Khanke - Der Terrormiliz entronnen, dem Winter nicht

Der Terrormiliz entronnen, dem Winter nicht

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Es wird kalt im Nordirak, der Winter kommt. Wärmende Feuer in den Zelten sind für die Bewohner des Flüchtlingslagers gefährlich, immer wieder fangen Zelte Feuer. Auch die Kälte kann tödlich sein, gerade für Kinder. Noch immer gibt es zu wenig Winterkleidung und Decken. Foto: Manfred Kutsch
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In Rohbauten hausen die Flüchtlinge in Dohuk. Sie sind zwar vor Regen geschützt, Kälte und Wind hält der Beton aber nicht ab. Foto: Manfred Kutsch

Khanke. Das wärmende Feuer im Zelt wird immer mehr Flüchtlingen im Nordirak zum Verhängnis. Das erleben auch wir bei unserem Besuch im Flüchtlingslager Khanke. In der Nacht zuvor sind drei Kinder bei einem Zeltbrand gestorben.

Samom (7), Sema (4) und Civer (2) hatten keine Chance gehabt, als eine Kerze ihr letztes Hab und Gut entzündete und das Zelt abbrennen ließ. Die beiden Mädchen und der Junge starben dort, wo ihr Leben eigentlich gerettet schien. Die 14-jährige Schwester, die aufpassen sollte, weil die Eltern Bekannte besuchten, konnte nicht mehr helfen.

Das Klagen und die Gebete von Mutter und Vater nach schlafloser Nacht sind schon von weitem zu hören. Angst, dass Kinder erfrieren Kurdische Männergruppen in Pluderhosen stehen auf den matschigen Wegen der weißen Zeltstadt und sprechen über das Geschehen. „Die drei Kinder sind verbrannt, andere werden in diesem Winter erfrieren“, sagt Serhat (35), der Vater von Ronak (9), Noshad (7) und Aram (5), der uns sein leeres Zelt zeigt: „Wir haben im Moment nicht einmal Jacken.“ Der Kampf gegen die einbrechende Kälte, gegen Regen und Schnee wird immer gnadenloser.

„Das Wasser steigt“, sagt Khero Khedir (40) und misst die Zentimeter mit der hochkant gehaltenen rechten Hand. Es wird nicht lange dauern, dann hat der Regen sein Zelt geflutet: „Dem IS sind wir entronnen, dem Winter nicht“, sagt der gelernte Mechaniker. Als er seine kleine Tochter auf den Arm nimmt, sagt er, dass er nicht wisse, wie er sie schützen soll. Khanke wird noch größer Ein paar Meter weiter betreibt Farshar (38) einen Bauchladen mit Joghurt, Eiern, Margarine, Zigaretten, Bonbons. Unternehmertum im Schlamm, Treffpunkt der Kinder, darunter auch Salma (5), mit der wir ins Gespräch kommen.

Die Jungen und Mädchen laufen noch mit Flip-Flops oder barfuß herum, aber Salma vermisst keine Schuhe. Ihr fehlt ihre Puppe: „Die ist bestimmt jetzt kaputt“, sagt die Kleine. Warum? „Ich musste sie zu Hause lassen, der IS hat sie bestimmt kaputt gemacht, der hat alles kaputt gemacht“, sagt die Fünfjährige. Mit Wasser versorgt Das Lager Khanke, von Unicef mit Wasser versorgt, ist provisorisch, aber ausbaufähig. Im Hintergrund installiert das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) Hunderte Latrinen in den lehmigen Untergrund.

„Für insgesamt 540.000 Flüchtlinge im Nordirak müssen auch noch Zelte produziert werden“, sagt Unicef-Mitarbeiterin Freya von Groote. Viele Flüchtlinge haben sich in die vielen, bis zu vierstöckigen Neubauruinen gerettet. Dort sind sie auf allen Etagen vor Regen zwar nahezu sicher, Wind und Kälte allerdings schutzlos ausgeliefert. Die Öl-Region um Khanke boomte einmal. Deshalb stehen hier so viele Betonklötze. Die Eigentümer der Bauten dulden die Flüchtlinge – noch. In der einst 500.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt Dohuk verschaffen wir uns Zutritt zu einigen der Betonhäuser, die nach außen zumeist noch keine Wände haben und deren Stockwerke über freie Treppen ohne Geländer verbunden sind. „Das hat schon dazu geführt, dass tobende Kinder schwer gestürzt, zum Teil aus den Häusern gefallen sind – und sich dabei schwer verletzt haben oder zu Tode kamen“, berichtet Freya von Groote.

Die Familien sichern sich auf den einzelnen Etagen ein paar Quadratmeter „Privatsphäre“ mit Kartons, Plastikplanen, Tüchern und Zeitungen. Ihre Habseligkeiten reduzieren sich auf das, was sie bei ihrer Flucht greifen konnten. Den Bruder zurückgelassen Den meisten blieben nur wenige Minuten und gerade einmal ein Griff zu einer Flasche Wasser, viele wurden durch Anrufe von Freunden oder Verwandten aus Nachbardörfern vor dem IS gewarnt: „Wir wussten, dass die Milizen in einer halben Stunde da sein werden“, berichtet Nisan Kali (52), Ehefrau eines Schäfers. „Wir kamen zunächst mit dem Auto nicht weg, ich musste noch schnell die Benzinpumpe reparieren“, berichtet Sohn Naif (25). Der Druck war immens. „Denn eine Flucht zu Fuß mit Mutter war undenkbar. Sie wurde am Abend zuvor von einer Schlange gebissen, das Bein war entzündet“, sagt Naif. Die insgesamt achtköpfige Familie ist nicht komplett in Dohuk angekommen: „Wir mussten meinen Bruder Suleman zurücklassen, er war unterwegs, wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.“

Drei Decken für sieben Menschen Mamza (9) und Khusta (3), Söhne von Bono Hassam (48), haben Traumatisches erlebt. „Einhundert von uns sind bei dem Überfall auf unser Dorf Telezer getötet worden – viele enthauptet“, berichtet Hassam. „Auch ich bin bis zuletzt geblieben und habe gekämpft, bis alle Frauen und Kinder das Dorf verlassen hatten.“ Wenn Hunderte Menschen mit solchen Bildern im Kopf auf wenigen Quadratmetern Beton zusammen hocken und keinerlei Vorstellung von ihrer Zukunft haben, dann wächst beim Außenstehenden die Achtung vor ihrer Leidensfähigkeit und Disziplin. „Am schlimmsten ist die Kälte“, sagt Susan (29), die mit Ehemann Nadir (35) und den Kindern Salam (9), Dilshad (7), Dalia (5), Dalal (4) und Dlin (2) im etwa zehn Meter hohen Obergeschoss einer Bauruine wohnt – direkt neben einer Hauptverkehrsstraße. „Für uns sieben haben wir bisher drei Decken bekommen“, berichtet Nadir von der anhaltenden Überforderung der Behörden und Hilfsorganisationen, die in so kurzer Zeit so viele entwurzelte Menschen – allein im Nordirak 1,1 Millionen – zu versorgen haben.

Auch Susan und Nadir, er mittelständischer Kaufmann, waren in ihrem jesidischen Heimatort Khatare durch einen Anruf gewarnt worden. „Wir sind praktisch vom Mittagstisch ins Auto gesprungen“, berichtet Nadir von der Panik, die die IS-Barbaren bei ihrem Vormarsch im Irak und Syrien seit Juni 2014 verbreiten. Und jetzt? Schulterzucken. Und das Geschrei von Dlin, der hustet und rote Augen hat. Und die Blicke der anderen Kinder mit stets derselben Frage: „Wann gehen wir wieder zurück?“ 2500 Babys auf der Flucht geboren.

Der Vater sagt: „Wir haben überhaupt keine Ahnung, wie es weiter geht. Im Moment müssen wir nur überleben.“ Susan hört zu, streichelt derweil unbeirrt den brüllenden Zweijährigen. „Ich habe viel geweint“, sagt sie, als Dlin einmal kurz zu Atem kommen muss. Susan ist wieder schwanger, im achten Monat. Im Krisengebiet kamen in den vergangenen acht Wochen laut Unicef-Zahlen rund 2500 Neugeborene auf der Flucht zur Welt. „Die Umstände und die Kälte erzeugen einen enormen Druck, diese Babys über den Winter zu bekommen“, sagt Freya von Groote. Schwerpunkt der aktuellen Unicef-Hilfe liegt in der Beschaffung von Winterkleidung, Decken, Öfen und Kerosin. Wenn Susans sechstes Kind um Weihnachten herum in einer Bauruine auf diese Welt kommt, soll es zumindest nicht frieren. Wie sein Leben später aussieht, erscheint derzeit ohnehin nicht vorhersehbar. Lesen Sie die nächste Folge von „Rettet die Kinder“ am Mittwoch, 10. Dezember.

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