Aachen/Paderborn - Eugen Drewermann im Interview: Mit Märchen und Mythen auf Jesu Spur

Eugen Drewermann im Interview: Mit Märchen und Mythen auf Jesu Spur

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Streitbar und umstritten: Eugen Drewermann. Wenn er spricht, stößt er auf große Zustimmung und heftige Ablehnung. Foto: stock/epd

Aachen/Paderborn. Mit Hans Küng und Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) – seinen Fachkollegen – gehört er zu den meistgelesenen und meistgehörten deutschen Theologen. Um den christlichen Glauben zu erfahren, geht Eugen Drewermann aber eher ungewöhnliche Wege: über die Psychoanalyse und -therapie, über Märchen und Mythen.

Das starke Echo darauf bestärkt ihn darin, dass solche Zugänge für lebendigen, gelebten Glauben wichtig sind.

Der Kirche traut Drewermann längst nicht mehr zu, solche Wege zu eröffnen; dazu ist sie nach seiner Überzeugung zu fern von der Botschaft Jesu Christi, zu doktrinär, zu fixiert auf das eigene System und dessen „starre Lehrsätze, die Menschen ausgrenzen statt einladen“. Am kommenden Dienstag in Aachen (siehe Infobox) wird Drewermann sicher auch dazu Stellung nehmen. Mit ihm sprach unser Redakteur Peter Pappert.

Herr Drewermann, was glauben Sie?

Drewermann: Dass Menschen nur gut sein können durch eine Güte, an die sie unbedingt glauben können.

Warum glauben Sie?

Drewermann: Weil ohne einen Hintergrund, wie Jesus ihn mit Gott eröffnete, Menschen vor lauter Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung zugrunde gehen müssen.

Sie befassen sich mit dem christlichen Glauben aus verschiedenen Ansätzen heraus: meditierend, psychoanalytisch, poetisch und nun – wie kommende Woche bei Ihrem Vortrag in Aachen – auch über die antiken Sagen und Mythen. Warum?

Drewermann: Ich sehe ein großes Defizit in der heutigen Form von Theologie: Das Menschenbild wird reduziert auf Verstand und Willen, während die wirklich maßgeblichen Tiefenschichten der menschlichen Psyche ausgeklammert bleiben. Deshalb wird die Sprache Gottes in der Bibel nicht verstanden, und man glaubt, die Träume in den Herzen der Menschen nicht beachten zu müssen. Damit veräußerlicht man die gesamte Religion.

Dem halten Sie Märchen und Mythen entgegen.

Drewermann: Märchen sind die einzige Botschaft der Weltliteratur, die sagt, dass man glücklich werden kann allein durch die Liebe. Wohin Sie auch sonst schauen, sind die Liebenden zum Untergang verurteilt. In den Mythen der Antike enden fast alle Liebesgeschichten in den Beschränkungen der Gesellschaft, der Aufsicht anderer, der Zerstörungsarbeit göttlicher Mächte.

Wenn zwei Menschen sich wirklich lieben und einer liegt im Sterben, spüren beide die tiefe Sehnsucht, den alles überragenden Wunsch, sich wiederzusehen. Ist das ein Zeichen dafür, dass es ewiges Leben gibt? Gar ein Beweis?

Drewermann: Ein Zeichen ja, ein Beweis nein, ein Hinweis unbedingt. Die griechischen Mythen drehen sich immer wieder um genau diese Frage: Was ist, wenn Adonis, der Geliebte der Göttin Aphrodite, stirbt, wenn alle Schönheit vergeht, wenn jeder Sinn zusammenbricht, wenn die eigene Tochter vom Gott des Todes geraubt wird? Erst wenn das Verlangen, sich wiedersehen zu können, erfüllt wird, ist ein normales Leben auf dieser Erde angesichts der räuberischen Praxis des Todes wieder möglich. Das ist die Wahrheit, von der alle Religionen sprechen.

Darum sind die antiken Mythen so wichtig?

Drewermann: Ja. Und sie sind mir auch deshalb so wichtig, weil die kirchliche Theologie dogmatisch die Existenz der tragischen Dimension menschlichen Daseins schlichtweg verleugnet.

Inwiefern?

Drewermann: Sie erklärt, dass wir Erlöste seien durch den Opfertod Christi – eine sehr schwierige, mythisch geprägte Lehre. Damit glaubt man, sich mit der wirklichen Not der Menschen im Umgang mit sich selbst und in den Tragödien des Zusammenlebens nicht weiter beschäftigen zu müssen. Umso wichtiger ist es, eine verstehende Güte zu lernen im Umgang mit Menschen, die nicht weiter wissen, statt nach moralischem und dogmatischen Anspruch auszugrenzen und zu verurteilen, wie das bis heute geschieht.

Warum geschieht es?

Drewermann: Sobald Sie auf konkrete Not und seelische Probleme eingehen, müssen Sie sich für den einzelnen interessieren. Da haben Sie keine vorgegebenen Antworten, kein Herrschaftsinstrument, das von oben nach unten Normen verordnet. Sie müssen dialogisch statt monarchistisch vorgehen. Sie können nicht mehr lehramtlich für alle verfügen, sondern müssen auf Gottes Wort hören, das sich in der Not des einzelnen äußert. Die Macht des Kirchenapparats wäre weg und würde ersetzt durch Dialog und Freiheit.

Warum sind Sie 2005 aus der katholischen Kirche ausgetreten?

Drewermann: Ich musste unterschreiben, dass ich in der Kirche nie wieder irgendeine Aufgabe übernehmen werde, sofern ich nicht alles widerrufe, was ich wirklich denke. In einer Kirche, die mich definitiv nicht will, habe ich nichts verloren. Ein solcher Nachtwächter ist Gott nicht, dass er eine Institution wie die Kirche bräuchte, um sich mitzuteilen. Das tut er selbst in den Herzen der Menschen.

Aber Ihr Konflikt mit der Kirche ist doch Jahrzehnte alt. Warum sollten Sie ausgerechnet 2005 so etwas unterschreiben?

Drewermann: Ich wurde 65. Sie wollten die Rente nicht nachzahlen – außer unter der Bedingung.

Viele Katholiken setzen ihre Hoffnung auf Papst Franziskus. Was erwarten Sie von ihm?

Drewermann: Darauf kommt es nicht an. Viel wäre schon gewonnen, wenn unsere Gesellschaft wenigstens das, was er klar gesagt hat, ernst nehmen würde. Er geht nach Lampedusa und mahnt bei jeder Gelegenheit ein neues Flüchtlingsrecht in Europa an. Ich habe kein Echo gehört – weder von der Pastorentochter Merkel noch von irgendeinem Minister.

Und innerkirchlich? Teilen Sie denn nicht wenigstens ein bisschen die Hoffnung vieler deutscher Katholiken, die sich auf Papst Franziskus richtet?

Drewermann: Die Hoffnung kann kein Papst sein. Die Hoffnung eines Christenmenschen ist die Botschaft Jesu, die Erfahrung Gottes, die ihm dadurch ermöglicht wird, und der Mut zum eigenen Leben. Dafür könnte die Kirche einen Schutzraum bieten – und wenn nicht, dann eben nicht. Aber die Hoffnung kann nicht hängen an Leuten, die auftreten, als wären sie Vermittler und Stellvertreter Gottes. Das kann nicht gutgehen. Das weiß im übrigen die halbe Christenheit in Gestalt der Kirchen der Reformation: Gott ist unmittelbar; er lässt sich nicht vermitteln – außer durch persönliche Begegnung. Wer es nur beamtetermaßen tun will, verstellt ihn.

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