Eine Mutter kämpft für Menschlichkeit

Von: Judith Kubitscheck, epd
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Winnenden. Die 24-jährige Referendarin Nina Mayer wird am 11. März 2009 beim Amoklauf in Winnenden erschossen. Ein Jahr nach der Tat veröffentlicht ihre Mutter ein Buch über den Mord an ihrer Tochter und die Folgen, die der Amoklauf für die Gesellschaft haben sollte.

„Der schwärzeste Tag meines Lebens begann strahlend schön” - so beginnt Gisela Mayer ihr Buch „Die Kälte darf nicht siegen”. In knappen Worten erzählt sie im ersten Kapitel, wie sie beim Einkaufen von einem Amoklauf in der Schule ihrer Tochter „Nan” hört und versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen: „Ich tippte eine kurze SMS Alles o.k.?. Mehr nicht. Nan hatte nicht ein einziges Mal nicht auf eine SMS von mir geantwortet. Nicht in all den Jahren. Diesmal kam keine Antwort. Mein Handy blieb stumm.”

Als Gisela Mayer, ihr Mann und ihre jüngere Tochter in die Schule kommen, werden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Ihre Nan, Referendarin für Kunst, Deutsch und Religion, starb, weil sie in ihrer Freistunde hilfsbereit zu einem Klassenzimmer eilte, in dem Lärm zu hören war.

Bis heute ist für die Mutter nicht begreiflich, warum sie 36 Stunden warten musste, bis sie zu ihrer Tochter durfte: „Warum glaubten damals alle, dass uns nicht das Herz gebrochen war, sondern dass wir den Verstand verloren hätten? Andere entschieden nun darüber, was uns zuzumuten war und was nicht. Ich fühlte mich hilflos, entmündigt.”

An Nina Mayers 25. Geburtstag, dem 17. März, „haben wir sie zum letzten Mal umarmt, den Sarg geschlossen und unsere geliebte Nan einem kalten, dunklen Loch übergeben”. Schon zwölf Tage nach dem „schwärzesten Tag” gründete Gisela Mayer mit anderen Opfereltern das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden”, das acht Monate später in die „Stiftung gegen Gewalt an Schulen” überging.

Ihre Forderung: „Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein! Wir müssen die Kraft unserer Trauer in Engagement umwandeln und alles dafür tun, dass sich so eine Tat nicht wiederholt.” Die Lehrerin Gisela Mayer sieht den 15-fachen Mörder Tim K. als ein „exemplarisches Produkt dieser Gesellschaft, das mit größtmöglicher Brutalität auf diese zurückgeschlagen hat”.

Deshalb fordert sie, dieser „Menschenkatastrophe” Menschlichkeit entgegenzusetzen. Alles beginne in der Familie, in der bei der Erziehung der Kinder ein klarer Kurs aus „Vertrauen, Verantwortung, Zuneigung und Zeit” nötig sei. Außerdem seien Eltern auch dafür verantwortlich, was sie den Gehirnen und Gefühlen ihrer Kinder zumuten. „Wer permanent mit Pumpguns, Flammenwerfern oder Kettensägen virtuell mordet, baut in der Realität Hemmungen ab.”

Auch das deutsche Bildungssystem müsse überdacht werden, in dem schulische Verlierer keinen Platz haben. Die Pädagogin Mayer schlägt vor, ein neues, versetzungsrelevantes Fach an Schulen einzuführen, das Fach „ESK - Erwerb sozialer Kompetenzen”, in dem nicht schulische Leistungen, sondern „soft skills” benotet werden.

Selbst Tim K., der mit „113 Kugeln kalter Wut” mordete, habe in perverser Verkennung aller Werte Anerkennung gesucht. Wie ein Eintrag in einem Internetchatraum belegt, sei es ihm bei der Tat darum gegangen, berühmt und beachtet zu werden. „Diese Anerkennung ist ihm so wichtig, dass er auf schreckliche Weise alles dafür tut, um von uns wahrgenommen zu werden.” Das Buch endet mit dem Appell an die Leser: „Um das Klima der Gesellschaft als Ganzes zu ändern, müssen wir uns selbst ändern.”

Buchhinweis: Gisela Mayer: Die Kälte darf nicht siegen. Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann. Ullstein Verlag, Berlin, 2010.
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