Flüchtlingen fehlt es am Nötigsten für den Winter

Von: Manfred Kutsch
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Der harte kurdische Winter steht bevor: Ein Mann im Duban Garden von Khanke friert und bettelt um eine Jacke oder einen Pullover. Foto: Manfred Kutsch
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Leben im Park: Im Khanke campieren Flüchtlinge im Duban Garden. Ihnen steht ein harter Winter bevor. Leila Ali, ihr Mann Tahlir Khala und die beiden Kinder Silvana und Schera leben dort in einem Zelt. Foto: Manfred Kutsch

Khanke. Sie sind überall, die 1,1 Millionen Menschen, die vor der Terror-Miliz Islamischer Staat geflohen sind: Im Nordirak, in Zeltlagern, Neubauruinen, an den Straßenrändern und in öffentlichen Parks müssen sie bald im harten kurdischen Winter erneut um ihr Leben bangen.

Auch im Duban Garden in der Kleinstadt Khanke, etwa eine Autostunde westlich von Dohukentfernt, die mit rund 60 000 Flüchtlingen das Dreifache der Einwohnerzahl zu verkraften hat.

In der kleinen grünen Lunge picknickten einst die Menschen, sie spielten dort Ball oder gaben sich einfach der Ruhe hin. Heute liegen dort ein paar gefällte Bäume herum, die dem Aufbau von Zelten oder selbst gebastelten Behausungen im Wege standen. Ein Kleinlaster kippt Betonmasse ab, die sich die Flüchtlinge irgendwo organisiert haben, um den Matsch im Park zu asphaltieren. Ein alter Mann stellt sich uns mit verschränkten Armen vor der Brust in den Weg und zeigt damit an: „Ich friere.“ Er bettelt um unsere Jacken und Pullover.

Die meisten laufen immer noch in Sommerkleidung herum, an den Füßen tragen viele nur Flip-Flops. „Ich habe neun Kinder und noch etwa 15.000 Dinar“, sagt Mirza Haji (50). 15.000 Dinar sind etwa zehn Euro. „Wie soll ich da für den Winter vorbeugen?“ Die Menschen vom Duban-Park sind – wie Zehntausende andere – keinerlei organisierter Hilfe angeschlossen, ihr Überleben liegt allein in ihren eigenen Händen. Behörden und Hilfsorganisationen müssen dem Druck der Menschenströme unter einem gnadenlosen Wettlauf  mit der Zeit standhalten: „Wenn bald die Nächte mit Temperaturen von zehn Grad Minus kommen, dann können wir uns ausrechnen, was passiert“, sagt Unicef-Mitarbeiterin Freya von Groote.

Ein paar Zelte weiter kehren wir bei Leila Ali (22), ihrem Mann Tahlir Khala (35) und den beiden Kindern Silvana (4) und Schera (3) ein. Von ihrem auf die Schnelle mitgenommenem Ersparten hat sich die Familie eine Gasflasche und einen Kocher besorgt, auf dem die junge Mutter gerade Bohnen zubereitet – und gleichzeitig ihre Freundin Barma (24) tröstet. Die hat vorhin wieder telefonischen Kontakt zu ihrer 17-jährigen Schwester Nazdar gehabt, die bei der Flucht aus ihrem Dorf nicht schnell genug war – und in Geiselhaft des IS geriet. „300 Frauen und Kinder werden dort festgehalten, systematisch getrennt und immer wieder an andere Orte gebracht“, sagt Barma.

Nazdars eigenes Handy sei ihr weggenommen worden: „Aber es gibt noch eines unter den anderen Geiseln, die sich das teilen“, erzählt sie. Ihre Schwester habe ihr vorhin berichtet, „dass sie von den Milizen ein weiteres Mal irgendwohin mitgenommen“ würde – als „lebendes Schutzschild gegen die Luftangriffe der Amerikaner“, sagt Barma.

Was Nazda bislang widerfahren sei? Hat sie etwas erzählt? Wurde sie missbraucht? Soll sie verkauft werden? Barma schweigt. Ihre Freundin Leila bietet ihr ein paar Bohnen und ein Lächeln an.
Draußen scharen sich die Leute um Antea Kalu (35), Mitglied der kurdischen Provinzregierung, der nicht viel Hoffnung macht: „Vor zwei Wochen kamen an einem Tag 2000 Familien, wir brauchen viel mehr internationale Unterstützung. Das ist nicht zu schaffen.“

Wir hören die dumpfen US-Granateinschläge im weiterhin umkämpften Sindschar-Gebirge, in dem noch rund 3000 jesidische Flüchtlinge aus dem kurdischen Nordsyrien festsitzen, von allen Seiten umzingelt von IS-Milizen. Vor uns blicken wir von einer Anhöhe auf den Mosul-Staudamm, den die Peschmerga von den IS-Terroristen zurückerobern konnten. Davor breitet sich auf einer Fläche, die in etwa der Größe einer Stadt wie Stolberg entspricht, ein Meer von weißen Zelten aus, das von Hilfsorganisationen betreut wird. Unicef zeichnet dabei verantwortlich für Wasser- und Latrinenversorgung sowie für ein Kinderzentrum.

Bei unserer Ankunft an diesem dunstigen, tristen Vormittag liegt mehr als die normale Spannung über dem Camp, in dem etwa 10.000 Flüchtlinge leben. In Windeseile hat sich die Hiobsbotschaft herumgesprochen. Am Abend zuvor sind drei Kinder in ihrem Zelt verbrannt. Die Eltern waren bei Nachbarn, die 14-jährige Tochter sollte auf die drei kleinen Geschwister, zwei, drei und sieben Jahre alt, aufpassen. Eine Kerze muss umgefallen sein, Papier, Stoff und Plastik fingen sofort Feuer, die beiden Mädchen und der Junge hatten keine Chance, die ältere Schwester Maida war überfordert. Samom (7), Sema (4) und Civer (2)starben dort, wo ihr Leben gerettet schien.

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