Bad Arolsen/Hamburg - Die geraubte Identität: Ein Lebensborn-Kind sucht nach der Herkunft

Die geraubte Identität: Ein Lebensborn-Kind sucht nach der Herkunft

Von: Chris Melzer, dpa
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Lebensborn-Kind Folker Heineke
Folker Heinecke ist eines der sogenannten Lebensborn-Kinder. Von den Nazis verschleppt und in einem der NS- Kinderheime „germanisiert”, sucht der 68-Jährige seit Jahrzehnten nach seiner Identität.

Bad Arolsen/Hamburg. Wer Folker Heinecke ist, weiß niemand ganz genau. Zwar kennen viele in Hamburg den früheren Schiffsmakler mit den gewellten Haaren und den beiden Lesebrillen, die er zuweilen sogar übereinander trägt.

Es gibt eine Geburtsurkunde, eine hanseatische Vergangenheit, die Grabstelle der Adoptiveltern in Hamburg-Harburg. Und doch ist seine Herkunft auch ihm selbst schleierhaft: Folker Heinecke ist eines der sogenannten Lebensborn-Kinder.

Von den Nazis verschleppt und in einem NS-Kinderheim „germanisiert”, sucht der 68-Jährige seit Jahrzehnten nach seiner Identität - unter anderem beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen.

Zwei Erinnerungen an seine früheste Kindheit hat Heinecke noch. „Bei der einen weiß ich selbst nicht, ob sie nur eine nachträgliche Projektion ist. Aber ich sehe mich dann immer bei meinen wahren Eltern um ein Haus tapsen.”

Die andere Erinnerung lässt sich klar in Hamburg einordnen: „Ich als kleiner Junge, und auf der Terrasse mit den Eltern steht ein Mann in Schwarz.” Diese Eltern sind die Adoptiveltern. Der Mann in Schwarz ist Heinrich Himmler. Auch Martin Bormann war mal da. „Ja, meine Eltern waren Nazis”, sagt Heinecke heute, „aber sie haben mich geliebt, wie ich sie geliebt habe. Und ich vermisse sie.”

Lebensborn war eine SS-Organisation, die für mehr und vor allem für mehr „arische” Kinder in Deutschland sorgen sollte. Zur „Rettung der nordischen Rasse” sollten Männer mit mehreren Frauen Kinder zeugen dürfen.

Mag das nur bizarr klingen, war der zweite Zweck von „Lebensborn e.V.” ein kaum glaubliches Verbrechen: In den von der Wehrmacht besetzten Ländern wurden Kleinkinder verschleppt und nach einer „Germanisierung” regimetreuen Eltern übergeben.

So wurden nach dem Massaker im böhmischen Lidice von den 98 Kindern, deren Eltern man gerade ermordet hatte, zwölf für Lebensborn ausgesondert. Die anderen wurden vergast.

Nachdem Folker Heinecke jahrelang geforscht und mehrmals auch in den Millionen Akten über Opfer des nationalsozialistischen Regimes in Bad Arolsen gesucht hat, weiß er inzwischen, dass er 1940 auf der Krim geboren wurde. Und auch, dass er eigentlich Aleksander Litau heißt.

„Als ich ein Jahr und zehn Monate alt war, müssen mich SS-Männer gesehen haben, blond und blauäugig. Da hieß es dann wohl: "Den nehmen wir mit".” In Lodz, so fand er später heraus, wurde überprüft, ob der kleine Junge es wirklich wert war, „germanisiert” zu werden: „Ich wurde überall vermessen, Kopfgröße, Körpergröße und so. Dann wurde ausgewählt, wer wirklich deutsch genug war”, sagt Heinecke bitter.

Es folgte das Lebensborn-Heim „Sonnenwiese” in Kohren-Sahlis bei Leipzig. Nach der einjährigen Umerziehung die Adoption. Lebensborn hatte ein eigenes Standesamt, das die Urkunden fälschte. Aus Aleksander von der Krim wurde Folker aus Oberschlesien.

„Ich mag über meine Eltern nichts Schlechtes sagen. Sie waren immer gut zu mir”, sagt Heinecke. Auf dem großen Grundstück konnte der Kleine nach Herzenslust spielen, später garantierte der Hamburger Reeder seinem Adoptivsohn eine gute Ausbildung in London, Irland und Paris.

Als die Adoptiveltern 1975 starben, hat er geweint wie jeder Mensch um seine Eltern weint. Den in Hamburg angesehenen Namen trägt er, das Geschäft führte er weiter, im Haus der Eltern wohnt er wieder. Nur Wurzeln haben sie ihm nicht hinterlassen.

„Irgendetwas stimmte nicht bei mir. Das habe ich immer gewusst”, sagt Heinecke. In der Schule wurde gönnerhaft über Fehler hinweggesehen, „der kommt ja vom anderen Stern”. Von einem Nachbarsjungen erfuhr er von der Adoption, da war er sieben. Doch erst als Erwachsener begann er, nach seinen Wurzeln zu suchen.

„Vielleicht habe ich ja Geschwister”, fragt er, aber die Stimme verrät gleich Zweifel. Seine Reise führte ihn zurück in das alte Lebensborn-Heim. „Da haben die Wände zu mir gesprochen.” Die Auffahrt, der Essensaal, alles lief wie ein alter Film wieder ab.

In seinem Geburtsort Alnowa auf der Krim war Heinecke auch schon. Doch die Spuren sind dünn. „Ich will nicht zu Tode leiden, wie andere Lebensborn-Kinder”, sagt er. Deren Selbstmordrate sei höher, die Scheidungsrate sowieso. „Ich habe ja eigentlich ein gutes Leben gehabt. Wer weiß, wie es mir sonst ergangen wäre”, sagt er mehr zu sich selbst. Und dann kehrt die unbekannte Vergangenheit doch wieder zurück: „Wenn ich einmal am Grab meiner Mutter stehen könnte. Nur einmal.”
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