Legaspi - Der wahre Wert einer ausgewogenen Mahlzeit

Der wahre Wert einer ausgewogenen Mahlzeit

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Father Battista Omodei setzt sich in Legaspi gemeinsam mit anderen Patres und Helfern für die medizinische Versorgung der Menschen, Physiotherapie, kulturelle Aktivitäten, Sportangebote und im Zweifel auch für einen sicheren Schlafplatz ein. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Kindern wie Antony George zaubert er dadurch wieder ein Lächeln auf die Lippen. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Der sechsjährige Antony George genießt die ausgewogene Mahlzeit sichtlich. Innerhalb weniger Wochen hat er dadurch 4,3 Kilogramm zugenommen. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Antony Georges Vater fährt mit diesem Tricycle Taxi. Damit ernährt er seine Familie so gut es geht. Foto: Silke Fock-Kutsch

Legaspi. Eben noch dröhnte der CD-Player, tanzten sich die Mädchen und Jungen die Sorgen des Schultages von der Seele, sprangen über Stühle und Bänke und brachten gar das Jesuskreuz an der Wand zum Vibrieren.

Jetzt ist das Tohuwabohu mit der Off-Taste des Gerätes ausgestellt, mucksmäuschenstill sitzen die 30 Kinder vor ihren Tellern und essen mit anhaltendem Schweigen – heute den heiß geliebten „Ground Pork“: ein Gemisch von zwei Kilo Schweinefleisch, jeweils einem halben Kilo Kartoffeln und Möhren, zwei Dosen Erbsen und vier Kilo Reis.

Wenn mangel- oder unterernährte Kinder einen solchen Festschmaus zu sich nehmen, dazu noch Mango- oder Orangensaft trinken können, dann halten sich purer Genuss und kaum zu bremsende Gier die Balance. Gänzlich in sich versunken führt der auffallend zarte Antony George seinen Löffel zum Mund, der Blick geht ins Leere. Auch der Sechsjährige gibt dem Essen die größtmögliche Wertschätzung, nämlich die totale Hingabe. Freilich im unterschiedlichen Tempo zum Tischnachbarn Joshua (6), der seinen Teller im Akkordtempo schon nach drei Minuten ausgelöffelt hat.

Verarmter Osten der Philippinen

Zu der Szene kommt es im Herzen der „Sagrada Familia“, am Rande von Legaspi, der schmucklosen Hauptstadt der Provinz Albay im verarmten Osten der Philippinen. Das ein Hektar große Projektland wirkt mit seinem tropischen Wildwuchs, den Schafen, Schildkröten, Schweinen, Truthähnen und Kaninchen wie ein kleines Paradies – für Menschen mit Behinderungen und mangelernährte Kinder.

Father Battista Omodei (74), geistlicher Impulsgeber, schafft gemeinsam mit den Patres Benson (38) und Chandra (44) in dieser einkommensschwachen Region Hilfen, die täglich 300 Benachteiligte erreichen. Ob medizinische Versorgung, Physiotherapie, kulturelle Aktivitäten, Arbeitsvermittlung, Sportangebote in der offenen Mehrzweckhalle oder im Zweifel die Sicherheit eines Schlafplatzes: „Wir arbeiten und leben hier, mit Menschen, die alleine nicht lebensfähig wären“, sagt Father Battista, der gebürtige Italiener, der lange Zeit seines priesterlichen Wirkens auch in Südamerika verbrachte.

Täglich bietet seine „Sagrada Familia“ mit Hilfe des Aachener Kindermissionswerkes „Die Sternsinger“ 50 unterernährten Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren eine gesunde Mahlzeit an. „Mal süß, mal sauer, mal mit Eiweiß, mit Gemüse, mal mit Fisch oder Fleisch“, sagt die verantwortliche Sozialarbeiterin Anna Mae B. Rito (44), eine von 17 Fachkräften und Hilfen. Gleichzeitig werden Mütter ins Programm eingebunden, im Wechsel kochen sie die Mahlzeiten für ihre Kinder.

Im Projektgarten wachsen unter anderem Tomaten, Erbsen, Bohnen, Süßkartoffeln und Maniok. Auf drei eigenen Reisfeldern wird dreimal im Jahr geerntet. Zudem werden die jungen Mütter bei monatlichen Treffen über Sauberkeit, Hygiene und Krankheiten wie etwa das zuweilen auftretende Dengue-Fieber informiert.

Der kleine Antony George entstammt einer Familie, deren Vater Antony (40) als Tricycle-Taxifahrer täglich nicht mehr als 100 Pesos (ca. 1,70 Euro) nach Hause bringt. „Es reicht gerade einmal für eine tägliche Reisportion, nur selten mit etwas Fisch“, sagt Mutter Emily (31), die mit Cedric (5), Irene Mae (4) und dem kleinen Gian Kyle (1) drei weitere Kinder zu versorgen hat.

Antony George, der Älteste, ohnehin in seiner Gesamtentwicklung deutlich verzögert, wies zuletzt klassische Reaktionen einer Unterernährung auf: „Abgesehen vom geringen Körpergewicht war er zunehmend konzentrationsschwach, hyperaktiv und aggressiv“, berichtet seine Lehrerin Edna Ador (45) aus der ersten Klasse der Boytony Elementary School.

Nur wenig später hat das Leben von Antony George eine nachhaltige Wende erfahren, dank einer täglichen Mahlzeit im Gegenwert von 28 Pesos (50 Cent), die von der „Sagrada Familia“ getragen wird. Ablesbar nicht nur am zunehmenden Gewicht: Die regelmäßige Einnahme einer ausgewogenen Mahlzeit in der „Sagrada Familia“ hievte den Sechsjährigen von 10,9 Kilo binnen nur fünf Wochen auf immerhin schon 15,2 Kilo (Normalgewicht wäre um die 20 Kilo). Mehr noch wiegt nach Einschätzung seiner Lehrerin das neue mentale Gleichgewicht des Jungen: „Antony ist viel ausgeglichener und ruhiger geworden, er kann jetzt auch kooperativ mit anderen Kindern spielen“, sagt Edna Ador.

Und seine Mutter fügt hinzu: „Vorher war er nur wild.“ Die soziale Kompetenz der unterernährten Kinder wird zudem mit täglichen Aktivitäten gefördert: „Die Mädchen und Jungen kommen am Nachmittag eine Stunde nach der Schule zu uns und werden vor dem Essen in ein wechselndes Programm eingebunden“, sagt Father Battista. Heute stand Spielen und Toben auf dem Plan, morgen Schwimmen, übermorgen Religion, an anderen Tagen Singen, Geschichten erzählen oder Beten.

„Auch unabhängig von ihrem Essverhalten haben wir die Gesundheit der Kinder im Auge“, sagt Battista Omodei. So wissen er und sein Team, dass Antony George und seine Geschwister Cedric und Irene Mae seit langem an Asthma leiden. Doch die Medikamente, die sie in der „Sagrada Familia“ bekommen, zeigen nur langsam Wirkung.

Hintergrund: Nach mehreren Taifunen waren Antony George und seine Familie einem Leben im Zelt ausgesetzt, 2006 starben beim Hurrican „Durian“ 1000 Menschen in dieser Region, eine Million wurden obdachlos – wie auch Emily und Antony, die Eltern des Jungen. Der Tropensturm „Hayan“ am 4. November 2013 hinterließ in Legaspi ein scheckliches Chaos, der jüngste Taifun „Hagupit“ schlug noch einmal in das Gebiet ein.

Jetzt hat die Gemeinde der unversehrt gebliebenen Familie für monatlich 500 Pesos (ca. 9 Euro) im Umfeld des Flughafens inzwischen eine Konstruktion aus Pappe, Spanplatten und Wellblech zur Verfügung gestellt. Auf den ersten Blick erkennbar: Beim üblichen tropischen Platzregen verwandelt sich der bloße Erdboden in der Hütte in Gewässer. Nahezu schutzlos und immer stärker sind sie den Naturgewalten in Folge des Klimawandels ausgesetzt.

Die Anzahl der Tropenstürme, Erdrutsche, Überschwemmungen und Erdbeben rund um Legaspi ist rapide gestiegen. Und dennoch. „Hier ist es besser als im Zelt“, sagt Emily, die Mutter. Die schweren Äste der Eichen im Umfeld dienen ihr als Wäscheleine. Die Wohnbaracke bietet in der tropischen Schwüle zumindest einen Rückzug an, draußen können die Kinder gefahrlos spielen – auch Antony George, der wieder die Kraft dazu hat.

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