Die Christen im Irak fühlen sich im Stich gelassen

Von: Manfred Kutsch
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Frau
Antoja Sofia ist 84 Jahre alt und flüchtete mit ihrer Familie nach Erbil. Seitdem betet sie täglich mehrfach den Rosenkranz und hofft, dass sie irgendwann wieder nach Hause zu ihren Obstbäumen kann. Antoja gehört zu 160.000 vertriebenen Christen im Irak. Foto: Manfred Kutsch
Mann
Hursan Moonir und seine Tochter Mariann waren Geiseln der IS-Miliz und konnten fliehen. Sie sollten vor ein Scharia-Gericht gestellt werden. Foto: Manfred Kutsch
Unicef
Daniela Schadt ist Schirmherrin von Unicef Deutschland. Foto: dpa

Erbil. Gegen das Schienbein hat sie ihn getreten. „Dieses Ekel.“ So schimpft die neunjährige Mariann heute noch – und meint den IS-Milizionär, der ihr vor Wochen einfach in die Wange gekniffen hatte. Stolz blickt ihr Vater Hursan Moonir auf seine Tochter, die sich genau erinnert: „Wie viele von denen hatte der Mann lange Haare, einen langen Bart und kaputte Kleidung.“

Das war im September in der von rund 50.000 Christen bewohnten Kleinstadt Qaraqosh in der nordirakischen Provinz Nevine, 25 Kilometer südöstlich von Mossul. Es war der Abend vor ihrer Flucht. Vier Wochen lang war die Familie von Hursan Moonir zu diesem Zeitpunkt bereits in IS-Geiselhaft. Die IS-Milizen wollten sie zwingen, zum Islam zu konvertieren. „Sie trennten die Männer von den Frauen, wir durften unsere Familien nicht sehen, sie haben uns geschlagen und mit Enthauptung gedroht“, berichtet der 34-Jährige.

„Die meisten beugten sich unter großer Todesangst“, sagt Hursan. Er tat es nicht. „An dem Abend unserer Flucht kamen zwei IS-Leute, brachten meine Familie zu mir und erklärten, wir würden am Tag darauf in Mossul gemeinsam vor das Scharia-Gericht gestellt. Wir wussten, was das bedeutet“, sagt Hursan. „Das war die Situation, in der einer der beiden Männer Mariann gekniffen hat.“

Um drei Uhr in der Nacht nutzten sie die Chance zur Flucht mit einer List: „Ich habe unseren Bewachern gesagt, es sei mit dem Anführer abgesprochen, dass wir gehen. Die wollten ihn deshalb nicht wecken…“ Die siebenköpfige Familie entkam dem Tod nur um wenige Stunden und schlug sich ins vermeintlich sichere Erbil durch – wie insgesamt rund 160.000 christliche Vertriebene, die in der kurdischen Provinzhauptstadt landeten. Neben den Schiiten, Jesiden und Turkmenen zählen die Christen zu den Hauptopfern von Verfolgung und Ausrottung durch den IS. Jahrtausende alte Wurzeln des Christentums in der Region werden dabei endgültig gekappt.

Die Geschichte des Christentums reicht bis zu Apostel Thomas zurück – und darüber hinaus in alttestamentarische Zeiten hinein. Alles voller Ratten Hursan und seine Tochter Mariann hocken jetzt auf einer Matratze im Gemeindesaal von St. Joseph, im Herzen von Erbil. Hinter ihnen schläft Hursans Bruder tief und fest am helllichten Nachmittag: „Der ist völlig fertig“, sagt Hursan und erklärt: „Er wollte mit seiner Familie weg von hier, um in einen leeren Wohnwagen im Industriegebiet zu ziehen, aber der war voll mit Ratten. Jetzt ist er wieder zurück.“ Im Leben der Familie Moonir hat sich alles verändert, denn nun leben sie auf engstem Raum mit rund hundert weiteren Menschen. Mit Kartons, Planen und Decken haben sie sich auf ein paar Quadratmetern zumindest ein wenig Privatsphäre mit Kochkesseln, Kuscheltieren und Kissen geschaffen.

Um sie herum ist es laut: Ein Fön läuft, aus einer anderen Ecke tönt ein Minifernseher, überall wird gesprochen, Babys schreien. Die Luft ist kalt und schlecht. In die Verschläge des Kirchengeländes haben sich rund 350 Personen zurückgezogen. In nahezu jeder Familie gibt es Tote und Vermisste, hinter jeder Plane verbirgt sich ein anderes Schicksal. Die Christen fühlen sich gänzlich im Stich gelassen: „Die irakische Regierung hat nichts, absolut gar nichts für sie getan“, sagt Bashar Warda, Chaldäischer Erzbischof von Erbil. Dasselbe gelte für die kurdischen Peschmerga, die sich im Sommer aus den christlichen Gebieten – militärisch dem IS hoffnungslos unterlegen – schnell zurückzogen und die Bevölkerung ihrem Schicksal überließen.

Dankbar, am Leben zu sein Das Gotteshaus selber ließ der Bischof unbesetzt: „Dort feiern wir weiterhin regelmäßig die Messe.“ Aber haben die Flüchtlinge ihren Glauben nicht verloren? Bashar Warda, Seelsorger und Krisenmanager in einer Person, lächelt nachsichtig: „Im Gegenteil, sie beten jeden Morgen und danken dafür, dass sie am Leben sind.“ Demut, Schmerz und Trauer lägen über dem Gelände von St. Joseph, sagt Warda. Immer wieder aufs Neue lässt die 84-jährige Antoja Sofia den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten, sie sitzt draußen unter freiem Himmel, seit Monaten an demselben Platz mit derselben Beschäftigung – beten. Ihre Tochter sagt: „Sie versteht all das nicht.

Sie ist in ihrem Leben nie aus der Heimat weg gewesen, bis wir in der Nacht zum 7. Juni vertrieben wurden.“ Die alte Frau spricht viel von ihrem großen Garten, in dem viele Obstbäume stehen. Sie hat nur noch ein einziges Ziel in der ihr verbleibenden Lebenszeit: „Ich will wieder nach Hause.“ Der Erzbischof bangt, dass dies nie eintreten wird: „Ich kann nicht daran glauben, dass Mossul und die Region befreit werden.“ Wie die Kirchen dienen auch landesweit die meisten Schulen noch als Unterkunft für Vertriebene. Allein in der Avand School von Dohuk haben sich 43 Familien mit rund 350 Personen in Sicherheit gebracht.

„Täglich kommen ein, zwei Lehrer, um Anmeldungen für das kommende Schuljahr entgegenzunehmen“, berichtet Unicef-Mitarbeiter Marc Vegara. Alle Lehrpläne seien durcheinander, in 2015 soll es keine Ferien geben. In den Klassenräumen sind die Schulbänke zugunsten von Matratzen zur Seite geschoben, über die Geländer des Treppenhauses hängen Wäscheteile zum Trocknen, auf dem Pausenhof sammeln sich Sofas und Sessel, die Anwohner dort vorbei gebracht haben. Die Aufnahme- und Hilfsbereitschaft, Geduld und Toleranz der kurdischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen ist bewundernswert: „Unser eigenes Leben ist auch aus den Fugen geraten“, sagt Rentner Sarbast Zakhaj (56), ein ehemaliger Peschmerga-Kämpfer.

Die Kinder der Bevölkerung gehen seit dem Sommer nicht mehr zur Schule. „Am Anfang fanden sie das toll, aber jetzt sind viele nur noch hyperaktiv und nicht ausgelastet“, weiß Zakhaj aus der eigenen Familie. Seine erwachsenen Söhne geben in der benachbarten Schule Unterricht für die Kinder von 467 Flüchtlingen. „Das ist doch selbstverständlich, dass wir helfen“, sagt Sarbast Zakhaj. „Wir Kurden sind so oft verfolgt und vertrieben worden, dass wir einfach ein anderes Verständnis für so eine Situation mitbringen“, sagt Zakhaj. „Unangenehm“ sei ihm nur das Gefühl, „sich manchmal nicht mehr so verhalten zu können, wie es natürlich ist“.

Wie er das meint? „Ich kann zum Beispiel nicht auf der Straße rumlaufen und unter den Augen von Flüchtlingen in Bauruinen ein Brötchen essen.“ Zumal er um deren Schicksal bangt. „Vertriebene, die nicht das Glück haben, in beheizten Zelten, einer Kirche oder Schule unterzukommen, sondern draußen schlafen müssen, werden in diesem Winter um ihr Leben kämpfen müssen.“ Er macht keinen Hehl aus seiner Prognose: „Es wird Tote geben.“
 

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