Französische „Kriegskinder” finden ihre deutschen Halbgeschwister

Von: Ulrike Koltermann, dpa
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Paris. Jehan Sauval ist 65 Jahre alt, aber er bezeichnet sich noch immer als „Kriegskind”. Er ist einer von schätzungsweise 200.000 Franzosen, die einen deutschen Besatzungssoldaten zum Vater haben.

Französische „Kriegskinder” finden ihre deutschen Halbgeschwister
Viele von ihnen haben darunter gelitten - entweder weil sie gar nichts über ihren Vater wussten, oder weil ihre Herkunft als Schande galt. Manche finden erst im Rentenalter den Mut, sich auf die Suche nach ihren Wurzeln zu machen.

Die Bundesregierung hat den „Kriegskindern” nun angeboten, ihnen auf Wunsch auch einen deutschen Pass auszustellen. „Darüber freue ich mich riesig, es bedeutet eine Anerkennung meiner ganzen Identität”, sagt Sauval.

Im Unterschied zu vielen anderen hatte ihm seine Mutter nie verheimlicht, dass sein Vater ein deutscher Soldat war. „Die Kinder in der Schule haben mich manchmal als Sohn eines "Boche" beschimpft”, erinnert er sich. „Boche” ist eine abfällige Bezeichnung für Deutsche. Sauval wusste auch, dass sein Vater in Deutschland bereits verheiratet gewesen war und dort zwei Kinder hatte.

Als 25-Jähriger hatte er einen ersten Versuch unternommen, seinen deutschen Wurzeln nachzugehen. Er bekam die Adresse der ersten Frau seines Vaters heraus und schrieb ihr einen Brief. „Diesen Brief habe ich aber nie abgeschickt, ich hatte zu viel Angst, etwas in ihrem Leben kaputtzumachen”, sagt er. Vermutlich habe die Frau ja nicht geahnt, dass ihr Mann noch einen Sohn in Frankreich hatte.

Erst vor sechs Jahren fasste er sich noch einmal ein Herz und machte sich erneut auf die Suche. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt längst gestorben, aber er bekam die Adressen seiner Halbgeschwister heraus. „Ich habe meine Schwester und meinen Bruder gefunden. Das kann man gar nicht beschreiben, was ich gefühlt habe”, sagt er mit belegter Stimme. Es habe ihn sehr, sehr gerührt.

Erika Klaudy, seine acht Jahre ältere Schwester, erinnert sich noch gut, wie sie ihren französischen Halbbruder vor fünf Jahren zum ersten Mal besucht hat. „Kurz bevor wir ankamen, hatte ich Angst und wollte zurückfahren. Aber dann stand er schon auf der Straße und hat mich in den Arm genommen und auf die Wangen geküsst, wie die Franzosen das so machen”, erzählt Klaudy, die heute in Hörstel bei Rheine wohnt. „Am Anfang war ich wie versteinert, aber beim Essen später habe ich ihn einfach von der Seite in den Arm genommen.”

Seitdem sehen sich die Halbgeschwister regelmäßig und feiern auch Weihnachten zusammen. Klaudy findet es schade, dass ihr Vater ihnen nie gesagt hat, dass er noch einen Sohn hatte. „Hätten wir es früher gewusst, hätten wir die Sprache des anderen besser lernen können”, meint sie. Im Alter sei das nicht so einfach. Aber „Dschonn”, wie sie Jehan nennt, mache ganz gute Fortschritte im Deutschen, und sie lerne ebenfalls „die Scheißsprache” Französisch.

Sauval hatte Glück, dass er seine zweite Familie fand - viele andere sind noch immer auf der Suche. „Ich weiß von meinem Vater nur den Vornamen und dass er immer fröhlich war”, sagt Jeanine Nivoix- Sevestre, Vorsitzende des „Vereins der Kriegskinder”. Und selbst das habe sie erst spät herausgefunden. „Meine Mutter ist im Krieg ums Leben gekommen, ich bin von meiner Tante großgezogen worden. Die hat niemals von meinen Eltern gesprochen”, erzählt Nivoix-Sevestre.

Ein Klassenkamerad war es, der sie schließlich über die Herkunft ihres Vaters aufklärte. „Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen, ich habe wochenlang in einer psychiatrischen Klinik verbracht”, erzählt sie. Heute hat sie ihren Frieden damit geschlossen und setzt sich mit ihrem Verein dafür ein, dass möglichst viele „Kriegskinder” ihre deutschen Wurzeln finden können. Von den etwa 230 Mitgliedern haben mittlerweile gut die Hälfte Kontakt zu Halbgeschwistern in Deutschland. „Viele von ihnen sind überglücklich, dass sie jetzt die doppelte Staatsangehörigkeit bekommen können”, sagt sie.
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