Fleischhunger mit bitterem Beigeschmack

Von: Christina Merkelbach
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So sieht es in Geflügelfabrike
So sieht es in Geflügelfabriken aus. Massentierhaltung ist weltweit auf dem Vormarsch - mit vielen unappetitlichen Begleiterscheinungen. Foto: dapd

Aachen. Als Melanie Wolff, 36, sich vor fast 20 Jahren entschloss, nur noch vegetarisch zu essen, galt sie als Exotin. Oft musste sie sich für ihre Haltung rechtfertigen. „Die ist komisch”, hieß es dann hinter vorgehaltener Hand. Das hat sich längst geändert.

Die Ernährungswissenschaftlerin aus Aachen gehört zu 1,3 Millionen Vegetariern, die es in Deutschland laut zweiter Nationaler Verzehrstudie gibt. Eine verlässliche Statistik, wie viele Menschen sich weltweit vegetarisch ernähren, liegt dagegen nicht vor.

Der Internationalen Vegetarischen Union (IVU) zufolge kann man aber davon ausgehen, dass es in jeder Gesellschaft und Kultur Menschen gibt, die bewusst auf Fisch und Fleisch verzichten.

Dass in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe US-Amerikaner hinzugekommen sind, liegt am neuen Buch des Schriftstellers Jonathan Safran Foer. Mit „Tiere essen” hat er eine heftige Debatte losgetreten. Seine Behauptung: „Wir führen einen Krieg gegen alle Tiere, die wir essen, oder genauer gesagt, wir lassen einen Krieg gegen sie führen. Dieser Krieg ist neu und hat einen Namen: Massentierhaltung’.” Unser Umgang mit Fisch gleiche inzwischen sogar einem Vernichtungskrieg.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass jemand im Internet bekennt, nach dem Lesen von „Tiere essen” nie wieder Fleisch oder Fisch konsumieren zu wollen. Einige, darunter die Schauspielerin Natalie Portman, gehen sogar so weit, nur noch vegan leben zu wollen, also auf jegliche tierische Produkte zu verzichten. Keine Milch, keine Eier, kein Honig. Auch in Deutschland stößt das, was Foer zu sagen hat, auf reges Interesse. Dort ist das Buch Mitte August erschienen und seitdem 90.000 Mal über den Ladentisch gegangen. Der Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch druckt gerade die fünfte Auflage.

Foer, für seine beiden Romane „Alles ist erleuchtet” und den Nachfolger „Extrem laut und unglaublich nah” von Kritikern als literarisches Wunderkind gefeiert, wird täglich mit Briefen und E-Mails überhäuft. „Meistens ist der Inhalt in etwa: Ich mochte Fleisch immer sehr gerne, aber jetzt möchte ich es nicht mehr essen’”, sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Das Buch beschreibt Quälereien und Misshandlungen, mit denen man einen Horrorfilm bestücken könnte. Es berichtet von Tieren, die bis zur Schlachtung krank, deformiert und missgestaltet vor sich hinvegetieren, Rinder, die bei vollem Bewusstsein zerteilt werden und Schweine, denen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird. Es erklärt, dass der männliche Nachwuchs von Legehennen getötet wird, kaum dass er geschlüpft ist, weil man ihn nicht als Ware gebrauchen kann. Männlichen Ferkeln, die wenige Wochen alt sind, werden ohne Betäubung die Hoden herausgerissen, weil der Verbraucher derzeit den Geschmack kastrierter Schweine schätzt. Fischen in Aquakulturen bluten die Augen vom verschmutzten Wasser.

Foer hat verletzte Lämmer und Schafe gesehen, die zwischen die Schlachtkadaver ihrer Artgenossen geworfen werden, um dort zu verenden. Diese Grausamkeiten seien keine Ausnahme, schreibt er. Sie seien die Regel in einem System, das möglichst schnell möglichst viel Ware produzieren will. Das Schlachttempo hat sich in den vergangenen hundert Jahren durchschnittlich um 800 Prozent erhöht. Massentierhaltung ist für Foer ein Thema, das jeden angeht. Etwas, worüber sich die meisten vernünftigen Menschen einig wären, würden sie die Wahrheit kennen. Wenn man sich Gedanken um das Wohl von Tieren mache, werde einem oft vorgeworfen, dass das angesichts der vielen weltweit notleidenden Menschen unmoralisch sei, sagt Foer. Hungernde Kinder, Malaria, Völkermord - natürlich müsse man sich auch darum kümmern. „Es ist nicht so, dass man dem Kongo Mitgefühl entzieht, weil man es für die Tierhaltung braucht. Im Gegenteil: Je mehr Mitgefühl wir haben, desto mehr moralische Vorstellungskraft entsteht, die mehr Dinge miteinbezieht.”

Drei Jahre hat der Autor recherchiert. Er war in verschiedenen Schlachthäusern, stieg bei Nacht und Nebel in eine Geflügelfarm ein, besuchte Farmen für Fisch-, Rinder- und Schweinezucht. Zumindest soweit man ihn ließ. Die Fleischindustrie wolle, dass die Öffentlichkeit möglichst wenig über ihr Geschäft weiß, sagt Foer. Erfahren, wie es in den riesigen industriellen Schlachthöfen zugeht, hat er dennoch. Aus Gesprächen mit Dutzenden von Arbeitern. Der Autor hat auch mit Züchtern, Tierschützern und Wissenschaftlern geredet. Veganer und Vegetarier lässt er genauso zu Wort kommen wie leidenschaftliche Fleisch- und Fischesser, zu denen er vor seinen Recherchen selbst einmal gehörte.

Nachgeforscht hat der 33-Jährige zwar in den USA, aber hierzulande sehe es ähnlich aus, schreibt er im Vorwort der deutschen Ausgabe. Rückendeckung erhält er dabei vom Vegetarierbund Deutschland (Vebu). In Deutschland stammen laut Vebu 98 Prozent der verzehrten Tiere aus Massentierhaltungsbetrieben. „Tieren in deutschen Mastanlagen geht kaum besser als ihren amerikanischen Artgenossen. Auch sie können oft ihre angeborenen Verhaltensweisen nicht ausleben und werden nach dem Bruchteil ihrer natürlichen Lebenserwartung geschlachtet”, sagt Sebastian Zösch, Vebu-Geschäftsführer.

„Tiere essen” handelt zu einem großen Teil davon, dass riesige Massentierfabriken nach und nach die bäuerlichen Familienbetriebe geschluckt haben, bei denen Tierschutz noch ein Thema war. Verschwindend gering ist die Zahl dieser kleinen Betriebe inzwischen, und so gut wie überall kämpfen sie ums Überleben. „1950 produzierte ein Farmer genug, um 15,5 Verbraucher zu versorgen. Heute versorgt er 140.” Den enormen Fleischhunger der Welt können bäuerliche Farmen und Öko-Höfe nicht stillen. Durch ihn sind die Tierfabriken weiter auf dem Vormarsch. „Alles in allem werden weltweit 50 Milliarden Vögel pro Jahr in Geflügelfabriken produziert. Wenn Indien und China anfangen, ähnliche Mengen Geflügel zu verspeisen wie die Amerikaner, verdoppelt sich diese schwindelerregende Zahl noch einmal.”

Laut UN-Studien trägt die landwirtschaftliche Nutztierhaltung 40 Prozent mehr zur globalen Erwärmung bei als der gesamte Transportverkehr. Wächst die Lust auf Fleisch in dem Tempo weiter wie bisher, werden Nutztiere um das Jahr 2050 genauso viel Nahrung verzehren wie vier Milliarden Menschen.

In den USA gibt es inzwischen regelrechte Gülle-Seen, die nicht vernünftig entsorgt werden können und in deren Umgebung überdurchschnittlich viele Kinder an Asthma erkranken. Gewisse US-Fleischbetriebe erzeugen mehr Fäkalien als die Bevölkerung einiger amerikanischer Großstädte. Es gibt einen wissenschaftlichen Konsens, dass neue Viren, die zwischen Nutztieren und Menschen ausgetauscht werden, in naher Zukunft weltweit eine große gesundheitliche Bedrohung darstellen werden.

Auch das ist Alltag in Gefügelfabriken: Weil mit Medikamenten vollgestopfte, von Krankheiten geplagte und mit Fäkalien verschmutzte Hühner nicht schmecken, erhalten die Vögel eine Injektion mit Bouillon oder Salzlösungen. So bekommen sie das, was der Verbraucher für Aussehen, Geruch und Geschmack von Hühnchen hält.

Foers Buch ist keine aggressive Kampfschrift. Der Autor gehört nicht zu denen, die T-Shirts mit der Aufschrift „Fleisch ist Mord” tragen. Vielleicht ist das Echo auf sein Buch gerade deswegen so groß. Er gilt mehr als Vorzeigeintellektueller denn als radikaler Öko-Aktivist.

Endgültig auf Fleisch zu verzichten, sei ihm nicht leicht gefallen. Nach wie vor liebe er Sushi Steak und Würste. Vegetarier zu werden, ist nur eine mögliche Konsequenz, wenn man Foers Buch ernst nimmt. Die andere ist, sich für eine „Iss-nicht-unbesorgt-Ethik” stark zu machen. Der Autor tut beides. Und bleibt dabei tolerant. „Ich würde jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, Würste zu essen. Ich finde nur, man muss das nicht dauernd tun.”
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