Das letzte Fernseh-Lagerfeuer der Nation erlischt

Von: Tilmann P. Gangloff
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Heute macht er die letzte Verb
Heute macht er die letzte Verbeugung vor seinem Publikum: Thomas Gottschalk verabschiedet sich von „Wetten, dass...” Foto: dpa/dapd

München. Nur gut, dass Joachim Löw derzeit nicht mal von den notorischen Miesepetern unter den Fußballfans in Frage gestellt wird. Die Suche nach einem neuen Moderator für „Wetten, dass..?” bindet ohnehin schon genug Potenzial; nicht auszudenken, man müsste sich auch noch über einen neuen Bundestrainer den Kopf zerbrechen.

Die beiden Metiers mögen auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben, doch als Erfolgsmodell gehorchen sie durchaus vergleichbaren Prinzipien: Während Löw sein Team taktisch ständig optimiert und es so zurück in die Weltspitze geführt hat, gefällt sich der Showklassiker vor allem als Traditionsformat.

Natürlich gab es immer wieder mal Änderungen. Aber im Großen und Ganzen gehorcht „Wetten, dass..?” auch heute noch jenem Prinzip, das Frank Elstner 1980 nachts in angeblich nur zwei Stunden entworfen hat: Prominente Gäste übernehmen die Patenschaft für originelle Wetteinfälle und müssen lustige Herausforderungen bestehen, wenn sie verlieren. Der Moderator überbrückt die Zeit zwischen den Darbietungen durch nichtssagendes Geplauder. Für Kurzweil sorgen Popstars, die ihren neuen Hit zum Besten geben.

Natürlich kann man nachzuvollziehen, dass das ZDF am Erfolgsrezept festgehalten hat. Wenn etwas nicht kaputt ist, sollte man es nicht reparieren, sagt man in Amerika, und dort, in den USA, steht schließlich die Wiege der TV-Unterhaltung. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute genügt es nicht mehr, gelegentliche Feinjustierungen vorzunehmen.

Erfolgsgeheimnis? Der Erfolg.

Dass „Wetten, dass..?” trotzdem nach wie vor regelmäßig bis zu zehn Millionen Zuschauer erreicht, hat vor allem mit Tradition zu tun: Oft genug ist das Erfolgsgeheimnis des Erfolgs der Erfolg. Aber die Erfolgskurve von „Wetten, dass..?” sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich. Sicherlich hängt das auch damit zusammen, dass die TV-Haushalte mittlerweile Dutzende von Programmen empfangen und RTL seit einiger Zeit mit Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar” oder „Das Supertalent” ein knallhartes Konkurrenzprogramm aufbietet.

Aber dass sich der Privatsender das überhaupt getraut hat, war ein unübersehbarer Hinweis auf den bröckelnden Nimbus des ZDF-Flaggschiffs, das im Dezember 2003 noch über 15 Millionen Zuschauer hatte. Die Rekordmarke liegt mit fast 23,5 Millionen Zuschauern im Februar 1985 allerdings deutlich darüber. Seit damals genießt „Wetten, dass..?” den Ruf als größte Fernsehshow Europas.

Heute wird sich Thomas Gottschalk endgültig von dem Format, das ihn zumindest in der Unterhaltungsbranche weltweit berühmt machte, verabschieden. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor hat sich jenes Unglück ereignet, das rückblickend zum Anfang vom Ende der Ära Gottschalk geworden ist: Am 4. Dezember verunglückte Samuel Koch beim Versuch, auf Sprungstelzen über mehrere Autos zu hüpfen. Zwei Monate später kündigte Gottschalk seinen Abschied an. Die 199. Ausgabe von „Wetten, dass..?” markiert also den Schlusspunkt dieser ebenso glanzvollen wie perfekten Liaison. Format und Moderator sind in die Jahre gekommen, eine Verjüngung ist überfällig, und der Wechsel des Gastgebers bietet die beste Gelegenheit dafür: neue Köpfe, neues Konzept.

Aber wie radikal darf und soll die Frischzellenkur ausfallen? ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut dürfte in den zurückliegenden Monaten manch schlaflose Nacht gehabt haben. Allein die Liste jener Showgrößen, die gefragt oder ungefragt abgewunken hat, liest sich wie ein Almanach der deutschen Unterhaltung. Jeder Nachfolger wäre allenfalls zweite Wahl.

Daher wäre es nur konsequent, wenn das ZDF die Herren Winterscheidt (32) und Heufer-Umlauf (28) aus dem Hut zaubern würde. Für die ZDF-Zuschauer, die Joko & Klaas („17 Meter”, ProSieben) allenfalls aus der Sparkassenreklame kennen, wäre das vermutlich ein Schock, aber derlei kann ja auch eine heilsame Erfahrung sein. Die Besetzung mit einem Moderationsduo, das im Schnitt exakt so alt ist wie „Wetten, dass..?”, wäre die vielleicht einzige Chance für den Neubeginn. Der wird zudem mindestens eine Nummer kleiner ausfallen. Gerade angesichts der klammen ZDF-Kassen sind die Kosten für die Show längst nicht mehr zeitgemäß. Für das gleiche Geld lässt sich ein Fernsehfilm produzieren, der beliebig oft wiederholt werden kann. „Wetten, dass..?” verschwindet nach der Ausstrahlung im Archiv.

Auch bei den internationalen Stars können ohne große Verluste Abstriche gemacht werden. Meist wollen sie ohnehin bloß Reklame für ihren neuen Film machen, und nach einer gewissen Zeit verschwinden sie, weil sie angeblich noch den letzten Flieger bekommen müssen. Das ist ebenso verzichtbar wie die mitunter überfrachteten Show-Elemente, bei denen erfahrungsgemäß die meisten Zuschauer umschalten. Stattdessen sollte die Show ihre Stärken stärken: Einschaltimpuls der Sendung sind wie vor dreißig Jahren die originellen Wettideen. Sie liefern den Stoff für die Gespräche, die man noch Tage nach der Sendung führt, wenn die Stars auf dem Sofa schon längst wieder vergessen sind.

Das ZDF hat bereits angekündigt, dass die Wetten in Zukunft weniger spektakulär ausfallen sollen. Es wird also wohl keine Bagger mehr geben, die an Hausfassaden emporklettern. Auch die Zuschauerzahlen werden weiter sinken, aber aus anderen Gründen. Vermutlich wäre es allenfalls Hape Kerkeling gelungen, den Unterhaltungsdampfer kurzfristig noch auf Kurs Richtung Zehn-Millionen-Marke zu halten, doch nicht mal er hätte den Niedergang nachhaltig aufgehalten. Thomas Gottschalk war der letzte Fernsehmoderator, der die Zuschauer am Samstagabend rund um das Lagerfeuer der Nation versammeln konnte.
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