Babak Rafati: „Ich bin aufs Abstellgleis geschoben worden“

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Babak Rafati wollte sich das Leben nehmen. Jetzt ist der Keynote-Speaker. Christoph Pauli hat ihn am Tivoli interviewed.

Aachen. Damals ist Babak Rafati nicht mehr im Stadion angekommen. An diesem 19. November 2011 sollte er die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 leiten – eine Partie, die auch am Samstag wieder auf dem Spielplan steht. Der Schiedsrichter hatte vorher auf alle mögliche Art versucht, sich in seinem Hotelzimmer umzubringen.

Rafati sagt, er wollte abtauchen, sich dem Druck, dem Mobbing entziehen, den „die beiden“ auf ihn ausübten. Die beiden waren seine Vorgesetzten Helmut Krug und Herbert Fandel, so beschreibt er es in seinem Buch „Ich pfeife auf den Tod“. „Ich fühlte mich menschenunwürdig, sehr kalt und persönlich verletzend behandelt. Man hat mich systematisch gemobbt.“ Der depressive Rafati wurde damals monatelang stationär aufgenommen, hat „etwa 200 Psychologie-Bücher“ gelesen und ist nun Keynote-Speaker – eine Art Handlungsreisender in eigener Sache.

Der 46-Jährige hat seine beiden Berufe, den des Schiedsrichters und den des Bankkaufmanns aufgegeben, er ist jetzt sein eigener Chef, mit seiner Frau Rouja betreibt er eine Agentur. Und noch ein Unterschied zu früher: „Ich kann über Fehler reden, und es kommt gut an.“ Man kann ihn buchen, wie das an diesem Abend die Actimonda zum Thema betriebliches Gesundheitsmanagement gemacht hat. Rafati spricht am Tivoli, einem Fußballstadion, „was ein bisschen seltsam für mich ist“. Vorher hat sich unser Redakteur Christoph Pauli mit dem ehemaligen Schiedsrichter getroffen.

Es läuft gerade die Phase, in der über Auf- und Abstieg der Klubs entschieden wird. Wie ist die Situation bei den Schiedsrichtern, stehen da auch solche Entscheidungen an?

Rafati: Jeder Schiedsrichter weiß, dass eine Entscheidung am letzten Spieltag andere Auswirkungen hat, natürlich ist der Druck größer. Es kommt eher selten vor, dass Schiedsrichter aus der Bundesliga aus Leistungsgründen absteigen. Meistens ist mit der Altersgrenze Schluss.

Das entspannt doch die Lage.

Rafati: Das denken Sie. Ich weiß nicht, wie die Führung gerade Einfluss nimmt auf den mentalen Bereich. Zu meiner Zeit war das anders, nachdem Volker Roth (ehemaliger Schiedsrichter-Chef beim DFB; d. Red.) aufgehört hat. Danach war der Umgang unmenschlich, das hat mich enorm belastet. Ich hatte Führungskräfte ohne Sozialkompetenz, wie es auch viele Schiedsrichter bestätigten.

Schiedsrichter sind manchmal für 60.000 Zuschauer die Blitzableiter, erfahren Ablehnung vielleicht sogar Hass. Wie geht man damit um?

Rafati: Das war nie mein Problem, wenn sich ein ganzes Stadion gegen mich gestellt hat oder wenn ich bei Kicker-Umfragen regelmäßig dreimal zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt wurde. Das gehört dazu. Du fängst an vor 100 Zuschauern, dann werden es 1000, bald 10.000. Das ist mit jeder Beförderung ein langsamer Entwicklungsprozess. In der Kreisliga ist es vielleicht sogar schwieriger, weil du Beleidigungen direkter registrierst. Der Schiedsrichter ist fokussiert auf den Ball, auf die Szenen.

Diese Wucht der Emotionen prallt wirklich ab?

Rafati: Nein, davon kann sich keiner freisprechen. Stichwort: Konzessionsentscheidungen. Die würde kein Schiedsrichter einräumen. Aber es gibt Szenen, die lassen einen zweifeln. Das bleibt im Hinterkopf, und weil wir Menschen und emotional sind, reagieren wir vielleicht im Unterbewusstsein ausgleichend falsch.

Bekommen Sie in der Halbzeitpause schon eine Rückmeldung auf vermeintliche Fehler aus der ersten Halbzeit?

Rafati: Fast alle sagen nein, ich sage ja. Wenn du das Spielfeld verlässt, zeigt Dir der Fieldreporter von Sky, den du seit Jahren kennst, schon den Daumen rauf oder runter. Und natürlich guckst du dann auf das Handy, und siehst, welche Reaktionen dir deine Freundin geschickt hat.

Aber dann kann man nicht unbeeindruckt weiter seinen Job machen.

Rafati: Das stimmt.

In Ihrem Buch steht, dass nicht die tausendfache Ablehnung, sondern der Umgang von Vorgesetzten Ihnen zugesetzt hat.

Rafati: Ich bin mit dem Druck der Zuschauer und Medien groß geworden. Zumal ich mit meinem arroganten Auftritt auf dem Platz immer polarisiert habe. Das war nie das Problem. Schwierig war der zwischenmenschliche Umgang. Natürlich muss man infrage gestellt werden, wenn man Fehler macht. Wenn man mir aber sagt, „Jeder darf Fehler machen, nur du nicht mehr Babak“, wird es schwierig.

Wie ist es so weit gekommen?

Rafati: Ich bin aufs Abstellgleis geschoben worden, weil ich das System damals in Frage gestellt habe. Viele dachten es, ich habe es als Einziger ausgesprochen. Und wenn ich dann Fehler gemacht habe, gab es viel Lack.

Ist diese Kritik nur bei den Tagungen erfolgt oder auch im direkten Austausch?

Rafati: Sowohl als auch. In den Telefonaten ging es immer seltener um die Leistung, sondern um meine Person. Ich wurde angehalten, mich mit den Veränderungen damals beim Verband anzufreunden sonst würde etwas passieren. Ich hatte aber meinen eigenen Kopf und habe das nicht eingesehen. Das machte mich zur Zielscheibe.

Sind Sie ein Opfer?

Rafati: Ganz wichtig: Ich bin für so eine Tat und die Folgen ganz alleine verantwortlich.

Können Sie im Nachhinein erklären, wie man in die Depression hineinrutscht?

Rafati: Was ich erlebt habe, erleben sehr viele Menschen im Berufsleben. Jeder ist burnout-gefährdet sagte mir einmal ein Medizinhistoriker. Arbeitnehmer verabschieden sich immer mehr von ihren Werten, von ihren Gefühlen, passen sich an, wollen Erwartungen entsprechen. Zudem ist der Leistungsdruck ein Stressverstärker. Ich habe unfassbar viele Fehler auf und noch mehr neben dem Platz gemacht. Babak wollte stark und männlich sein. Wir können nicht die Führungskräfte oder den DFB verändern. Aber wir haben Einfluss auf uns, auf unser Verhalten. Das ist heute mein Ansatz – und es entspannt.

Kann man Schwäche in einer testosterongesteuerten Branche, wie sie der Fußball nun einmal ist, eingestehen?

Rafati: Es geht um gigantische Einkommen, und gerade bei Männern hängt das Selbstwertgefühl von beruflichem Erfolg ab. Ihre gefühlte Fallhöhe ist größer. Bei Frauen ist das anders.

Ihr Wohlbefinden war extrem gestört. Warum sind Sie nicht ausgestiegen?

Rafati: Psychologisch geht es immer darum, den Status zu halten. Ich habe mir die Position des international eingesetzten Schiedsrichters über 25 Jahre aufgebaut. Diese Leidenschaft, dieses Renommee willst du nicht verlieren, und schon gar nicht wollte ich es mir von diesen zwei Typen nehmen lassen. Das Loslassen ist das generelle Problem: Wir lassen lieber die Selbstzerstörung zu. Du führst einen Kampf und ignorierst, dass du gegen dich selbst kämpfst und chancenlos bist. Aussteigen ist sehr schwierig. Alle Menschen führen einen Rucksack seit Kindesalter mit sich. Wenn das nie richtig aufgearbeitet wurde, schleppst du das ewig mit. Das gilt übrigens ausnahmslos für alle Menschen. Du bist verblendet, siehst nicht, was du schon alles erreicht hast. Und ich habe dann in einer Phase mit vielen Fehlern zugelassen, dass diese Typen mich kleingemacht haben. Ich habe es zugelassen.

War dieser Tag in Köln insofern die Wende, weil Sie Ihr Leben aus eigener Kraft nicht mehr im Griff hatten und nun die Hilfe bekamen?

Rafati: Natürlich war es ein Hilferuf. Aber ein Depressiver entscheidet nicht, aus dem Leben gehen zu wollen, sondern die Krankheit entscheidet für ihn. Ich habe in dieser Nacht mein Leben Revue passieren lassen, diese Typen wollte mir meine Karriere nehmen, dachte ich. Ich wollte als Depressiver diesen Film unterbewusst beenden. Der unmenschliche Umgang hat mich krank gemacht.

Ihr damaliger Beruf setzt Stressstabilität voraus. Würden Sie heute, nach der Therapie und Selbstreflexion, sagen, dass Sie auf dem Feld viel weiter sind inzwischen?

Rafati: Definitiv. Babak Rafati würde heute gesund reagieren, wenn er wieder in so eine Situation käme. Nicht emotional, sondern rational. Ich lasse mich nicht mehr von fremden Erwartungen so stark beeinflussen. Damals habe ich die psychologischen Zusammenhänge nicht erkannt und hatte keine guten Lösungen. Heute habe ich mich gefunden, verfolge mein Drehbuch und nicht das von anderen. Das ist der wichtige Punkt. Wenn Chefs so um sich schlagen, haben sie selbst ein nicht aufgearbeitetes Problem mit sich. Wir dürfen sie nicht anklagen. Wir sollten Zusammenhänge, Motive und Menschen und insbesondere uns selbst besser verstehen.

Fühlen Sie sich als Mobbingexperte?

Rafati: Mir gefällt der Begriff Motivator besser. In gewisser Weise war ich eher ein Vorbild, wie man es nicht machen sollte. Der Ansatz ist nicht mehr: Wer ist Schuld? Das ist ein depressives Denken. Wir werden diese Vorgesetzten nie ändern können. Wir können nur uns und den Blick auf andere ändern. Wir können den Wind nicht drehen, aber das Segel anders setzen.

Haben Sie den Eindruck, dass der Selbstmord von Robert Enke oder Ihr Suizidversuch medial dauerhaft etwas verändert hat?

Rafati: Das Problem ist, dass die Entscheidungsträger beim DFB viel zu sehr verschont werden. Sie interessieren sich nicht für die Problematik. Bis heute hat sich niemand vom DFB bei mir gemeldet. Ich war vielleicht ein blinder, blöder Schiedsrichter. Aber ich habe doch auch eine Familie. Warum will niemand sich damit beschäftigen und hinter die Kulissen schauen? Sie schauen immer weg. Dabei hat der DFB eine große gesellschaftliche Verantwortung. Ich für meinen Teil habe Verantwortung übernommen und gebe meine Erfahrungen an Unternehmen und Sportler weiter.

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