Washington - Der Cowboy mit der Kippe fällt vom Sattel

Der Cowboy mit der Kippe fällt vom Sattel

Von: Thomas Spang
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Er hat schon bessere Zeiten gesehen: der berühmte Cowboy einer berühmten Zigarettenmarke auf einem reichlich ramponierten Plakat in Berlin. Aber auch in seinem Heimatland, den USA, ist sein Image mittlerweile ziemlich angeschlagen. Foto: imago/Steinach

Washington. Seit fünfzig Jahren warnt die US-Regierung vor den gesundheitlichen Folgen des Konsums von Zigaretten, Zigarren und anderer Tabak-Produkte; jetzt gibt es eine gesetzliche Regelung.

Während unzählige Anläufe in den vergangenen Jahren am Widerstand der Senatoren aus den tabakproduzierenden Staaten und an der mächtigen Zigarettenlobby scheiterten, fehlten diesmal die Stimmen, das neue Gesetz zu stoppen. Dank Aufklärung und gesellschaftlichen Umdenkens stellt eine überparteiliche Mehrheit den Gesundheitsschutz über die Interessen der 86-Milliarden-Dollar-Industrie.

Ein Senator spricht Klartext

„Rauchen hat meinen Vater getötet, meine Mutter und meine Schwiegermutter, und passives Rauchen hat bei mir Spuren hinterlassen”, erklärt der republikanische Senator Michael Enzi in einem leidenschaftlichen Appell an seine Kollegen in der Kammer, die über Jahrzehnte einer Regulierung der Tabakproduktion im Weg stand. „Das hat nichts mit Politik zu tun. Es geht um die Gesundheit aller Amerikaner.”

So sahen es am Ende 61 Senatoren, die in dieser Woche den Weg für eine Regulierung durch die Food and Drug Administration (FDA) freigemacht haben. US-Präsident Barack Obama - selber ein Raucher - sagt, er könne es kaum abwarten, das Gesetz zu unterzeichnen.

Damit beginnen für die Branche neue Zeiten. Obwohl noch immer einer von fünf Amerikanern raucht und in den USA jedes Jahr rund 400000 Menschen an den Folgen des Tabakgenusses sterben, gab es für Zigaretten und Zigarren bisher weniger Vorschriften als für Kosmetika oder Tierfutter. Was erklärt, warum die Einschränkung der Werbungsmöglichkeiten und unübersehbar drastische Warnungen auf den Zigarettenpäckchen ab dem Jahr 2012 einer Umwälzung gleichkommen.

Die Hersteller dürfen bereits ab kommendem Jahr auch nicht mehr mit Attributen wie „leicht”, „mild” oder „geringes Kondensat” werben. Stattdessen kann Onkel Sam dem Marlboro-Mann den Geschmack am Glimmstengel gründlich verderben. Der „Family Smoking Prevention and Tobacco Control Act” erlaubt es der Lebensmittelaufsichtsbehörde, Höchstgrenzen für etwa 60 krebserregende und 4000 giftige Stoffe in einem typischen Tabakprodukt festzusetzen - darunter auch Nikotin. Die FDA kann Bestandteile wie Duftstoffe oder Menthol sogar gänzlich verbannen.

Allein ein vollständiges Verbot von Tabakprodukten schließt das Gesetz aus. Damit soll verhindert werden, dass ein Schwarzmarkt entsteht, der sich der Kontrolle entzieht. Während alle anderen Hersteller versuchten, die Regulierung zu verhindern, zeigte sich Philip Morris unbeeindruckt. Ein Sprecher des Konzerns meinte, „eine Regelung auf Bundesebene bringt Vorteile für die Tabak-Konsumenten und Stabilität für die Tabak-Industrie”.

Bisher war es der Branche trotz Rauchverboten in der Öffentlichkeit und hohen Steuern stets gelungen, neue Geschäftsfelder zu erschließen - vor allem auf den ausländischen Wachstumsmärkten in Asien und Osteuropa. Angesichts von weltweit 1,3 Milliarden Rauchern finden sich außerhalb der USA genügend potentielle Kunden.

Darüber hinaus wird es noch eine Weile dauern, ehe das unter dem Gesetz neu zu gründende Tabak-Zentrum bei der FDA eingerichtet und arbeitsfähig ist. Auch die Berufung des wissenschaftlichen Beirats, der konkrete Empfehlungen gibt, wird nicht vor dem kommenden Jahr abgeschlossen sein. Die Kosten des Zentrums von am Ende 700 Millionen US-Dollar im Jahr muss übrigens die Industrie tragen.

Bescheidene Erwartungen

Organisationen, die sich für die historische Regulierung eingesetzt haben, bleiben optimistisch. Gemessen an den Jahrzehnten vergeblichen Anrennens gegen die Mauer aus Tabak-Lobbyisten komme es nun nicht auf ein paar Monate an. „Dieses Gesetz versucht, nicht kurzfristig für Wirbel zu sorgen”, meint Matthew Myers von der „Campaign for Tobacco-Free Kids”. „Es geht um die langfristige Wirkung.”

Der Rechnungshof im US-Kongress hegt bescheidene Erwartungen. Das Gesetz werde die Zahl der jugendlichen Raucher innerhalb der kommenden Dekade um elf, aller anderen Tabak-Abhängigen um zwei Prozent reduzieren.
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