Die Rechnung der olympischen Bilderflut

Von: Christoph Velten und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Olympia im Fernsehen: Etwa 400 Mitarbeiter haben ARD und ZDF nach Vancouver geschickt, um alles angemessen zu dokumentieren. Aber was genau ist eigentlich angemessen? Foto: cv

Aachen/Vancouver. Wahrscheinlich ließe sich das Wetter für West-Kanada einigermaßen präzise auch aus Deutschland vorhersagen, aber im mit Kunstschnee zugeschütteten Vancouver sieht es natürlich schöner aus. ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein kann das gut vermitteln, bis zum Wetter sind es ja nur ein paar Schritte hinaus aus dem Studio.

Die Sonne strahlt, Müller-Hohenstein auch, „herrlich”, sagt sie und blickt in den blauen Himmel über den Rocky Mountains. Einige Meter neben Müller-Hohenstein steht ZDF-Wetterexperte Tarek El Kabbani, jetzt kommt sein Einsatz. Im Hintergrund glitzert der Schnee auf den Bergen, vor El Kabbani steht ein Pult, neben ihm ein schmilzender Schneemann mit Fellmütze und einer Möhre als Nase.

Der Schneemann soll veranschaulichen, dass es in Vancouver für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm ist. El Kabbani erklärt, dass es auch in den nächsten Tagen warm und sonnig bleiben wird, dann ist sein Einsatz zu Ende. Müller-Hohenstein dankt, der Schneemann schmilzt.

ARD und ZDF sind mit etwa 400 Mitarbeitern nach Vancouver gereist, um den Übertragungsmarathon der Olympischen Winterspiele auch angemessen bewältigen zu können, zwei Wetterexperten inklusive. Insgesamt übertragen die beiden Fernsehanstalten 321 Stunden aus Vancouver, meist live, etwa 100 Stunden sind Zusammenfassungen, Aufzeichnungen und Berichte für Magazine und Nachrichtensendungen. 321 Stunden, das sind mehr als 13 ganze Tage, 321 Stunden sind also mehr Zeit, als die Wettkämpfe in Vancouver überhaupt in Anspruch nehmen, da ja nachts keine Wettkämpfe stattfinden.

Das ZDF hat 85 Redakteure, Reporter, Experten und Moderatoren nach Vancouver geschickt. Die ARD nur 84, dafür sind für die ARD aber noch 32 Radiosprecher dabei. Das technische Personal, rund 200 Mitarbeiter, teilen sich die beiden Sender, auch die Studios, Übertragungswagen und Moderationsplätze an den Wettkampfstätten rund um die Stadt. Das war nicht immer so bei sportlichen Großereignissen, wie es Olympische Spiele sind, aber irgendwann ist die Diskussion um die Verschwendung von Fernsehgebühren so groß geworden, dass ARD und ZDF stärker auf gemeinsame Nutzungen geachtet haben.

„Na, haben Sie mitgefiebert?”

Eine ZDF-Kamera begleitet die amerikanische Abfahrtsläuferin Julia Mancuso kurz vor ihrem Start bis hin zu einer kleinen mobilen Plastikkabine. ZDF-Reporter Aris Donzelli analysiert die Szene so: „Das ist sicherlich auch ein Zeichen für ihre Nervosität.” Mancuso lächelt, winkt und verschwindet auf der Toilette.

Der Olympiatag im ZDF ist gerade einmal vier Stunden alt, elf weitere Stunden Live-Übertragung stehen noch bevor. Der Zuschauer darf sich sicher sein, dass ihm kein noch so unbedeutendes Detail entgehen wird, nicht einmal Julia Mancusos Toilettengang vor dem Start.

Die Entscheidung in der Super-Kombination der Damen plätschert dahin. Martina Ertl sitz als Expertin neben Donzelli in der Reporterkabine. Sie sagt Dinge wie: „Da hat sie sich zu sehr nach innen gelegt und deshalb zu wenig Druck auf dem Außenski.” Es könnte aber auch andersherum gewesen sein. Donzelli erklärt: „Die Skischuhe sitzen fest wie Daumenschrauben.”

Das Rennen nimmt Fahrt auf. Maria Riesch gewinnt die Goldmedaille, Mancuso Bronze. Vor dem Zielhang haben Moderatorin Tanja Thiel und Expertin Nummer zwei, Hilde Gerg, Stellung bezogen. Thiel fragt: „Wie geht´s dir jetzt?” Gerg sagt, dass sie „total mitgefiebert” habe.

Auch ZDF-Interviewer Alexander Antoniadis will es ganz genau wissen. Er steht in der Mixed-Zone, also dort, wo die Sportler nach ihrem Lauf auf Journalisten treffen. Antoniadis zerrt Rieschs Teamkollegin Gina Stechert vor sein Mikrofon und fragt: „Na, Gina, haben Sie mitgefiebert?”

Was kosten die Spiele?

Einige Reporter und Moderatoren sind außergewöhnlich gut informiert, sie können über den idealen Schleifwinkel einer Bob-Kufe ebenso anschaulich berichten wie über die ideale Linie beim Riesenslalom. Bernd Schmelzer von der ARD ist so einer, der exzellentes Fachwissen mit Emotionalität mischen kann, deswegen wird Schmelzer auch öfter als jeder andere Moderator oder Reporter in diesen Tagen von Vancouver gelobt, wenn es um vorbildliche Berichterstattung geht.

Andere wiederum verlagern in Ermangelung Schmelzer-hafter Kompetenz ihren Berichterstattungsschwerpunkt auf den Versuch, Stimmung zu transportieren. Sie sprechen von Stimmung, sie fragen Sportler nach ihrer Stimmung, sie suchen Stimmung auch dort, wo keine ist. Nicht alle sind der Ansicht, dass dies die Aufgabe öffentlich-rechtlicher und damit gebührenfinanzierter Berichterstattung sein sollte, und dass sich die Sender erheblich zu weit von der eigentlichen Sportberichterstattung entfernt haben. 400 Mitarbeiter auf Kosten der Gebührenzahler auf die Suche nach dem Gefühl Olympia zu schicken, erscheint vielen als unangemessen. Was also kosten den deutschen Fernsehzuschauer die Olympischen Spiele?

Dieter Gruschwitz, 56, ist der Sportchef des ZDF, er sitzt schon früh am Morgen in seinem kleinen Büro in Vancouver und plant den Tag. Er spricht bereitwillig vom Geist, der sich schon während der ersten Woche im ZDF-Team gebildet habe, von der Technik, die hervorragend funktioniere und vom Debakel mit den Rodlerinnen, deren Gold- und Bronzemedaillen-Läufe das ZDF nicht live übertrug, weil es lieber Eisschnelllaufen zeigte. „ZDF verschnarcht Rodel-Gold”, stand anderntags in der „Bild”-Zeitung, na ja.

Worüber Gruschwitz nicht so gern spricht, ist das Geld. „Wenn man die Produktionskosten als nackte Zahl in den Raum stellen würde”, sagt Gruschwitz, „könnte sie niemand richtig lesen.” Man mache sich ja keine Vorstellung davon, was das Internationale Olympische Komitee (IOC) für Mieten erheben würde, wie teuer es sei, Übertragungswagen und Studiofläche anzumieten. Und Hunderte von Mitarbeitern drei Wochen lang und mehr in Kanada unterzubringen und zu verpflegen, wobei ARD und ZDF in aller Regel die größten Teams stellen, vom jeweiligen Gastgeberland vielleicht mal abgesehen. Das sagt Gruschwitz so natürlich nicht. Auch die ARD veröffentlicht ihre Zahlen nicht, obwohl ja öffentliche Gelder ausgegeben werden.

Dem ZDF-Haushaltsplan für 2010 lässt sich aber entnehmen, dass dem Sender fast 2,05 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, davon entfallen 1,56 Milliarden Euro auf das Programm. Wie sich das Geld auf die einzelnen Programmsparten verteilt, steht nicht im Haushaltsplan. Wohl aber: „Der Anstieg (der Programmkosten, d. Red.) gegenüber dem Vorjahr ist dabei zum Großteil auf den Mehraufwand von 108,6 Millionen Euro für die im Jahr 2010 stattfindenden Sportgroßereignisse zurückzuführen.”

Neben den Olympischen Spielen findet 2010 noch die Fußball-WM in Südafrika statt. Mit anderen Worten: Um WM und Winterspiele zu übertragen, gibt das ZDF etwa 100 Millionen Euro aus. Man darf davon ausgehen, dass die ARD in etwa das gleiche Geld dafür aufwendet. Und die gewaltigen Kosten für die Übertragungsrechte sind in dieser Summe noch nicht einmal enthalten.

Man kann dem entgegenstellen, dass am Sonntag zehn Millionen Menschen live in der ARD verfolgt haben, wie die Biathletin Magdalena Neuner ihre zweite Goldmedaille gewonnen hat. Die Einschaltquoten sind gut, selbst beim Curling gucken bis zu fünf Millionen Menschen zu. Bald hat man den Eindruck, es sei fast gleich, was gesendet wird, solange es nur das Olympia-Etikett trägt.

Fischen mit Pat und Patrick

Patrick Leitner ist eigentlich Rodler und hat die Bronzemedaille im Doppelsitzer gewonnen. An einem Morgen am Ende der ersten olympischen Woche erfüllt sich Leitner in Kanada einen Traum: Er geht fliegenfischen. Dass eine Kamera des ZDF ihn dabei begleitet, kann weder der Prominenz des Protagonisten noch der Außergewöhnlichkeit seines Traumes geschuldet sein; aber weil das ZDF genügend Redakteure vor Ort hat und es zwischen den sportlichen Entscheidungen immer etwas Zeit zu überbrücken gibt, fährt Volker Grube einfach mal mit und macht aus Leitners Traum einen kleinen Film.

Zusammen mit dem professionellen Fliegenfischer Pat geht die Fahrt hinaus in Richtung Squamish. Dort, sagt Pat, gibt es den richtigen Fluss fürs Fliegenfischen. Grube kommentiert den richtigen Köder, den passenden Sonnenaufgang, die Ästhetik des Wurfes. Am Ende zappelt ein Saibling an Patrick Leitners Haken. Er lächelt und lässt ihn wieder frei. Dann ist der Film zu Ende.
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