Loßburg - Bizarrer Streit: Der dicke Hund von Loßburg

Bizarrer Streit: Der dicke Hund von Loßburg

Von: Martin Oversohl, dpa
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Bürgermeister Thilo Schreiber ist völlig genervt und beginnt, das Vertrauen in den Rechtsstaat zu verlieren. Foto: dpa

Loßburg. Für Thilo Schreiber ist das Ganze ein dicker Hund. Der Bürgermeister der kleinen Schwarzwaldgemeinde Loßburg wurde bedroht und beleidigt, seine Familie musste fliehen - und das alles wegen „Spike” und seinem Herrchen, das den bissigen Schäferhund nicht ins Tierheim geben wollte.

„Nein”, meint der 43-Jährige in seinem Loßburger Rathausbüro. „Nein, verstehen und akzeptieren kann ich das alles nicht mehr.”

Seit Monaten schon kommt er sich vor wie ein Getriebener, obwohl die Stadt hinter ihm steht. Die ganze Stadt? Nicht ganz. Für „Spikes” Besitzer, einem als „Terror-Rentner” bekannten Senior, bleibt Schreiber ein rotes Tuch.

Das Amtsgericht Freudenstadt brummte dem renitenten Mann Anfang April zwar eine Bewährungsstrafe auf, doch das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Schreiber und der Rentner sorgen bundesweit schon lange für Schlagzeilen als die beiden Hauptdarsteller im „Loßburger Hundestreit”.

Dem 43-Jährigen wurde dabei das Drehbuch für die Rolle des Opfers in die Hand gedrückt, obwohl er seiner Ansicht nach nur das tat, wofür ihn die Loßburger vor zwei Jahren wiederwählten: „Es ist mein Job, für diese Stadt zu sorgen und die Menschen zu schützen”, erklärt er.

Der Gemeinde und den Behörden seien mehr als 40 Vorfälle des rüden Rentners allein aus den vergangenen vier Jahren bekannt, ärgert sich der Rathauschef. „Trotzdem darf er nach wie vor den Bürgermeister und leitende Beamte massivst bedrohen.”

Ein „kranker Aggressor”, ein „Psychopath” sei der Mann, ereifert sich Schreiber. „Und er weiss genau, wie er auf der Kante des Rechtsstaates laufen kann.”

Es werde „Blut fließen”, soll der 66-jährige Rentner damals unter anderem gepoltert haben. Eine Entscheidung Schreibers hatte ihn provoziert: Nachdem Schäferhund „Spike” im Sommer 2008 eine Frau gebissen und ein kleines Kind angefallen hatte und sich der Rentner dennoch weigerte, dem Tier einen Maulkorb anzulegen, musste Schreiber den Hund Ende Januar beschlagnahmen und entziehen lassen.

„Wenn Sie mir den Hund nicht zurückgeben, nehme ich Ihnen Ihre Tochter weg”, soll der Rentner danach gedroht haben. Als die Attacken immer heftiger wurden, brachte Schreiber sich, seine Frau und seine Tochter in Sicherheit und ließ sich drei Wochen krankschreiben - ein einmaliger Vorfall.

Nicht genug: Mehrere Gerichte stützten Schreibers Entscheidung gegen Tier und Halter, der Rentner wurde verhaftet, doch auf Anordnung des Richters kam er wieder frei. Ein Psychiater stufte den 66-Jährigen trotz der Ausfälle als psychisch nicht gestört ein, und hunderte Menschen gingen in Loßburg für ihren Bürgermeister auf die Straße.

Eigentlich schien es wie das Ende eines Albtraums für Schreiber, als sein renitenter Gegner zu einer Bewährungsstrafe von vier Monaten verurteilt wurde und scharfe Auflagen aufgedrückt bekam. „Keinen Hund mehr”, hieß es. Und er darf sich nicht näher als 100 Meter dem Wohnhaus von Schreiber nähern.

Viel geändert hat sich seitdem allerdings nicht: Der Hundefreund legte Berufung ein, geht unbehelligt im Rathaus ein und aus - und besitzt zwei neue Schäferhunde, die er durch die Stadt führt.

„Man läuft sich zufällig hin und wieder über den Weg, wenn er zur Wahl geht oder einen gelben Sack abholt”, erzählt Schreiber. Zunehmend verliert der 43-Jährige seinen Glauben in die Justiz: „Ich habe da beinahe die Hoffnung aufgegeben. Es gibt bis zum heutigen Tag keinen neuen Termin für eine Verhandlung”, ärgert er sich. „Wir haben als Stadt keine Handhabe.”

Axel Benz, Gerichtsdirektor aus Freudenstadt, scheinen die Hände gebunden: „Der Mann hat Berufung eingelegt, bis dann treten die Auflagen außer Kraft”, erklärt er und beschwichtigt: Es werde „sehr bald” einen Prozess geben. Einen Termin nennt er nicht.

Für Frau und Tochter hat Schreiber längst die Konsequenzen gezogen: „Ich fühle mich nach wie vor ziemlich ungeschützt, und dieser Mann nutzt das aus”, erklärt er.

Deshalb wohnt seine Familie nicht mehr in Loßburg. „Hier würden sie doch jeden Tag mit diesem Problem belastet. Und es reicht, wenn nur ich damit konfrontiert werde. Auch ein Bürgermeister hat ein Anrecht auf ein Privatleben.”
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