„Bude anne Ecke” im Ruhrgebiet kämpft ums Überleben

Von: Rolf Schraa, dpa
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Bude anne Ecke
Ein traditionelle Einrichtung im Ruhrgebiet: Die „Bude anne Ecke” oder auch Trinkhalle ist akut vom Aussterben bedroht. Foto: dpa

Essen. Wenn Karin Weber um 6 Uhr früh an ihrer Bude den Rollladen hochzieht, braucht sie Wollsocken und einen dicken Pulli: Die Trinkhalle in einem Altbau zwei Steinwürfe vom Essener Südbahnhof entfernt hat keine Heizung und ist morgens kalt.

Die 43-Jährige öffnet den Zeitungspacken, sortiert ihre Frikadellenbrötchen und die Plastikdosen mit Salmiakpastillen und Fruchtbonbons: Alltag in einer der rund 18.000 Trinkhallen des Ruhrgebiets; ein Alltag, der sich für viele Budenbesitzer immer weniger rechnet.

Die langen Öffnungszeiten der Supermärkte - oft bis 22 Uhr - und das immer breitere Angebot der Tankstellenshops, die rund um die Uhr verkaufen, machen den Buden das Leben immer schwerer, sagt Dietmar Osses.

Der Sozialhistoriker und Leiter des Industriemuseums Zeche Hannover in Bochum hat einen Bildband mit Fotos der Herner Fotografin Brigitte Kraemer über Ruhrgebietsbuden herausgegeben.

Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil der Trinkhallen sei mit den langen Supermarkt-Öffnungszeiten verloren, schreibt Osses. Viele Buden hätten schon aufgegeben.

Sein Bildband wirft deshalb einen liebevollen und etwas nostalgischen Blick auf das Sozialphänomen Trinkhalle, das zum Ruhrgebiet gehört wie Hochöfen, Zechen und der FC Schalke 04.

Bonbongläser, Zeitungsständer, ein klappriger Langnese- Sonnenschirm, Männer mit Bier oder Kaffeebechern und immer wieder die müden Gesichter der Inhaber hinter der Budenklappe - so sieht Fotografin Kraemer in ihren Schwarz-Weiß-Bildern die Institution Trinkhalle.

Die Fotos erzählen von den lähmenden 15-Stunden-Schichten hinter der Theke, die für viele Inhaber nur mit Fernseh-Dauerbetrieb erträglich sind, und vom Familien- und Nachbarschaftsleben vor der Trinkhalle - einschließlich einem Nickerchen an der Budentür.

„Viele kommen nur um zu quatschen”, weiß auch Karin Weber. Das gilt vor allem für ältere Leute, die oft den ganzen Tag noch kein Wort gesagt haben. Sorgen, Krankheit, der nächste Urlaub und die Kinder sind die Hauptthemen, und schon nach ein paar Besuchen fassen Anwohner so viel Vertrauen, dass sie ihre Zweitschlüssel für die Wohnung im Kiosk deponieren - „falls ma watt iss”. Karin Weber wundert sich - „so viel Gottvertrauen” - und hat gelernt zuzuhören. In ihrem früheren Job in einem Supermarkt hatte sie eine 37,5- Stunden-Schicht, aber kaum Gespräche.

Die Ansprache in der Bude ist rau wie in der Region üblich: „Ham wa nich, dat schmeckt doch wie Wasser”, muss sich ein Kunde anhören als er eine holländische Biersorte verlangt. Dafür könnte er seine Flaschen anschreiben lassen, wenn das Bargeld gerade mal nicht ausreicht. „Unsere Schulkinder haben alle einen Zettel”, erzählt Weber. „Einmal die Woche, wenn die Taschengeld gekriegt haben, zahlen die.”

Wie viele Budenbetreiber verkauft die 43-Jährige inzwischen Telefonkarten und nimmt Päckchen privater Postdienste entgegen, um über die Runden zu kommen. „Vorher haben wir draufgezahlt.” Ihr 51- jähriger Mann - gelernter Maler und Frührentner - liefert Waren ins Haus, wenn Kunden nicht mehr tragen können, steckt jungen Müttern Süßigkeiten für die Kinder zu und weiß alles, was im Umkreis von 200 Metern passiert. „Macht doch mal Werbung”, hat ein Nachbar aus der Branche dem Kioskpaar kürzlich vorgeschlagen und dann selbst eine Karte gestaltet. „Lebensretter” steht darauf in großen weißen Lettern vor einem Foto der beiden in ihren Strickpullovern.
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