Das „Spree-Chicago“ und der rheinische Anarchist

Von: Joachim Zinsen
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Ein großer und passionierter Erzähler: Volker Kutscher. Foto: dpa
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Bilder aus dem Berlin der frühen 30er Jahre: Rund um die Gedächtniskirche und den Kurfürstendamm pulsiert in Charlottenburg das Nachtleben, die Zahl der Arbeits- und Obdachlosen steigt rasant an, immer wieder kommt es zu Straßenkämpfen (Bild), und mittendrin die Polizei. Foto: Kiepenheuer&Witsch/ Bundesarchiv
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Bilder aus dem Berlin der frühen 30er Jahre: Rund um die Gedächtniskirche und den Kurfürstendamm pulsiert in Charlottenburg das Nachtleben, die Zahl der Arbeits- und Obdachlosen steigt rasant an (Bild), immer wieder kommt es zu Straßenkämpfen, und mittendrin die Polizei. Foto: Kiepenheuer&Witsch/ Bundesarchiv

Köln/Berlin. Wer mit Volker Kutscher durch Berlin fährt, fährt zurück in die Vergangenheit. Zurück in die späten 20er und frühen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Reise auch an Orte, die nicht aus den Geschichtsbüchern bekannt sind.

„An der Ecke dort, wo jetzt das Geschäftshaus steht, war früher die Kakadu-Bar“, erzählt der 53-jährige Bestseller-Autor auf dem Kurfürstendamm. „Hier hat sich Gereon Rath gerne einen hinter die Binde gegossen, wenn er mal wieder in Schwierigkeiten steckte.“

Wenige hundert Meter weiter, am Steinplatz, verweist er auf eine kleine Gedenktafel, die an einem weißen Prachtbau aus der Gründerzeit angebracht ist. Sie erinnert an Bernhard Weiß, der bis 1932 stellvertretender Polizeipräsident von Berlin war. Im Frühjahr 1933 wurde der jüdische Jurist von den Nazis hier aus seiner Wohnung gejagt. Im Roman „Märzgefallene“ hat Kutscher eindringlich beschrieben, wie sich die SA damals vor dem Haus aufbaute und die vor dem Gebäude postierte Schutzpolizei der braunen Schlägerbande nach anfänglichem Zögern den Weg freimachte.

Ähnlich einem Historiker forscht Kutscher in Berlin ständig „nach dem Alten im Neuen“, sucht nach Orten, die die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges und den späteren Neubau-Wahn mancher Stadtsanierer überstanden haben. Dabei ist er eigentlich ein Kriminalschriftsteller, will vor allem spannende Mordgeschichten süffig erzählen. Gleichzeitig aber sollen seine fünf bisher erschienenen Rath-Krimis das alte Berlin porträtieren, die Leser mitnehmen auf einen Trip zurück in den Alltag der preußischen Metropole.

Eine Stadt extremer Gegensätze

Kutscher erzählt gerne. Und er erzählt viel. Von seinen Bücher, von Berlin. Gerade auch bei Lesungen in der Hauptstadt. Völlig unprätentiös sucht er den engen Kontakt zu seinem Publikum. Vielleicht, weil sich bei solchen Begegnungen erweist, ob Kutscher dem eigenen hohen Anspruch gerecht wird. Ob es ihm als Kölner, als eingefleischtem Rheinländer, tatsächlich gelungen ist, mit seinen opulenten Sittengemälden auch ausgemachte Kenner Berlins zu überzeugen.

Kutscher beschreibt ein Berlin, das schon vor mehr als 80 Jahren eine Stadt extremer Gegensätze war. Da ist das pulsierende Leben in Charlottenburg. Rund um den Kurfürstendamm gibt es jede Menge Jazzlokale, Theaterbühnen und Bars. Weltoffen, hedonistisch und kreativ feiert die Stadt hier die Moderne. Gleich nebenan die trostlosen Arbeiterquartiere: Dort bestimmen Wirtschaftsnot und die rasant wachsende Arbeitslosigkeit den Alltag der Menschen. Auf den Straßen prügelt sich die Polizei mit Kommunisten. Immer häufiger mischt bei den Auseinandersetzungen auch die SA der Nazis mit. Bis die Weimarer Demokratie zerrieben ist, die braunen Truppen die Macht übernehmen und das alte Berlin nach und nach stirbt.

In diesem politisch und sozial hoch aufgeladenen Ambiente ermittelt Kutschers Protagonist, der ins „Spree-Chicago“ strafversetzte Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath. Er ist ein Staatsdiener, der so recht in kein Klischee passen will. Einerseits katzbuckelt der Kettenraucher vor seinen Vorgesetzten, wenn ihm das opportun erscheint. Andererseits macht der leicht verführbare Mann, der dem Nachtleben, dem Alkohol und überhaupt den Sinnesfreuden ausgesprochen zugeneigt ist, aber das, was er will. Dabei wandelt Rath gerne auch schon mal am Rande der Legalität.

„Er ist halt eine Art rheinischer Anarchist, der sich ständig durchzulavieren versucht“, beschreibt Kutscher den eigenwilligen „Helden“. Nein, sein Alter Ego sei Rath ganz bestimmt nicht. Selbst als engen Freund könne er sich ihn nur sehr schwer vorstellen. „Auch wenn er ein großes Herz und ein enormes Gerechtigkeitsgefühl hat, ist mir Rath einfach zu unzuverlässig“, urteilt der 53-Jährige. „Im Umgang mit seiner Freundin Charly ist er sogar ein richtiges Arschloch. Dabei ist diese schöne, emanzipierte und politisch wache Frau tatsächlich seine große, romantische Liebe.“

Aber vielleicht machen ja gerade diese Brüche den Reiz der Figur Rath auch für Leser aus, die nicht unbedingt passionierte Krimifans sind. Zumal sich der Kommissar in einem Umfeld bewegt, das den gewöhnlichen Rahmen des Fiktiven sprengt. Denn in jedem Roman – die jeweils ein Jahr zwischen 1929 und 1933 abdecken – spielen neben Kutschers Figuren-Ensemble auch historische Personen „Sprechrollen“. Da ist neben Weiß auch Raths Vorgesetzter, der legendäre Chef der Berliner Mordkommission Ernst Gennat. Er gilt als Wegbereiter der modernen Kriminalistik. Da tauchen aber auch der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer oder der durch den ausgebrannten Reichstag stampfende Hermann Göring auf.

Fasziniert von Döblin und Kästner

Heimlicher Hauptdarsteller von Kutschers Büchern ist aber das historische Berlin. „Als Parvenü unter Europas Metropolen hat mich die Stadt immer schon fasziniert“, sagt Kutscher und erzählt von Büchern, die ihn geprägt und ihm die Reichshauptstadt und die Weimarer Zeit nahe gebracht haben. Etwa von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, bis heute sein Lieblingsroman, von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ und von dessen „Fabian“. Sie hätten ihn ähnlich wie Fritz Langs Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ tief beeindruckt.

Später, während seiner Zeit als Lokalredakteur bei der „Kölnischen Rundschau“, sei dann die Idee zu seinen Berlin-Romanen und seiner Kommissarsfigur gereift. Schon früh habe er den Plan gehabt, insgesamt acht Bücher zu schreiben, die lose aufeinander aufbauen und bis ins Jahr 1936 reichen sollten. „Spätestens im Jahr der Olympischen Spiele von Berlin musste nämlich auch dem politisch naiven und uninteressierten Rheinländer Rath klar geworden sein muss, dass er sich schuldig macht, wenn er unter den Nazis weiter im Polizeidienst bleibt“, sagt Kutscher.

Von seiner eigenen Idee überzeugt, ist der Kölner vor gut zehn Jahren ins kalte Wasser gesprungen, hat seinen festen Job gekündigt und versucht, einen Verlag für sein Projekt zu finden. Die Suche gestaltete sich allerdings schwierig. Mehrfach biss Kutscher auf Granit. Erst nach fast zwei Jahren bot sich Kiepenheuer & Witsch an, mit dem unbekannten Autoren zusammenzuarbeiten.

Ein Risiko, das sich schnell auszahlte. Schon Kutschers erster Rath-Roman „Der nasse Fisch“ landete ganz oben in den Bestseller-Listen. Mittlerweile kratzt die Auflagenzahl seiner Bücher an der Millionengrenze. Dem Erfolg auf dem deutschen Markt folgten Preise und Übersetzungen in andere Sprachen. Schließlich wurde auch das Filmgeschäft auf Kutscher aufmerksam. Mit Tom Tykwer sicherte sich einer der Stars der deutschen Regisseur-Szene die Rechte an dem Stoff.

Tykwer und seine Produktionsgesellschaft haben inzwischen ein Projekt auf die Beine gestellt, das ein neues Kapitel in der deutschen Fernsehgeschichte aufschlagen soll. Unter dem Arbeitstitel „Babylon Berlin“ wollen sie den „Nassen Fisch“ zu einer sechzehnteiligen TV-Serie verfilmen. Rund 40 Millionen Euro soll der Spaß kosten – eine Rekordsumme. Verträge mit der ARD und dem Bezahlsender Sky wurden nach langem Gezerre vor wenigen Wochen unterzeichnet. Die Hauptdarsteller der Serie stehen mit Volker Bruch („Unsere Mütter, unsere Väter“) und Liv Lisa Fries fest. Drehbeginn soll bereits im April sein und zwar in der neuen, bisher noch nicht bespielten „Berliner Straße“ der Filmstudios von Babelsberg.

Dass er selbst nicht am Drehbuch mitarbeitet, ist für Kutscher kein Problem. „Ich liege mit Tykwer auf einer Wellenlänge, er hat ein Gespür für meine Figuren entwickelt“, sagt der Kölner. Auch die Art, wie der Regisseur seinen Stoff verfilmen wolle – nämlich episch breit und mit einem scharfen Blick auf die vielen Nebenhandlungen – habe ihn überzeugt.

Dieser Facettenreichtum ist es, der offenbar auch Kutschers Leser am meisten beeindruckt. „Wie haben Sie es geschafft, eine solche Detailfülle über das Alltagsleben im damaligen Berlin zusammenzutragen?“, ist bei Kutschers Lesung eine ständig wiederkehrende Frage. Kutscher erzählt dann, dass für ihn die Recherche das eigentlich Lustvolle an seiner Arbeit ist. Er erzählt von alten Stadtplänen, alten Fotos und alten Filmen, die ihn inspirieren. Er erzählt von zeitgeschichtlichen Abhandlungen und der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin.

Er erzählt davon, dass vor allem alte Tageszeitungen für ihn riesige Fundgruben sind. „Gerade bei der Lektüre des Lokalteils, des Sportteils oder auch der Anzeigenseiten gewinnt man ein Gefühl für die Zeit“, sagt Kutscher. „Man erfährt, wie teuer ein Pfund Butter war, wann der millionste Besucher den Berliner Funkturm bestiegen hat oder dass die Avus damals mautpflichtig war.“ Alles Kleinigkeiten, die er in seine Bücher einarbeiten kann.

Kutscher erzählt aber auch davon, dass er mit seinen Büchern an die Leser appellieren will, politisch die Augen offenzuhalten. „Ich habe zwar keine direkte Botschaft und bin kein Wanderprediger. Aber ich versuche natürlich in meinen Romanen zu zeigen, wie schnell die Demokratie verloren gehen kann, wenn man sie nicht im Alltag verteidigt“, sagt er.

Sechster Rath-Roman im Herbst

Kutscher erzählt und erzählt und erzählt, unterbricht sich dann selbst und sagt mit einem leisen ironischen Unterton: „Ach, ich antworte immer viel zu lange auf Fragen.“ Dabei scheint sein Publikum gar nicht genug von Rath erfahren zu können und bereits sehnsüchtig auf den nächste Roman zu warten. Kutscher verrät dazu nur so viel: Das Buch soll „Luna-Park“ heißen, seinen Kommissar mal wieder in heftigen Schwierigkeiten zeigen und die Ereignisse des sogenannten „Röhm-Putsches“ als historische Folie nutzen. Erscheinen wird es voraussichtlich im Herbst.

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