Moskau - Die dreckigen Geschäfte der Moskauer Müllmafia

Die dreckigen Geschäfte der Moskauer Müllmafia

Von: Swetlana Illarionowa, dpa
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Moskau / Müll
Ein mit Hausmüll überquellender Container in einem Hinterhof in Moskau. Moskau ist mit mehr als zehn Millionen Einwohnern nicht nur die größte Stadt Europas. Sie ist auch ein ebenso gigantischer wie chaotischer Müllproduzent. Während Umweltschützer vor einer Katastrophe warnen, macht die Müllmafia dreckige Geschäfte mit dem Abfall. Foto: dpa

Moskau. Moskau ist mit über zehn Millionen Einwohnern nicht nur die größte Stadt Europas. Sie ist auch ein ebenso gigantischer wie chaotischer Müllproduzent. Während Umweltschützer vor einer Katastrophe warnen, macht die Müllmafia dreckige Geschäfte mit dem Abfall.

So genannte Müllkönige herrschen über illegale und offiziell geschlossene Deponien. Private Firmen kassieren überzogene Summen für die Abfuhr von Sperr- oder Sondermüll. Wo sie den Abfall entsorgen, verraten sie aber nicht. Sogar die Verwaltung ist aus Sicht von Umweltschützern in das schmutzige Geschäft verwickelt. Bis 2012 will die Stadt sechs Müllverbrennungsanlagen bauen lassen. Die Trennung von Abfall ist ein Fremdwort, selbst Batterien landen im Hausmüll.

Wenngleich das Umweltbewusstsein bei den allermeisten Bürgern kaum ausgeprägt ist, so wachen doch immer mehr Moskowiter auf. Sie fürchten, dass diese Fabriken ohne ausreichende Filteranlagen die dicke Luft in Moskau weiter verpesten.

„Die Politiker machen bloß Geld auf Kosten unserer Gesundheit”, sagt selbst der Vize-Chef der staatlichen Umweltaufsicht, Oleg Mitwol, der sich gern mit den korrupten Behörden anlegt. „Es ist viermal billiger, alle Abfälle sinnlos zu verbrennen, statt sie zu sortieren und zu verarbeiten. Auch an den Emissionsfiltern und deren Kontrolle wird ohne Zweifel manches gespart”, meint Mitwol.

Schadstoffausstoß ist ein Schlüsselwort im Streit mit der Stadt. Die Umweltschützer fürchten die Verbreitung des hochgiftigen Dioxin. „Moskaus Bürgermeister (Juri Luschkow) nimmt die Vergiftung von Millionen Einwohnern in Kauf”, meint Lew Fjodorow, Vorsitzender des Verbandes „Für Chemische Sicherheit”. „In Westeuropa gibt es solche Anlagen. Aber dort werden nur zuvor sortierte Abfälle verbrannt, was die Emissionen deutlich senkt.”

Auch Experten von Greenpeace warnen: Wenn in Moskau drei alte und sechs neue Müllverbrennungsanlagen in Betrieb sind, werde die Atmosphäre jährlich um 2,5 Millionen Tonnen schädlicher Stoffe mehr belastet. Die Angst vor Krankheiten wie Krebs treibt immer mehr der sonst nicht gerade demonstrationsfreudigen Moskauer auf die Straße. Bei Protesten tragen sie Gasmasken und Plakate mit apokalyptischen Stadtmotiven.

„Unsere Proteste sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein”, sagt Julia, eine der Demonstranten am neuen Wolkenkratzerviertel Moskwa City. Sie klingt enttäuscht. Zwar haben mehrere Initiativen schon mehr als 110.000 Unterschriften gegen die Müll-Politik eingereicht. Eine Antwort kam bisher nicht. Dabei hatte auch Präsident Dmitri Medwedew nach seinem Amtsantritt den Umweltschutz als eine der Hauptaufgaben genannt. Besorgt zeigte sich Medwedew, dass „40 Millionen Menschen in Russland in einer ungesunden Umgebung leben”.

In der gefährlichen Verschmutzung der Umwelt sehen Experten auch einen wesentlichen Grund für die geringe Lebenserwartung im Land. Auch Menschenrechtler hatten in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, dass Russland das in der Verfassung verankerte Recht der Bürger auf eine gesunde Umwelt mit Füßen trete. Zwei Drittel der 142 Millionen Menschen hätten kein Trinkwasser, das internationalen Standards entspreche.

1,3 Milliarden Euro gibt Moskaus Verwaltung für den Bau der neuen Müllverbrennungsanlagen aus. Doch angesichts der schweren Finanzkrise hoffen die Gegner der Projekte nun, dass sie nicht gebaut werden. „Auf die Vernunft unserer Politiker mit ihren unsinnigen Initiativen ist kein Verlass. Wir können nur hoffen, dass uns die Krise hilft und die Mittel für diesen Bau letztlich einfach fehlen”, sagte der Vizepräsident des russischen Grünen Kreuzes, Alexander Tschumakow.

Doch auch wenn das Geld für die Verbrennungsanlagen ausbleibt, löst sich das Problem nicht von allein. Die wenigen legalen Deponien dürfen nur noch drei bis vier Jahre weiter benutzt werden. Inzwischen produziert ein durchschnittlicher Moskauer weiter immens viel Müll - 272 Kilo pro Jahr. Zum Vergleich: Jeder Deutsche kommt jährlich auf 207 Kilo Haushaltsmüll. Da der Konsum in Russland zunimmt, steigt auch das Abfallaufkommen rasant. Ökologen von Greenpeace und Grünem Kreuz befürchten, dass die Moskauer Stadtverwaltung trotz der Krise keinen sauberen Weg in der Bekämpfung des Müllproblems gehen wird.
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