Hildesheim/Berlin - Erschreckend: So leicht ist es für Kinder, an Schnaps zu kommen

Erschreckend: So leicht ist es für Kinder, an Schnaps zu kommen

Von: Sebastian Knoppik, dpa
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Schnaps / Jugendliche / Alkohol
Eine Flasche Likör in der Hand eines Jugendlichen. Foto: dpa

Hildesheim/Berlin. Einfach den Flachmann mit Schnaps auf das Laufband an der Kasse legen, bezahlen und wieder aus dem Geschäft marschieren. Für den 16-jährigen Tim ist es kein Problem, in der Hildesheimer Discounter-Filiale an harten Alkohol zu kommen.

Mehrmals gelingt ihm das an diesem Tag. Dabei will er sich gar nicht betrinken. Tim, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Testkäufer im Auftrag des Hildesheimer Jugendamts.

Er soll den Kampf gegen das sogenannte Koma-Saufen von Jugendlichen unterstützen. Nicht nur in Niedersachsen, auch in Großstädten wie Berlin oder Hamburg greift die Polizei immer mehr schwer betrunkene Jugendliche auf.

Schuld daran sind auch viele Geschäfte. Die Ergebnisse der Testkäufe in einigen Städten Niedersachsens ähneln sich: In etwa einem Drittel der Fälle bekommen die Jugendlichen Schnaps verkauft.

Die Verkäufer drücken oft ein Auge zu: Im Kreis Göttingen bekam jeder zweite Alkohol verkauft, in Ronnenberg in der Region Hannover gelang es einem 17-jährigen Mädchen sogar in allen acht von ihr angesteuerten Geschäften, Schnaps zu kaufen.

Von Juli bis September vergangenen Jahres wurden landesweit rund 5000 teils stark alkoholisierte Kinder und Jugendliche aufgelesen, 800 mehr als in den drei Monaten zuvor.

In einer Hildesheimer Filiale eines Discounters verkauft sogar der Filialleiter persönlich Tim den Schnaps. Der erfahrene Verkäufer gibt sich im anschließenden Gespräch mit Polizei und Sozialarbeiter zerknirscht: „Das ist mir so was von peinlich. Letzte Woche erst habe ich die eigenen Mitarbeiter geschult.”

Die Verkäuferin eines anderen Discounters lässt sich sogar Tims Ausweis zeigen, verkauft ihm dann aber doch das Kirschwasser. Sie habe sich verrechnet, entschuldigt sie sich danach.

Einige Verkäufer verhalten sich aber auch richtig. Julia Bremer steht hinter dem Tresen einer freien Tankstelle. Sie fragt Tim nach dem Alter und verweigert den gewünschten Schnaps. „Im Moment kommt es häufiger vor, dass Jugendliche Alkohol möchten. Mein Chef hat aber die klare Anweisung gegeben, das Alter zu kontrollieren.”

In Berlin will man das Problem der Trinkexzesse von Kindern und Jugendlichen mit Verboten bekämpfen. An öffentlichen Orten, etwa am Fernsehturm am Alexanderplatz, treffen sich an manchen Abenden Hunderte Jugendliche zum Trinken. Die Polizei bringt nachts immer wieder lallende oder annähernd bewusstlose Jungen und Mädchen mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Nun schritt der Bezirk ein und untersagte das Trinken am „Alex”.

Trinken bei privaten Feiern ist schwerer zu kontrollieren. Beispiele aus dem Berliner Polizeibericht der Woche vor Ostern: In einem Park findet die Polizei ein elfjähriges Mädchen, das weder aufstehen noch ins Messgerät „pusten” konnte.

Auf einem Spielplatz wird eine 15-Jährige entdeckt, die nicht mehr laufen kann. Ein 16-jähriges Mädchen liegt betrunken auf dem Gehweg und ist nicht mehr ansprechbar. Ein 15-jähriger Junge muss mit 2,5 Promille in der Intensivstation behandelt werden.

Bei Tims Testkäufen in Hildesheim versichern mehrere Verkäufer, dass sie sonst nie Alkohol an Jugendliche verkaufen würden. Die Mitarbeiter des Jugendamts haben andere Erfahrungen. Viele Jugendliche wüssten genau, in welchen Geschäften sie ihre Wodka- Flaschen bekommen.

Andere Verkäufer lassen sich bei den Testkäufen die Ausweise zeigen, studieren das Geburtsdatum - und verkaufen dann doch. Stadtjugendpfleger Joseph Gerhardy weiß warum. Das Problem sind in diesen Fällen die Rechenkünste der Verkäufer.
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