Das sieht nur so aus: Warum es kein Mode-Revival der 80er gibt

Von: Thorsten Wiese, dpa
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Mode-Revival/80er
Die 80er Jahre gelten vielen heute als das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks. Foto: dpa

Berlin/Düsseldorf. Die 80er Jahre gelten vielen heute als das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks - rückblickend wohlgemerkt. Riesige Lockentürme, neonfarbene Leggins und übergroße Blazer waren damals der letzte Schrei.

In der aktuellen Mode tauchen Versatzstücke aus der Zeit von „Topgun”, „Miami Vice” und Zauberwürfel, von „Pretty Woman” und New Romantics wieder auf. Ein Freibrief für das Auftragen alter Pullis oder das willkürliche Kombinieren von Farben ist das aber noch lange nicht: Wer nicht aussehen will wie von gestern, schärft besser seinen Blick für die Unterschiede.

Verwegene Kombinationen machten die 80er aus. Inspiriert vom Punk, dessen Stil auch modisch den Ton angab, waren die Krawatten schmal, die Oberflächen kariert und die Jeans gebleicht. Karottenhosen und Leggins gingen zu allem, und die Farben mussten strahlen - gern auch in Neontönen. Die Ärmel waren weit, die Schulterpartien ausgestellt und ausgestopft. Die Schuhe durften Stiefel sein und dicke Profilsohlen haben.

All das gibt es heute auch wieder - von H & M über Daniel Hechter und Strellson bis Mango, Marc OPolo und Tiger of Sweden. Aber es geht um eine Neuinterpretation. „Die Kleidung, die Sie heute bekommen, ist nicht so übertrieben wie in den 80ern”, sagt Dagmar Bothe, Image Consultant aus Berlin. „Die Schulterpartien sind in der Tat wieder etwas breiter - aber längst nicht so breit wie damals.” Dazu kommt eine gänzlich andere Schnittführung: „Damals ging es von den breiten Schultern keilig oder kastig gerade nach unten.” Heute ist weitaus weniger Volumen gefragt.

„Julia Roberts sieht in Pretty Woman so aus, als hätte sie das Sakko ihres dicken Großvaters an”, sagt Elke Giese, Trendexpertin des Deutschen Modeinstituts in Berlin. Kennzeichnend waren ausgestellte Schultern und weite Ärmel. Das entspreche dem heutigen Zeitgeist überhaupt nicht. Zwar spiele Volumen in der aktuellen Mode wieder eine Rolle. „Es gab in den Achtzigern aber längst nicht diesen Körperkult wie heute.” Derzeit soll der idealerweise trainierte Körper immer an der Oberfläche zu erahnen sein - daher seien die Schnitte an den richtigen Stellen viel enger.

Auch die Schulterpolster seien anders: „Heute wird nach oben gepolstert, nicht in die Breite”, sagt Giese. Während die Oberteile in den Achtzigern in allen Ausmaßen breit und kantig waren, schauen laut Giese unter den Schultern heute „ganz dünne Oberarme” hervor. Und während die breiten Schultern damals ein Zeichen der Emanzipation waren, gemahnen sie heute an eine Rüstung.

„Damals traten mit Madonna, Nena und Gianna Nannini starke Frauen auf die Bühne - die starken Schultern demonstrierten Kraft”, erläutert Bothe. „Es war der Marsch vom Vor- ins Chefzimmer”, auf diese Formel bringt es Giese. „Mit den breiten Schultern waren Forderungen verbunden: Ich kann das auch!.” Das sei ein Spiel mit dem Androgynen gewesen - „und über kurze, schwarze Röcke und Schuhe mit Absatz kam der Sex in den Look hinein”.

Heute sitzen die Blazer über einem Kleid. Ärmel dürfen ebenso hochgeschoben oder -gekrempelt sein wie früher. Nachdem mehrere Saisons alles dunkel und eng sein musste, hat die blaue Stonewashed- oder Moonwashed-Jeans ihren Weg zurück in die Kollektionen gefunden. Und in ihrer extremen Form hat sie Bleichflecken. Das blaue Jeanshemd ist auch so ein Fall. „Es wirkt jetzt aber ganz anders. Die Auswaschungen sind viel dunkler”, sagt der Herrenmode-Designer René Lang aus Düsseldorf. Und früher seien die Hemden „zeltartige Gebilde” gewesen - heute seien die Schnitte enger.

Das gelte auch für die Hosen, deren Bund- und Fußweite messbar geringer ausfällt. Die Leggins seien als Hosenersatz getragen worden - „da wurden Po und Beine unverblümt zur Schau gestellt”, sagt Lang. Nicht jeder konnte das tragen. Heute kommen ein Kleid oder Rock darüber - das kaschiert einen üppigen Po und wirkt unaufdringlicher.

Auch heute geht es ums Auffallen - aber aus anderem Grund. „Aufmerksamkeit ist die neue Währung, es gibt ein großes Bedürfnis nach Glamour”, sagt Giese. Und nicht zuletzt herrscht in der jungen Generation das Gefühl vor, dass die Zeiten wieder härter werden. Die Sicherheit eines Lebens im Wohlstand der damaligen Generation haben die Jüngeren laut Giese „weiß Gott nicht”. Es gehe darum, „überhaupt etwas abzukriegen vom Kuchen”. Dafür müsse man sich heute zeigen, abheben und kreativ sein.

Auffallen als zentrales Motto - das hat auch bei den Frisuren modische Aspekte von damals wiedererweckt. Voluminöse Locken und „schwere Ponys” aus den 80ern hat der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks in Köln ausgemacht - und er hat sie zu den Trendfrisuren für die aktuelle Saison ausgerufen. Der Cindy-Lauper-Schnitt - im Nacken sehr kurz, dafür mit üppigem Pony: Das ist jetzt wieder in.

Auch die knalligen Farben - gelbe Blazer, korallenfarbene Baumwollhosen, rote und grüne Jeans - sind da. „Aber sie werden stylish getragen - etwa mit Grau und Schwarz, es gehört immer eine neutrale Farbe dazu, um es abzumildern”, erklärt Bothe. Auch so lässt sich Aufmerksamkeit schaffen - das ist der Mode von damals und heute gemeinsam. „Aber”, sagt Giese, „vom Lebensgefühl her kann ich da keine Parallelen entdecken.”
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