„Die Fahrscheine, bitte!”: Der Alltag von Kontrolleuren

Von: Alexandra Stahl, dpa
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„Ich dachte, eine Haltestelle sei kostenlos”: Skurrile Ausreden von Schwarzfahrern gehören zum Alltag von Fahrkartenkontrolleuren. Pöbelnde Fahrgäste und Handgreiflichkeiten auch. Foto: Roland Weihrauch, dpa

Düsseldorf. Ralf und Ralf sind ein eingespieltes Team. Die beiden Männer warten an einem Freitagmorgen im August an der Haltestelle Wersten in Düsseldorf auf die Stadtbahn. Als sie einfährt, steigt der eine in den vorderen Teil des Waggons, der andere in den hinteren.

Drinnen schauen sich Ralf und Ralf kurz um - und kurz an. Dann zücken sie ihre Lesegeräte. „Guten Tag, die Fahrscheine bitte”, sagen sie routiniert. Die Menschen in der Bahn fangen an, in ihren Taschen zu kramen und zeigen ihre Tickets.

Als sich die Kontrolleure in der Mitte des Waggons treffen, sagt der ältere Ralf: „Alle nett, alle brav.” Keinen Schwarzfahrer ertappt.

Das ändert sich im Laufe des Tages, der die beiden Fahrkartenkontrolleure quer durch Düsseldorf und die angrenzenden Kreise führt. Am Ende ihrer achtstündigen Schicht haben Ralf Klippel (55) und Ralf Ritterskamp (53) sechs Menschen ohne gültigen Fahrschein angetroffen. „Es ist selten, dass wir an einem Tag mal gar keinen erwischen”, sagt Klippel.

„Die Kontrolleure sind nicht zum Erwischen da, sondern dazu, die Zahlungsmoral aufrecht zu erhalten”, betont Pressesprecher Eckhard Lander von der Düsseldorfer Rheinbahn. Korrekt laute die Berufsbezeichnung „Fahrausweisprüfer”. Das sagt natürlich kein Mensch.

In Berlin etwa werden Kontrolleure „Kontrollettis” genannt. Auch Klippel und Ritterskamp wissen, was die Leute in ihnen sehen: Zwei Männer, die sie kontrollieren wollen. Mit geschultem Blick sieht man Klippel und Ritterskamp das auch an - auch wenn sie meist in Zivil kontrollieren.

Die zwei Rheinländer erfüllen nämlich auf Anhieb fünf Kriterien aus einem Internetblog, der erklärt, wie man Kontrolleure erkennt. Erstens: Sie haben nichts dabei - keine Tasche, keinen Schirm, nicht mal eine Zeitung. Zweitens: Sie haben einen coolen, lässig-gelangweilten Blick. Drittens: Sie setzen sich so gut wie nie hin. Viertens: Sie steigen getrennt ein.

Fünftens: Sie werfen sich möglichst unauffällig Blicke zu. Die aber fallen dem routinierten Schwarzfahrer natürlich sofort auf - er hält schließlich stets Ausschau nach seinem „Feind”.

„Ich will mich gar nicht tarnen. Ich bin ja nicht auf Verbrecherjagd”, sagt Ritterskamp und lacht. Der Mann mit der tiefen Stimme trägt sein Lesegerät in der Innentasche seiner olivgrünen Jacke. Seit sechs Jahren kontrolliert der 53-Jährige Fahrscheine, davor hat er Busse gefahren.

Sein Kollege Klippel ist seit zehn Jahren Kontrolleur, auch er war zuvor Busfahrer. Die zwei haben oft zusammen Schichten. „Wir sind schon stadtbekannt”, erzählt Klippel, der sein Lesegerät in seiner beigen Westentasche trägt. In all den Jahren hatten die beiden Ralfs viele Stammkunden.

Zum Beispiel den Graf mit den sieben Vornamen. „Das hat immer gedauert, die alle abzuschreiben”, erzählt Ritterskamp. Der adlige Herr hatte so gut wie nie einen Fahrschein. Genauso wenig wie der Rentner aus Hilden, der bis heute regelmäßig aus dem Altersheim ausbricht, um im Bademantel mit dem Bus zur Schule zu fahren.

„Ich bin der Oberstudienrat! Ich muss zu meinen Schülern!”, erzähle der pensionierte Lehrer dann immer aufgeregt. „Manche Fahrgäste sind halt verwirrt”, meint Ritterskamp.

Schwarzfahrer gebe es in jeder Gesellschaftsschicht, erzählen die Prüfer. Vom reichen Geschäftsmann über den knausrigen Rentner bis hin zu finanziell abgebrannten Jugendlichen. In die Kategorie könnte ihr jetziger Kandidat fallen. Ritterskamp und Klippel kontrollieren die Linie U77, Richtung Hauptbahnhof.

Die Bahn ist voll. Als die Kontrolle beginnt, springt ein Jugendlicher hektisch auf und hastet zum Ticketautomaten. Als Ritterskamp bei ihm ist, hat er ein Zusatzticket. „Das lassen wir mal gerade noch gelten”, sagt er.

Kulanz gehört auch zum Job von Klippel und Ritterskamp. Ob sie den Fahrgast aufschreiben und ihm die Höchststrafe von 40 Euro aufbrummen, liegt allein in ihrem Ermessen. Mehr als zwanzig verschiedene Arten des Schwarzfahrens unterscheidet die Rheinbahn. Ausreden haben fast alle. Ritterskamp sagt: „Es gibt 1000 Gründe, wieso man gerade kein Ticket hat.”

„Wer kennt die neuesten?”, rufen sich die Kollegen bei Besprechungen gern zu. Dann wird erzählt: „Ich dachte eine Haltestelle sei umsonst”, „Ich hab mein Ticket gerade aus dem Fenster geschmissen”, „Ich komme gerade von einer Beerdigung”, „Ich bin Blindenführer” - „Und wo ist der Blinde?” - „Der ist zuhause”.

Und manche Schwarzfahrer kommen mit ihren Tricks durch. Ritterskamp erzählt von einem Mädchen, das behauptete, ihr Freund hätte ihre Fahrkarte. Sie winkte einem jungen Mann am anderen Ende der Bahn zu, der winkte zurück.

„Als ich den dann nach dem Ticket seiner Freundin fragte, meinte der: „Welche Freundin? Ich kenn die doch gar nicht!””. Als Ritterskamp sich umdrehte und nach dem Mädchen schaute, war es längst weg. Ritterskamp grinst: „Das muss man sportlich sehen. Mal gewinnen die, mal wir.”

Eine Art Fangprämie pro erwischten Schwarzfahrer bekommen die Kontrolleure der Rheinbahn aber nicht. Klippel wird nicht müde, das zu betonen. Gerüchte über solche Prämien für die Kontrolleure gebe es immer wieder mal. Dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), in dem mehr als 400 Verkehrsbetriebe organisiert sind, ist eine solche Praxis allerdings nicht bekannt.

Dem klischeehaften Bild vom Kontrolleur als sadistischen Fiesling entsprechen Ralf und Ralf so gar nicht. Die Familienväter sind nett und flachsen in ihrer rheinischen Mentalität auch mal mit den Fahrgästen.

Wie sie mit aggressiven Fahrgästen zurechtkommen, lernen die Prüfer bei regelmäßigen Deeskalationsschulungen. Viele Unternehmen organisieren für ihre Kontrolleure solche Schulungen, auch die Deutsche Bahn. Allein in NRW wurden bis zum April dieses Jahres 30 mal Bahnmitarbeiter bei Kontrollen angegriffen, teilte das Unternehmen mit.

Übergriffe auf die 85 Kontrolleure der Rheinbahn dagegen kommen nach Schätzungen des Konzerns bei rund drei Millionen kontrollierten Fahrgästen im Jahr weniger als zehnmal vor.

Ritterskamp hat es in sechs Berufsjahren einmal erwischt. Ein 17-Jähriger hat ihn in die Tür gedrückt und ihm mit voller Wucht zwischen die Beine getreten. „Ich war zwei Wochen außer Gefecht”, erzählt er. Doch solche Angriffe seien für sie bisher „absolute Ausnahmen”. Einem Kollegen dagegen wurde die Kniescheibe zusammengetreten.

Hartes Auftreten halten beide nicht für die richtige Lösung. Kampfausrüstung und Hunde hätten bei Kontrollen nichts verloren. „Das bringt gar nichts”, sagt Ritterskamp. Die Situation werde dadurch nur verschärft.

Denn dass Menschen Fahrkartenkontrolleure nicht gerade lieben, ist den beiden Prüfern klar. Trotzdem machen sie ihren Job gerne, wie sie sagen. „Ich bin nicht der Nikolaus, schon klar”, sagt Klippel. Und Ritterskamp sieht es so: „Die meinen ja nicht mich persönlich”.

Tägliche Verbalattacken prallen an ihnen ab. Sie hätten schon alle Schimpfwörter gehört, die es gibt, ist Klippel überzeugt. Der gemütliche Kontrolleur, der seine rahmenlose Lesebrille auf die Nasenspitze setzt, wenn er etwas in sein Lesegerät eintippt, sagt in seiner rheinisch-gelassenen Art: „Ich lass mich von niemanden provozieren.”
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