„Dagobert”: Vom meistgesuchten Verbrecher zum erfolgreichen Autor

Von: Frank Gundermann, ddp
Letzte Aktualisierung:
Arno Funke / Dagobert
Der frühere Kaufhaus-Erpresser Arno Funke alias „Dagobert”. 1988 hatte Funke das Berliner Kaufhaus des Westens um 500.000 Mark erpresst, in den Jahren 1992 bis 1994 forderte er 1,4 Millionen Mark vom Karstadt-Konzern. Trotz einer Bombenanschlagsserie in mehreren Filialen genoss Dagobert, der seinen Namen durch eine Zeitungsannonce für eine Geldübergabe erhielt, bei der Bevölkerung eine gewisse Popularität. Funke wurde vor 15 Jahren am 22. April 1994 im Berliner Stadtteil Johannisthal festgenommen. Foto: ddp

Berlin. Er war damals Deutschlands meistgesuchter Verbrecher. Vor 15 Jahren, am 22. April 1994, wurde Kaufhaus-Erpresser Arno Funke alias „Dagobert” festgenommen. Funke hatte zwei Jahre lang erfolglos versucht, 1,4 Millionen Mark vom Karstadt-Konzern zu erpressen.

Rund 30 Geldübergabe-Versuche mit teilweise technisch ausgefeilten Konstruktionen wie einem selbstgebauten Miniatur-Schienenfahrzeug und einer präparierten Streusand-Kiste mit unterirdischem Zugang waren in dieser Zeit gescheitert. Zudem war Funke mehrmals auf spektakuläre Weise nur knapp der Polizei entkommen.

Nach seiner Festnahme und der Verurteilung zu neun Jahren Haft wegen schwerer räuberischer Erpressung wurde Funke nach mehr als sechsjähriger Haftstrafe im Jahr 2000 wegen guter Führung entlassen. Heute arbeitet der 59-Jährige erfolgreich als Zeichner, Karikaturist und Autor für das Satiremagazin „Eulenspiegel”.

An seine Zeit als „Dagobert” denkt er dabei kaum noch zurück. „Da ich im Moment mit meinem Leben soweit zufrieden sein kann, habe ich da keine rückwärts gerichteten Gedanken, das hätte man so oder so machen sollen”, sagt Arno Funke.

Es ist ein sonniger Aprilnachmittag, und der 59-Jährige sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Manchmal müsse er die Fenster wegen der zu laut zwitschernden Vögel schließen. Ein anderer Vogel, der Arno Funke bis heute „verfolgt”, ist die amerikanische Zeichentrick-Ente Dagobert, der er sein Verbrecher-Pseudonym verdankt. „Am liebsten würde man natürlich diesen Vogel killen. Man wird ihn aber nicht los”, sagt Funke und lacht.

Dabei war es „reiner Zufall”, der ihn auf das Übergabe-Codewort „Dagobert” brachte, mit dem der erpresste Karstadt-Konzern in einer Zeitungsanzeige seine Zahlungswilligkeit bekunden sollte. „Ich saß am Schreibtisch und überlegte, wie die Annonce aussehen könnte.” Dann sei sein Blick auf einen Turnbeutel mit der Abbildung einer Dagobert-Figur gefallen. „In diesem Moment habe ich gedacht: Dagobert grüßt seine Neffen.”

Die Polizei habe diese codierte Anzeige an die Presse weitergegeben und die habe ihm den Namen gegeben. „Da ist trotz meiner Krankheit mein unterschwelliger, schwarzer Humor durchgekommen.”

Funke hatte durch seine Arbeit in einer Kfz-Lackiererei, bei der er in den 80ern jahrelang Lösungsmittel eingeatmet hatte, gesundheitliche Probleme und hirnorganische Schäden erlitten, hinzukam eine Identitätskrise mit Suizidgedanken. 1988 entschloss er sich, das Berliner KaDeWe um 500.000 Mark zu erpressen.

Rund drei Monate dauerte es, bis die spektakuläre Übergabe gelang: Er ließ sich das Geld per Funkkontakt aus einer vorbeifahrenden S-Bahn heraus zuwerfen. Nach vier Jahren sei das Geld dann aufgebraucht gewesen. Funke entschloss sich zu einer zweiten Erpressung, diesmal beim Karstadt-Konzern. Doch diesmal scheiterte die Übergabe der Geldsumme von 1,4 Millionen Mark immer wieder.

Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, beging Funke ab 1992 fünf Bomben- und einen Brandanschlag auf Karstadt-Kaufhäuser in verschiedenen Städten. Der Gesamtschaden: zehn Millionen Mark.

Es sei ihm damals wichtig gewesen, dass durch die Sprengsätze niemand verletzt wurde, beteuert er noch heute. Gleichzeitig sei es ihm jedoch schwer gefallen, den Druck gegenüber der Polizei aufrecht zu erhalten. „So zu tun, als wenn man der böse Bube ist, wenn man eigentlich nicht der Typ ist, das ist einfach ein Scheiß-Geschäft. Ich bin eher derjenige, der harmoniebedürftig ist, ich gehe normalerweise jedem Ärger aus dem Weg.”

Seine Taten bereut er nicht. „Die Frage mit der Reue ist eine komplizierte Sache.” Im Gefängnis habe er feststellen müssen, dass es einige Leute gebe, die ihre Tat bereut hätten, „aber es war gar keine Reue, sondern es war Selbstmitleid. Der Frust, dass man erwischt wurde”, gesteht er. Zudem habe auch sein Gefängnis-Psychiater im Endgutachten festgestellt, „es kommt nicht darauf an, dass jemand seine Tat bereut, es kommt darauf an, dass er sie nicht wieder tut”.

Dass ihn seine Vergangenheit als „Dagobert” bis an sein Lebensende verfolgen wird - das weiß Funke. Vorwürfe, er profitiere von seiner kriminellen Vergangenheit oder vermarkte sie bei seiner heutigen Tätigkeit als Zeichner, weist Funke als „völligen Quatsch” zurück.

Dass sich die Wahrnehmung seiner Person mittlerweile etwas geändert hat, das durfte Arno Funke bei der Buchmesse in Leipzig erleben. Zwei Stunden lang signierte er ununterbrochen Bücher. Auf seine Vergangenheit als „Dagobert” wurde er dabei „kein einziges Mal angesprochen”.
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