Der Unverstandene: Boris Beckers Kampf gegen die Pleite-Gerüchte

Von: Jörg Allmeroth
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Ausgerechnet zum Turnier-Auftakt in Wimbledon muss sich Boris Becker gegen Pleite-Gerüchte wehren. Foto: imago/Sven Simon
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7. Juli 1985: Boris Becker legt mit 17 als jüngster Wimbledon-Sieger den Grundstein für seine sagenhafte Tenniskarriere. Foto: imago/Sven Simon
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27. Juni 2016: Boris Becker sitzt in Wimbledon als Trainer von Novak Djokovic auf der Tribüne. Foto: imago/Schreyer

London. Es war am Dienstag der vorletzten Woche, als Boris Becker bei der Spielerparty der Gerry Weber Open im ostwestfälischen Halle als VIP-Gast in die Kamera lächelte, seinen Promi-Status genoss. Am nächsten Mittag war dann nichts mehr wie gewohnt.

Wie eine Alarmsirene schrillten Meldungen aus London über die Geldsorgen der deutschen Tennislegende in Beckers Heimat herüber.

„Becker bankrott“ oder auch „Becker pleite“ lautete das Verdikt, medial weitervermittelt direkt aus einem Gerichtssaal der englischen Kapitale, gesprochen von der Justizbeamtin Christine Derrett. In Halle, wo Becker anderntags noch zu einem Kurzabstecher aufgeschlagen hatte, war man vermutlich noch ein bisschen verblüffter als anderswo in der Republik: „Boris war gut aufgelegt hier, gut gelaunt. Finanzielle Sorgen hat er sich absolut nicht anmerken lassen“, sagte Ralf Weber, der Turnierdirektor.

Oder doch alles anders?

Machte Becker, wie so oft, nur gute Miene zum bösen Spiel, das hinter den Kulissen lief? Trat da etwa der Becker auf, über den die Tennisliebhaberin Derrett bei der Anhörung in London auch „mit Bedauern“ gesagt hatte, der Champion sei wohl ein Mann, „der den Kopf in den Sand steckt“ – und zwar dann, wenn es gelte, die Realitäten seiner finanziellen Lage wahrzunehmen? Oder war vielleicht doch alles ganz anders, so wie Becker es am Freitag in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ darstellte? Er sei „weder zahlungsunfähig noch pleite“, es handele sich um eine einzelne Forderung eines einzelnen Gläubigers, über die er dem SZ-Reporter sagte: „Sie können mir aber glauben, dass mein Vermögen ausreicht, um Forderungen in dieser Größenordnung zu erfüllen.“

Er keilte auch zurück, in Richtung der Bank, in Richtung der Richterin, in Richtung seines Heimatlandes. Er fühlte sich, das war der Tenor, miss- und unverstanden, an den Pranger gezerrt. Es ist eine Melodie von Becker, die man kennt, wenn man ihn kennt. Früher oder später hört man das immer von ihm, auch abseits dieser Affäre hier. Becker und Deutschland – es ist ein schwieriges Kapitel.

Becker glaubt, die Deutschen sähen in ihm immer noch den „17-jährigen Leimener“, auch jetzt noch, mehr als 30 Jahre später: „Sie haben im Grunde noch nicht begriffen, dass ich erwachsen bin.“

Wie auch immer: Seit diesem Schlagzeilengewitter, seit seiner angeblichen Schieflage bei der Privatbank „Arbuthnot Latha“, ist in seinem Achterbahnleben auch wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen. Am Mittwoch muss er angeblich vor einem Insolvenzverwalter in London einen Offenbarungseid leisten – einen ersten Termin habe er schon verstreichen lassen, berichten britische Medien.

Soeben noch der gefeierte Trainer des Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic und dann der fast noch mehr gefeierte Experte am Mikrofon des Senders „Eurosport“, ist der mutmaßlich klamme Becker nun wieder das Lieblingsobjekt der Begierde – für alle mögliche und unmögliche Häme, für Spott und die urdeutsche Schadenfreude. Selbst falsch geparkte Becker-Autos und aufgewärmte Klagen von Ehefrau Lilly („Boris ist gemein zu mir“) landen plötzlich wieder auf der Titelseite, dazu auch ein Hilfsangebot von Ex-Schützling Novak Djokovic.

Vieles probiert, vieles hat geklappt

Becker kennt das alles zur Genüge, er hat es in einem Interview vor einiger Zeit einmal so thematisiert: „Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so?“, sagte Becker, „nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Wie gesagt: Es gibt nur Triumph oder Tragödie.“ Er fügte dann auch noch dies hinzu: „Ich bereue nichts. Denn was wäre die Alternative gewesen: Ab 32 Jahren und dem Karriereende nur noch die Legende sein? Ich bin nicht zum Grüßaugust geboren.“

Es ist nun jedenfalls der unglücklichste Zeitpunkt für Becker, um auch noch die haarsträubendsten Gerüchte schonungslos ausgebreitet zu sehen. Denn am Montag hat in Wimbledon im Südwesten Londons, an der berühmten Adresse Church Road SW 19, das größte Tennisturnier der Welt begonnen, jene Spielwiese, auf der sich Becker einst im Jahr 1985 als jüngster Champion aller Zeiten unsterblich machte. Becker ist dort, bei einem der mythischsten Sportwettbewerbe überhaupt, eine Legende, ein Liebling des Publikums. Dreimal hat Becker dort gewonnen, neben 1985 auch noch 1986 und 1989, er ist deshalb auch Mitglied des ehrenwerten „All England Lawn Tennis and Croquet Club“ auf Lebenszeit.

„Ich bin stolz, ein Teil Wimbledons und seiner großen Geschichte zu sein“, hat Becker oft genug betont – und man hat ihm diesen Stolz auch auf Schritt und Tritt angemerkt, wenn er die Turnieranlage betrat, wenn er sich unter dem Applaus und dem Geraune der Fans umherbewegte. Becker ist, ganz nebenbei, auch ein Nachbar in Wimbledon, ein Nachbar des „Clubs“: Seine Villa liegt nur ein paar hundert Meter vom Centre Court entfernt, er ist in fünf Minuten mit dem Auto an den Eingangstoren. „Dankbar“ sei er, ein Haus direkt neben diesem Ort, der ihm so viel bedeute, gefunden zu haben, sagte er. „Ich fühle mich sehr wohl, die Menschen hier lassen mich einfach gut leben.“

Einige Jahre lang blieb in Wimbledon stets ein frappierender Befund: Während Becker daheim in Deutschland als strauchelnder, abgestürzter Held galt, nicht zuletzt nach merkwürdigen Fernsehauftritten wie beim Scherzbold Oliver Pocher, blieb er für die Briten eine durch und durch seriöse Erscheinung – was vor allem mit seinen Auftritten als BBC-Kommentator zu tun hatte. Auftritte, bei denen er mit Anzug und Krawatte klug die Wimbledon-Partien analysierte, charmant die Persönlichkeiten der neuen Stars aufblätterte und natürlich auch über vergangene Zeiten mit alten Sportsfreunden wie John McEnroe oder Jimmy Connors plauderte.

Die Deutschen kannten diesen britischen Becker nicht, und die Briten kannten den deutschen Becker nicht. Irritierend war die Szene für jene, die Becker hier wie dort erlebten.

Nun allerdings fragt man sich, wie Becker es wegsteckt, wenn ihn die meisten Fans und die ganze Tennis-Karawane in Wimbledon anstarren werden, mit eher konsterniertem Blick. Und vor allem dem Rätsel: Warum hat Becker die Dinge nicht geregelt vor diesem Toptermin, vor dem Turnier, bei dem er noch eine ganz große Rolle spielt – wenn auch nicht mehr auf dem Centre Court? Warum ließ er alles treiben, erst recht dann, wenn er in Wirklichkeit gar keine finanziellen Probleme hat.

Er hätte auch wissen können, dass Gläubiger ihn gerade mit Blick auf den Wimbledon-Termin unter Druck setzen würden. In der Hoffnung, dass Becker einen Deal mit ihnen schließt. Nun ist das unangenehme Thema auf dem Markt, und Becker muss mühsam versuchen, den finanzielle Zwist zu beenden und die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Er muss das Rebreak schaffen und dann auch noch den Matchpunkt verwandeln. Er werde den „letzten Ball spielen“, sagt Becker passend dazu in der „Süddeutschen“, Pathos ist ihm bekanntermaßen nicht fremd.

Ein wenig erinnert das Drama an die jahrelangen Auseinandersetzungen, die sich Becker mit den deutschen Finanzbehören um millionenschwere Steuerforderungen lieferte. Rund 15 Jahre ist das alles schon her, aber doch ziemlich aktuell. Denn seinerzeit hatte Becker auch nicht geglaubt, dass es zum Äußersten käme, einem Prozess gar gegen ihn, gegen die sportliche Lichtgestalt des Landes. Und doch sah er sich vor Gericht gestellt, die Bundesrepublik gegen Boris Franz Becker hieß das Match, es war eine demütigende Szene. Becker kam mit einer Bewährungsstrafe davon, er hatte das auch der geräuschlosen Assistenz und Dealmacher-Qualitäten von Vertrauten wie Hans-Dieter Cleven zu verdanken, dem ehemaligen Generaldirektor der Schweizer Metro-Holding und Vermögensverwalter der milliardenschweren Beisheim-Gruppe.

Wäre doch Ion Tiriac noch da

Und wer hilft jetzt? Angeblich arbeiten mehrere Anwälte für Becker an dem Fall. Aber sie alle verhinderten nicht, dass der Fall zum öffentlichen Gegenstand wurde, auch zur Gelegenheit für viele, sich wieder einmal an Becker und seinen scheinbaren Schwierigkeiten abzuarbeiten. Wäre das auch einem wie Ion Tiriac passiert? Der gerissene, mit allen Wassern gewaschene Rumäne war der erste und beste aller seiner engen Weggefährten.

Becker lernte fast alles von ihm, Tiriac hielt Becker auch den Rücken frei, er machte die Verträge, er machte Becker zum vielfachen Millionär. Und er hielt ihn auch zur Disziplin an, auf und neben dem Court. Von Tiriac stammt auch der Satz, den Becker lange Zeit nicht vergaß. Bevor er ihn dann nicht mehr beherzigte. Dieser Satz Tiriacs lautete: „Die Presse kann Dich an einem einzigen Tag zerstören.“ Und zwar auch, vielleicht sogar gerade einen wie Becker, diesen Liebling der Götter in jungen Jahren.

Später, in den 90er Jahren, folgte der Münchner Medien-Impresario Dr. Axel Meyer-Wölden in der Rolle des Geschäftsbesorgers nach. Er holte Becker aus der ersten Lebens- und Schaffenskrise heraus, er füllte auch Beckers Konten wieder ordentlich auf. Mayer-Wölden arbeitete mit den ganz Großen der Sport-, Musik- und Showbranche, zu seinen Klienten gehörten auch Placido Domingo oder Michael Jackson. Becker imponierte das, er vertraute dem Partner bedingungslos, er hörte auch fast bedingungslos auf seinen Rat. Als Meyer-Wölden 1997 starb, gerade mal 56-jährig, riss dieser Verlust eine große Lücke in Beckers Leben. Eigentlich bis heute. Partner wie Tiriac und Meyer-Wölden hatte Becker danach nie mehr. Nicht jedenfalls Leute aus dieser Liga der Besten, die wissen, wie die Branche tickt.

Spekulationen liebt Becker nicht

Becker hatte sich später immer wieder gegen das große Spekulationstheater um ihn gewehrt, auch gegen die zuletzt gängige These, er sei wieder bei sich angekommen – im Tennis, wo er sich am besten auskenne. Er sagte dazu: „Die wenigsten wissen doch, was in meinem Leben passiert, heute wie vor 30 Jahren. Deshalb gibt es auch immer wieder die unmöglichsten Theorien zu Boris Becker – was er warum tut.“ Im übrigen, so Becker, wäre sein Leben ärmer gewesen, „wenn ich nicht andere Herausforderungen angenommen hätte“. Ob er das auch jetzt noch so sieht? Vermutlich schon, er kann bei diesem Thema, bei der Bewertung seines Lebens abseits des Centre Courts, ziemlich trotzig sein. Er neigt auch dazu, den Geschäftsmann Becker zu verklären.

Eines aber gilt nun und sowieso immer und überall bei Becker, jene Faszination, die ihn einst als Tennisprofi umgab und die er selbst so beschrieb: „Bei mir weiß man nie, was kommt.“ Auch jetzt nicht, in seinem 50. Lebensjahr.

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