte Reifen in der Fahrradwerkstatt oder helfen beim Catering für Kindergeburtstage. Kleine Aufträge werden für ein Taschengeld, nämlich 50 Cent pro Stunde erledigt. Foto: dpa

Dresden. Leon träumt schon lange von einem Fahrrad. „Aber das ist sehr teuer”, sagt der Elfjährige. Und seine Eltern haben kein Geld dafür. Viel Zeit für trübe Gedanken hat er allerdings nicht.

Fachmännisch hält Leon den Kopf schief, prüft die Abstände, dann setzt er den kleinen Bohrer an, der sich langsam durchs Holz frisst. Neben ihm auf der Werkbank misst der zehnjährige Kaspar mit einem Zollstock Holzbretter - für einen Gartenzaun.

Lohn: 50 Cent pro Stunde

Die Jungen kommen regelmäßig in die Taschengeldwerkstatt des Kinder- und Jugendhauses Emmers in Dresden: Sie sägen und schleifen in der Tischlerei, flicken kaputte Reifen in der Fahrradwerkstatt oder helfen beim Catering für Kindergeburtstage. Kleine Aufträge für ein Taschengeld von 50 Cent pro Stunde. „Die Kids sollen lernen, mit Geld umzugehen”, erklärt Jens Hilgner, stellvertretender Leiter des Jugendhauses. Bis dahin haben sie oftmals nicht die Erfahrung gemacht, dass Geld durch Arbeit verdient werden muss. „Hier übernehmen sie Verantwortung, lernen durchzuhalten.”

Auch überregional erregte das Projekt bereits Aufsehen: Erst kürzlich wurde die Taschengeldwerkstatt mit einem Kinderschutzpreis ausgezeichnet. Die von der Hanse Merkur Versicherung vergebene Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert.

Der Dresdner Stadtteil Pieschen-Süd gilt als sozialer Brennpunkt. „Es gibt viele Hartz-IV-Familien, viele moderne Straßenkinder”, erklärt Hilgner. Die meisten werden früh aus dem Haus geschickt und dürfen erst abends wiederkommen. „Zu Hause können sie sich keine Wünsche erfüllen, oft hapert es sogar an regelmäßigem Essen”, sagt der Sozialpädagoge. Die Wünsche, die sich die Mädchen und Jungen von ihrem „Verdienst” erfüllen, sind so verschieden wie ihre Geschichten: „Einer der Jungs hat von seinem ersten eigenen Geld einfach nur ein Milchbrötchen gekauft”, erzählt Hilgner. Die meisten aber sparen auf Kinokarten, den Eintritt ins Schwimmbad oder Auto-Spielkarten. Etwa 40 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig.

Viel Zeit für die kleinen Handwerker

In der Tischlerei nimmt Leons Geheimkiste langsam Gestalt an. „Die baue ich am liebsten”, sagt er. Auch an einem Vogelhaus und einem Holzfisch hat er schon mitgearbeitet. Anleitungen bekommen die Jungen von Christian Schröder. Der 62-jährige Rentner ist jeden Tag in der Holzwerkstatt, zum Großteil ehrenamtlich. Er nimmt sich Zeit für die kleinen Handwerker, erklärt mit ruhiger Stimme, wie sie den Bohrer halten oder die Zwinge festschrauben müssen. „Mir macht es Spaß, ihnen handwerkliche Tricks und Kniffe beizubringen”, sagt er. Er ist stolz auf seine Zöglinge, freut sich, wenn sie etwas geschafft haben. „Manchmal komme ich mir wie ein Ersatz-Papa vor.”

In der Holzwerkstatt findet sich alles, was kleine Handwerker brauchen: In der Mitte steht eine große Werkbank, an den Wänden hängen ordentlich aufgereiht Bohrer, Hämmer und Sägen. „Es gibt sogar eine Tischkreissäge und eine Ständerbohrmaschine”, erklärt Schröder stolz. Viele aus dem Viertel nehmen die Dienste gern in Anspruch, geben kleine Arbeiten in Auftrag. Die Kinder arbeiten mal an einem Gartenzaun oder einer Holzbank, reparieren ein Aquarium. Und auch um die Organisation - von der Kostenkalkulation bis hin zur Auslieferung - kümmern sich die Kinder und Jugendlichen.

Im Kinder- und Jugendhaus Emmers arbeiten vier Sozialpädagogen und zahlreiche Ehrenamtliche, bis zu hundert kleine und große Besucher kommen jeden Tag - zum Mittagessen, Tanztraining oder zur Hausaufgabenhilfe.

Im großen Aufenthaltsraum hängt das Herzstück der Taschengeldwerkstatt: die himmelblaue Sparmaschine. Christian Schröder hat sie selbst ausgetüftelt. Über eine Seilwinde werden kleine Holzkugeln - rot steht für 50 Cent, blau für 20 Cent - zu den Röhren aus Plexiglas transportiert. In Leons Sparröhrchen hat sich schon einiges angesammelt. Am Monatsende zählt der Elfjährige seine Kugeln und hofft, dass es vielleicht bald für die Erfüllung seines Traumes reicht.
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