Marl - „Glück auf” in mehr als 1000 Metern Tiefe

„Glück auf” in mehr als 1000 Metern Tiefe

Von: Lars Brepols
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Langsam entschwindet das Tageslicht und es wird zunehmend dunkler: Nur mit der Hillfe einer Helmlampe behält dieser Bergmann tief unten im Stollen den Uberblick. Foto: RAG

Marl. Mit einem lauten Knall fallen die schweren Schachttore zu. Dicht gedrängt stehen die Bergleute mit ihren leuchtenden gelben Helmen in dem kleinen Förderkorb. Die an der Wand befestigten rostigen Ketten dienen den Kumpels zum Festhalten.

Plötzlich ertönt ein lautes Glockensignal und das schwere Seil setzt sich in Bewegung. Die Helmlampen werden angeknipst und der Korb fährt ganz sanft an, fast so wie ein Kaufhausfahrstuhl. Acht Meter pro Sekunde geht es den schmalen Schacht hinunter. Eine grell flackernde Neonröhre ziert die Decke des Förderkorbes. Langsam entschwindet das Tageslicht und es wird zunehmend dunkler...

Das Steinkohlenbergwerk „Auguste Victoria” in Marl (Kreis Recklinghausen) ist eines von noch sechs verbliebenen in Deutschland. Mit seinen rund 4000 Mitarbeitern und einer Jahresförderung von etwa 3,1 Millionen Tonnen ist es nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region.

Täglich werden 12.500 Tonnen hochwertige Steinkohle in über 1000 Meter Tiefe abgebaut. In einem Vier-Schicht-Betrieb wird die Kohle von montags bis freitags im 24-Stunden-Rhythmus gefördert. „Die reine Arbeitszeit vor Ort beträgt aber in der Regel nur sechs Stunden, weil die Bergleute jeweils eine Stunde für den Hin- und Rückweg benötigen”, erklärt Jürgen „Fisch” Scholle, der als Führer täglich Grubenfahrten für interessierte Gruppen anbietet.

Immer weiter dringt der Förderkorb in die dunkle Tiefe ein. Plötzlich stoppt der „eiserne Fahrstuhl” auf Sohle 5. Die Schachttore öffnen sich und fünf weitere Bergleute mit Kohle geschwärzten Gesichtern steigen hinzu. „Glück auf”, begrüßen sie ihre Kollegen. „Glück auf”, schallt ihnen das freundliche Echo entgegen. „Aha. Wieder eine Grubenfahrt mit Freiwilligen. Hoffentlich geht nicht wieder einer verloren”, frotzelt einer von ihnen. Ein Stockwerk tiefer, auf Sohle 6, hält der Korb ein zweites und letztes Mal. Das Füllort, die sogenannte Schnittstelle zwischen Schacht und Strecke, ist erreicht. Hier, in circa 1200 Metern unter der Erdoberfläche, beginnt die heutige Schicht für die „Knappen” des Bergwerks Auguste Victoria.

Hinab in die dunkle Tiefe

107 Kilometer Streckennetz unter Tage und eine komplexe Logistik mit 55 Kilometern Bandstraße sorgen für den reibungslosen Transport. Nicht selten müssen die Bergleute eine Strecke von fünf und mehr Kilometern zurücklegen, um den Streb - den Ort an dem die Kohle abgebaut wird - zu erreichen. „Man sagt, dass fünf Kilometer Untertage einer Belastung von zehn Kilometern an der Erdoberfläche entsprechen”, verdeutlicht Jürgen Scholle die besondere Beanspruchung der Bergleute.

Das tunnelartige Füllort ist hell erleuchtet. Es wirkt wie ein U-Bahn-Tunnel, nur ein paar Meter tiefer unter der Erde. Hier werden die von oben kommenden, mit Material gefüllten Förderwagen aus dem Korb gedrückt. Der Verkehr wird von einem Mann ferngesteuert, der in einem Glascontainer sitzt. Es weht ein frischer Wind - der Wetterstrom, wie der Bergmann ihn nennt. „Hier in 1145 Metern Tiefe strömen frische Wetter, also reine, unverbrauchte Luft in die Grube ein”, erklärt Jürgen Scholle, der bei der heutigen Führung durch die erfahrenen Bergleute Ralf Schreiber und Tilo Ulrich unterstützt wird.

Damit eine Wetterführung überhaupt möglich wird, sind zwei Schächte nötig: Ein einziehender und ein ausziehender Schacht, durch den die Abwetter abgesaugt werden. Um den Wetterstrom in Gang zu halten, sind am ausziehenden Schacht riesige Ventilatoren angebracht, die auch als Grubenfilter bezeichnet werden. „Hier am Füllort ist es noch angenehm kühl, aber je näher wir dem Streb kommen, um so wärmer wird es”, warnt Scholle die Gruppe vor.

Vom Füllort aus machen sich die Bergleute auf den Weg zu den verschiedenen „Abbaubetriebs-punkten”. Über die so bezeichneten Strecken erreichen die Kumpel ihren oft mehrere Kilometer weit entfernten Arbeitsplatz. Die etwa sieben Meter breiten Tunnel sind deutlich spärlicher ausgeleuchtet als das Füllort. Die Wände sind mit Stahlbögen ausgebaut. Holzausbauten findet man heutzutage im Bergbau so gut wie gar nicht mehr, weil sie dem hohen Druck in dieser Tiefe nicht mehr standhalten können.

An der Decke und den Wänden ziehen sich ganze Bündel von Leitungen entlang - für Druckluft und Wasser, für elektrische Energie und Daten-Übertragung, für das planmäßig im Bereich der rattert das Gurtförderband, auf dem die abgebaute Kohle zum Schacht transportiert wird. Nach Schichtende nutzen die Bergleute dieses etwa zwei Meter breite Band als Personenbeförderungsmittel.

Hierfür wurden spezielle Auf- und Absteigstellen eingerichtet. „Das muss man schon trainieren, denn das Auf- und Absteigen erfolgt bei laufendem Betrieb”, erklärt Scholle, warum nur besonders geschulte Bergleute das Band als Transportmittel nutzen dürfen. Über 6000 Kilogramm Kohle werden pro Mann und Schicht Untertage gefördert - dies entspricht der Durchschnittsleistung im deutschen Steinkohlenbergbau.

Schweißnasse Gesichter

Je näher die Bergleute dem Streb kommen, umso schwüler und stickiger wird die Luft. Schweißnass glitzern die Gesichter. Und dann ist es endlich soweit: Der Koh-lestreb ist erreicht: Circa 2,50 Meter hoch, sechs Meter breit und etwa 300 Meter lang ist das schwarze Kohlenflöz auf der rechten Seite des Strebs deutlich zu erkennen. Der bereits abgebaute Teil, der „Alte Mann”, liegt verdeckt hinter dem stählernen Schildausbau. „Wir sind jetzt hier in einem Schildstreb. Das Hangende, also die Decke des Abbauraumes, wird hydraulisch abgestützt und in das ausgekohlte Feld vorwärts gerückt. Das läuft voll automatisch ab”, sagt Scholle.

Noch wirkt alles ruhig und beschaulich hier tief unter der Erde. Doch plötzlich durchdringt ein unüberhörbares Signal die Stille und eine zwanzig Tonnen schwere Maschine setzt sich mit gewaltiger Kraft in Bewegung: der Walzenschrämlader. Die mit zahlreichen Meißeln bestückte, rotierende Maschine schneidet aus dem matt glänzenden Kohlenflöz einen etwa 80 Zentimeter breiten Streifen heraus. Ein schwefelartiger Duft steigt in die Nase. Aus kleinen Düsen an der Walze spritzt Wasser auf die Maschine, um die Staubwolke halbwegs zu bekämpfen. „Die Kohle- und Gesteinsschicht, die sie hier sehen, ist mehr als 300 Millionen Jahre alt. Lassen sie das mal auf sich wirken”, sagt Scholle. Durch die Walzendrehung gelangt die abgebaute Kohle automatisch auf den Kettenförderer, eine Art Stahlwanne, in der ein schweres Kettenband die Kohle zur Bandstrecke schiebt. Dort wird sie zerkleinert und gelangt schließlich über das Gurtförderband zum Schacht.

Heutzutage ist die Kohlegewinnung im deutschen Steinkohlebergbau voll automatisiert. Die Zeiten, in denen die Kohle noch mühsam im Handbetrieb abgebaut wurde, sind lange vorbei.

Nach drei Stunden unter Tage führt Jürgen Scholle die Gruppe wieder zum Füllort. Hier ist es nun deutlich lebhafter geworden. Ein Schichtwechsel steht an und die Bergleute warten auf den Förderkorb, der nur zu jeder vollen Stunde Personen befördert. Voll besetzt geht es wieder hinauf in die Welt über Tage. Die schweren Schachttore öffnen sich und mit einem freundlichen Lächeln auf ihren Kohle geschwärzten Gesichtern begrüßen sie ihre Kollegen mit einem herzlichen „Glück auf”. „Zum Glück haben wir heute niemanden verloren”, zwinkert ein Kumpel dem Bergführer zu.

In sechs Zechen noch 27.000 Beschäftigte

2007 haben sich Politik, Gewerkschaft und der Kohlekonzern RAG auf einen Bergbau-Ausstieg im Jahr 2018 geeinigt. Dieser Beschluss kann 2012 vom Bundestag revidiert werden.

CDU, FDP und Grüne im NRW-Landtag sind strikt gegen eine Fortsetzung des subventionierten Bergbaus an Rhein und Ruhr. SPD und Gewerkschaften fordern hingegen einen Sockelbergbau.

Derzeit sind in NRW und im Saarland in sechs Zechen noch rund 27.000 Menschen im Steinkohle-Bergbau beschäftigt. Die Stilllegung des Bergwerks Ost bei Hamm ist für den 30. Juni 2010 beschlossen. Das Bergwerk Saar schließt 2012 und der Standort West baut noch bis 2012/2013 Kohle ab.
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