Der Pfarrer und die liebeskranke Stalkerin

Von: Madeleine Gullert
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Von wegen sauerländische Idylle: Pfarrer Michael Hammerschmidt findet in seinem Garten regelmäßig „Geschenke“ von seiner Stalkerin. Seit 16 Jahren verfolgt ihn eine inzwischen 74-Jährige Frau aus dem Dorf Freienohl. Das geht nicht spurlos an dem Geistlichen vorbei. Foto: Madeleine Gullert
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Sie kann Michael Hammerschmidt weiter belästigen: Gerichte halten Christel G. für schuldunfähig und liebeskrank. Foto: dpa
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Fragwürdige „Geschenke“: Liebesbekundungen, aber auch eine Möhre als Phallussymbol bekommt Pfarrer Michael Hammerschmidt von Christel G. Foto: Madeleine Gullert

Meschede. Wenn Michael Hammerschmidt vor die Haustür tritt, um die Post zu holen, sieht er rechts Hügel und Wiesen, einige Einfamilienhäuser, akkurat gemähte Rasen in den Vorgärten, links eine Kirche, seine Kirche. Hammerschmidt ist der katholische Pfarrer in dieser Idylle im Sauerland. Nur ist das Leben in Freienohl für den 63-Jährigen seit 16 Jahren alles andere als idyllisch. Seitdem stellt ihm Christel G. nach.

Und deshalb bekommt er zu der normalen Post auch regelmäßig Post von Christel G., von ihr persönlich zugestellt. Sie fährt dann mit ihrem Wagen vor.

„Ich habe es heute mal liegengelassen“, sagt Hammerschmidt und zeigt mit dem Finger auf den Boden. Auf dem Weg, der durch den Garten zum Hauseingang führt, liegen Geschenke. Fragwürdige Geschenke, über die sich der Pfarrer so gar nicht freuen mag. Eine Rose, ein Herzluftballon, auf dem „Ich liebe Dich“ steht, aber auch zwei Plastikostereier, auf denen das Wort „lutschen“ zu entziffern ist, und eine Möhre. „Als Phallussymbol“, wie Hammerschmidt sehr nüchtern erklärt. Er kennt das inzwischen. „Früher war es ja noch viel schlimmer“, sagt er. Da habe Christel G. die Möhren nicht bloß hingelegt, sondern sie benutzt.

Nackt im Garten tanzen

Regelmäßig tanzte die Frau leicht bekleidet durch den Garten, oder aber sie lag nackt oder in Reizwäsche auf der Motorhaube ihres Autos. Ja, es mag schockieren oder zu anzüglich klingen, aber sie hatte Sex mit einer Möhre vor Hammerschmidts Haus im idyllischen Sauerland. Darf man so etwas schreiben? Man muss! Denn unter dem abstrakten Begriff „Stalking“ lässt sich schwer erfassen, was für Hammerschmidt seit Jahren Realität ist. Permanente Telefonanrufe, Briefe, „Geschenke“, Besuche bei ihm. Dagegen tun kann Hammerschmidt nichts. Er hat es versucht.

Doch Christel G. gilt als schuldunfähig. Die Polizei kann sie nicht von Hammerschmidt fernhalten. Er hat sich durchprozessiert, seit Jahren, ohne Erfolg. Im März dieses Jahres steht fest, dass Christel G. trotz ihrer fortgesetzten Annäherungsversuche nicht hinter Gitter muss. Das entschied das Oberlandesgericht Hamm in letzter Instanz. Der Fall sei damit rechtskräftig beendet worden, heißt es nüchtern von Seiten des Gerichts. Für Hammerschmidt bedeutet das: „Ich bin Freiwild.“

Laut einem Gutachter ist Christel G. liebeskrank. Das Amtsgericht in Meschede hatte zuvor wegen Stalkings vier Monate Ordnungshaft gegen sie angeordnet. Nach dem Gutachten eines Sachverständigen sei das Oberlandesgericht jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass die Frau schuldunfähig ist.

Schon 2006 war der erste Prozess gegen Christel G. so ausgegangen. Schuldunfähig. Die Staatsanwaltschaft hatte der Frau damals Hausfriedensbruch, Beleidigung und Exhibitionismus vorgeworfen. Eine Gutachterin bescheinigte der Rentnerin „eine religiös gefärbte Wahnidee“ und eine Impulskontrollstörung. Das hilft Hammerschmidt aber auch nicht weiter, zumal er Christel G. Berechnung vorwirft. So krank sei sie gar nicht, glaubt Hammerschmidt.

Von der Justiz fühlt er sich jedenfalls alleingelassen. Und von Gott? Natürlich frage man sich, warum man das aushalten müsse, sagt Hammerschmidt. Er tröste sich damit, dass es anderen schlimmer gehe. „Das ist doch menschlich, der alte Trick.“ Ein Kollege aus der Nachbargemeinde habe viele schlimme Operationen überstehen müssen, und er habe zuletzt auch mehrere jüngere Kollegen beerdigt. „Da geht es mir noch besser. Es könnte noch schlimmer kommen“, sagt er sich. Trotzdem seufzt Hammerschmidt viel, wenn er über sein Leben mit Christel G. spricht, und im Verlaufe des Gespräches immer häufiger. Denn diese Frau bestimmt sein Leben.

Hammerschmidt wacht morgens auf und fragt sich, wann die nächste Attacke oder der nächste Anruf kommt. Meist klingelt es erstmals gegen 7 Uhr, bis spät in die Nacht ruft Christel G. mitunter an. Die Nummer ändern kann Hammerschmidt nicht. Es ist die Nummer des Pfarrbüros.

Dort rufen Menschen an, die Tauftermine, Hochzeitstermine oder Beerdigungen absprechen wollen. Hammerschmidt ist zwar Privatperson, aber als Pfarrer auch eine öffentliche. Das macht es für ihn vielleicht noch ein bisschen schwerer, sich zu wehren. Es spiele gewiss eine Rolle, dass er eine höherstehende Persönlichkeit ist, sagte Christel G.s Anwalt einmal. „Auf einen normalen Bauarbeiter würde sie ihre Aufmerksamkeit bestimmt nicht richten.“ Aber auf einen Pastor, zumal ein katholischer, der schon allein wegen des Zölibats nichts mit Christel G. anfangen dürfte.

Vielleicht spielt auch dieser Aspekt eine Rolle. Immerhin scheint Christel G. etwas altersmilde zu werden. Die ganz obszönen nackten Auftritte sind weniger geworden. „Eine 74-Jährige in Reizwäsche, das braucht doch kein Mensch“, sagt Hammerschmidt. Und dann sagt er einen Satz, den man so nicht von einem katholischen Pfarrer erwartet: „Ich wäre froh, wenn die Alte tot wäre. Das sage ich ganz ehrlich. Auch ein Pfarrer ist ein Mensch.“

Er habe die gleichen Rechte wie jeder andere Bürger, der Mitglied dieser Zivilgesellschaft ist. Priester müssten nicht alles ertragen. Und er weiß, dass nur eins das Stalking beenden kann: der Tod, seiner oder ihrer. Er könne das aber auch aus theologischer Sicht zumindest ein wenig rechtfertigen, sie komme ja vielleicht in den Himmel. Es gebe für einen Christen doch nichts Besseres. „Ja, man wird sarkastisch und etwas makaber“, sagt er entschuldigend. Nein, die Beerdigung würde er nicht abhalten. So viel könne er nicht heucheln.

Über Heuchelei kann er viel sagen

Hammerschmidt ist ein Pfarrer, der auch mal aneckt, der auch Unbequemes ausspricht und dabei sehr menschlich wirkt. „Wer wegen dieser Aussagen über mich herzieht, ist ein Heuchler.“ Hammerschmidt ist an einem Punkt, an dem man keine „heiligen Gedanken“ mehr haben könne, also in Bezug auf Christel G. Ansonsten erfüllt ihn sein Beruf, seine Berufung. Der Kontakt mit den Menschen, die Predigten, die Botschaft der Kirche – das alles möchte er nicht missen. Manch einem seien seine Worte auch in der Messe zu kritisch, zu offen. Aber so ist Hammerschmidt eben. Seine „Firma“ habe doch ein Authentizitätsproblem. Daran liege es auch, dass die Kirchen leerer werden.

Ein Platz bei Hammerschmidt bleibt sonntags aber selten leer: der von Christel G. „Sie stört da ja nicht“, sagt der Pfarrer nachsichtig. Hammerschmidt kennt ihren Platz, er vermeidet es, in ihre Richtung zu schauen. Dass sie ihm bei Messen im Nachbarort auch mal durchs Fenster Kusshände zuwirft, auch das muss er ertragen. Andere Menschen aus dem Dorf wollen Christel G. bei manchen Veranstaltungen nicht dabei haben, erzählt Hammerschmidt. Bei einer Schützenmesse beispielsweise hätten sich zwei Schützen vor die Kirche gesetzt, um quasi Wache zu halten. Die beiden seien nicht ganz bibelfest und dementsprechend nicht so traurig gewesen, die Messe zu verpassen, sagt Hammerschmidt. Eine Win-Win-Situation sozusagen.

Polizei will keine Beweise mehr

Gute Freunde unterstützen ihn dabei, diesen 16 Jahre andauernden Terror zu überstehen. Ganz besonders seine Sekretärin helfe ihm, sie bekommt schließlich alles mit. Alles haben die beiden gemeinsam protokolliert. Christel G.s Briefe, Geschenke, Auftritte füllen ganze Aktenschränke im Pfarrheim. „Meine arme Sekretärin muss sich mitunter gefühlt haben, als arbeite sie im Puff und nicht im katholischen Pfarrbüro“, sagt Hammerschmidt. Das tut ihm leid. Inzwischen protokolliert er nichts mehr. Die Polizei will die Beweise nicht, schließlich bietet der Rechtsstaat dem Pfarrer keine Möglichkeit mehr, etwas gegen Christel G. zu tun. Das ist schwer zu ertragen.

Die Zeiten, in denen er daran dachte, seinem Leben ein Ende zu setzen, sind vorbei. Aber ja, diese Momente habe es gegeben, auch bei einem katholischen Pfarrer. Sicher aber verflucht Hammerschmidt den Tag, an dem alles anfing, damals im Jahr 2001. „Dummerweise habe ich diese Missbrauchsgeschichte herausgefunden.“ Hammerschmidt wurde zu Christel G.s Vater ans Sterbebett gerufen. Als er im Krankenzimmer eintrat, stand die Frau da, rüttelte an dem wehrlosen Vater und schrie ihn an. „Ich sehe es ganz genau vor mir.“ Er fragte sie, was „das da“ am Sterbebett gewesen sei. „Der hat mich missbraucht“, antwortete sie. Und damit fängt alles an.

Plötzlich taucht Christel G. auf Hammerschmidts morgendlicher Walkingroute auf – im kleinen Dorf Freienohl mit knapp 4000 Einwohnern jedem bekannt . „Das fiel mir direkt auf, weil es eigentlich unpraktisch für sie war, hierher zu kommen.“ Dann kommen Blumen für den Blumenliebhaber Hammerschmidt und Bildbände. Nette Zuwendungen. Dem Pfarrer kommt das dennoch komisch vor, er informiert die Kirche. Schließlich weiß er genau, wie schnell Gerüchte entstehen können.

Nachdem Christel G. eine Therapie gemacht hat, wird alles nur noch schlimmer. „Ab da war sie vollkommen auf die Geschlechtsmerkmale und Sexualität reduziert“, sagt Hammerschmidt. Worte wie „geil“ und „Penis“ und „Wichser“ und „Fick mich“ muss er seitdem regelmäßig hören. „Als wäre ich ein Zuchtbulle“, sagt der Pfarrer. Galgenhumor nennt man das wohl. Aber Hammerschmidt ist auch müde. Abends fällt er um neun ins Bett. Er kann nicht mehr. Christel G. zerrt an seinen Nerven.

Weggehen kann er nicht. Versetzung ist keine Option, weil Christel G. angekündigt hat, ihm überall hin zu folgen. Das glaubt Hammerschmidt ihr. „Sie hat doch nichts zu verlieren.“ Er wolle außerdem seine Sozialkontakte nicht verlieren und fühle sich wohl in Freienohl. Und in einer neuen Pfarre wäre er ohnehin zunächst nur der „Mann mit der Stalkerin“. Stigmatisiert.

Dass Leute reden, dass manch einer im Dorf, wo sonst nicht viel passiert, vielleicht auch froh war, mal etwas Spannendes zum Tratschen zu haben, das weiß Hammerschmidt. „Ich könnte viel über Heuchelei sagen.“ Mehr sagt er dann aber doch nicht. Es sei ja auch nicht so, dass er jeden Tag die vergangenen 16 Jahre reflektiere.

Er gehe auch nicht so häufig in die Öffentlichkeit, obwohl es viele Einladungen zu Talkshows gibt. „Aber nachher denkt der ein oder andere eben doch: Wer weiß, ob der Pfaffe nicht was mit der Ollen hatte.“ Da macht sich Hammerschmidt keine Illusionen. Ohnehin glaubt er, dass manch einer die katholische Kirche und ihn als Vertreter dieser Institution gern gestraft sieht. Aber was zu weit geht, geht zu weit. Als vor drei Jahren ein Dorfbewohner behauptete, Hammerschmidt habe wirklich eine Affäre mit Christel G. gehabt, klagt der Pfarrer mit Erfolg auf Unterlassung.

Es geht ihm auch um sein Bild, darum, sich die Hoheit darüber zurückzuerobern, so wirkt es jedenfalls. Immer wieder werde er angesprochen, schließlich kennt man den Pfarrer von den Berichten über die Gerichtsprozesse. „Aber meine Gemeinde weiß, dass ich mehr bin als der Mann mit der Stalkerin, sie kennen meine Talente, aber auch meine Schwächen“, sagt er und hat nach mehr als einer Stunde eigentlich alles über Christel G. erzählt. Vielleicht um auch etwas preiszugeben, das wahrlich nichts mit der 74-Jährigen zu tun hat, zeigt er vor dem Abschied noch seine Hutsammlung in der Pfarrwohnung: von der Narrenkappe über die Welt-Jugendtags-Kappe bis zur traditionellen Kopfbedeckung aus Indien ist alles dabei. Das gehört nur ihm.

Bei der Verabschiedung im Garten fällt der Blick noch mal auf Christel G.s „Geschenke“. Hammerschmidt sagt: „Ich kann nur den Scheiß wegmachen, das Telefon leise stellen und sonst nichts.“

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