Eine Verspätung, die die Welt verändert hat

Von: Ferdinand Piel
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Der Finanzier Donald Smith sch
Der Finanzier Donald Smith schlägt am 7. November 1885 den letzten Nagel in eine Schwelle der Canadian Pacific Railway. Bahningenieur Sandford Fleming (links hinter ihm, mit Zylinder) schaut zu. Foto: Archiv CPR

Toronto. Wenn wir unsere Uhren am übernächsten Sonntag auf Sommerzeit umstellen oder eine Reise nach Übersee antreten, erscheint es selbstverständlich, dass der Globus in Zeitzonen eingeteilt ist. Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das nicht der Fall. Viele Staaten, Länder, Gemeinden und einzelne Städte hatten ihre eigene Zeitrechnung.

Die Kirchen- und Rathausuhren oder amtlich angeordnete Böllerschüsse zu bestimmten Tageszeiten setzten die Zeit. An der Ostseite des Stanley Park in der Olympiastadt Vancouver steht noch heute die Nine-O’Clock-Gun, die Zapfenstreich-Kanone, zur lautstarken Ankündigung der Sperrstunde.

Zu einer Zeit, als die Eisenbahn längst auf der Zielgeraden ihres Siegeszuges war und grenzüberschreitender Verkehr zur Tagesordnung wurde, war das ein Zustand, den man nicht länger hinnehmen konnte. Der kanadische Eisenbahningenieur Sir Sandford Fleming, ein hünenhafter Mann mit markantem, viereckig gestutztem Backenbart, hatte einen Zug verpasst und ärgerte sich maßlos darüber, dass seine pünktlich gehende Taschenuhr, mal wieder nicht mit dem Fahrplan der Eisenbahn übereinstimmte. Eine einheitliche Zeitrechnung musste her, und Fleming entwarf im Jahre 1879 die Zeitzonen, indem er die 360 Längengrade des Globus’ durch die 24 Stunden des Tages dividierte. Diese Zonen unterschieden sich nach ihren geografischen Längenunterschieden gegenüber einem bestimmten Ortsmeridian. Dabei machten je 15 Grad geografischer Länge eine Stunde aus. Die weltweit geltende Universal-Standard-Zeit oder Zonenzeit war geboren.

Um Fünfzehnhundertdreißig

Die Karriere des Sandford Fleming begann 1852 als Hilfsingenieur bei der Ontario-, Simcoe- and Huron-Bahngesellschaft. Bereits fünf Jahre später avancierte er zum Chefingenieur der Nachfolgegesellschaft Northern Rail und kurz darauf zur Intercolonial Railway. Dort war er verantwortlich für die Auswahl und Vermessung der Transkontinentalroute der berühmten Canadian Pacific Railway Company.

Als Eisenbahner lag ihm der Fahrplan sehr am Herzen und ein geregelter Fahrplan war nur mit einer geregelten Zeit möglich und nicht mit der eigenbrötlerischen Zeitrechnung einzelner Stadtväter. Im militärischen Sprachgebrauch gab es schon recht früh gegliederte, konkrete Zeitangaben. Da Soldaten nämlich auch während der Nacht einsatzbereit sein müssen, sagt man zur Vermeidung von Missverständnissen: „Um Fünfzehnhundertdreißig wird angetreten!” und meint damit halb vier nachmittags. Obschon Fleming ein friedliebender Mensch war, fand er dieses 24-Stunden-System nicht verkehrt und machte den Vorschlag, auf dieser Basis sogar eine Weltzeit einzurichten. Die Morgendämmerung im alten England um 6.00 Uhr wäre dann tiefe Mitternacht ebenfalls um 6.00 Uhr in Winnipeg oder Chicago gewesen. Dies erscheint auf den ersten Blick etwas befremdlich, lässt uns aber beinahe vergessen, dass wir bei der Berechnung der Jahreszeit eben genau so verfahren.

Auf unserer Erdkugel nur andersherum, nicht von Ost nach West, sondern von Nord nach Süd. Kaum jemand denkt Weihnachten im tief verschneiten Kanada darüber nach, dass zur gleichen Zeit auf dem gleichen Kontinent im hochsommerlichen Argentinien das Christkind in der Krippe schwitzt.

Mit der Einführung der 24-Stunden-Zeit, die Fleming „Terrestrial Time” nannte, wäre auch das konfuse AM (ante meridiem = vor Mittag) und PM (post meridiem, nach Mittag) in den Zeitangaben des englischen Sprachraumes weggefallen. Die Britische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften lehnte den Vorschlag indes 1878 bei einer Konferenz in Dublin rundherum ab. Auch das Management der kanadischen Eisenbahnen fand die Idee als zu weitgehend. Darauf hin ersann Fleming die allseits bekannten Zeitzonen. Bei einem Treffen mit dem Canadian Institute im Jahre 1879 stellte er diese Einteilung als Standardzeit vor. Der Vorschlag führte fünf Jahre später zur „International Prime Meridian Conference” in Washington. Nach einigem Hin und Her konnten die Briten die Greenwich-Linie durchsetzten. Nach dem Standort der Sternwarte im Londoner Vorort Greenwich wurde hier der Nullmeridian um die Erdkugel gezogen. Seit dem gibt es auf der Erde zwar 24 unterschiedliche Zeitzonen, der Schlag zur jeweils vollen Stunde ist aber auf der ganzen Welt simultan. Erst über 100 Jahre später sollte die UTC-Weltzeit zur besseren Koordination des Flugverkehrs eingeführt werden.

So ganz synchron ist der stündliche Glockenschlag dann doch wieder nicht. Die Neufundlandzeit im eigenen Staate des Sandford Fleming weicht 30 Minuten ab. Wie könnte sich dann die ganze Welt einig sein? Irak, Iran, Indien, Bhutan und Bangladesch liegen in verschiedenen Zeitzonen, haben aber jeweils einen dreißigminütigen Unterschied. Nepal mittendrin weicht 45 Minuten ab. Bei einigen Inseln im Pazifik (Marquesas, Pitcairn und Chatham) und im Indischen Ozean sowie im australischen Outback gibt es ebenfalls halb- oder dreiviertelstündige Differenzen von der jeweiligen Zeitzone.

Ob das Denkmal für Fleming an der Richmond Street in Toronto deshalb wohl so klein ausgefallen ist? Wie auch immer, auf jeden Fall erinnern dieses Memorial und das Sandford Fleming Building auf dem Campus der Universität von Toronto an diesen großen Mann.
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