Auschwitz-Birkenau: Der Ort des Unfassbaren

Letzte Aktualisierung:
9281627.jpg
Wachtürme und meterhoher Stacheldrahtzaun: Für die in Auschwitz gefangenen Menschen gab es kaum kein Entkommen. Foto: Christina Handschuhmacher (3), dpa (5), dpa/pa (2), stock/Zuma/Keystone, stock/ United Archives (2)
9280261.jpg
Hochzeitsfotos, Familienbilder, Porträts: Bilder, die die deportierten Menschen mit nach Auschwitz brachten, geben Zeugnis des Lebens vor der Verfolgung.
9280260.jpg
Eine Davongekommene: Zofia Posmysz, 91, war drei Jahre lang in Auschwitz-Birkenau inhaftiert. „Es ermuntert mich, wenn ich sehe, dass die Erinnerung am Leben bleibt“, sagt sie.
9281629.jpg
Das sogenannte Tor des Todes: Größtenteils in Viehwaggons wurden Menschen aus ganz Europa in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht.
9280262.jpg
Tausende Koffer sind in der Gedenkstätte ausgestellt. Die Menschen haben sie beschriftet – im Glauben, ihren Besitz bald wiederzusehen.
9280273.jpg
Ein Bild, datiert auf den 27. Januar 1945: Überlebende Kinder des KZs mit Helfern des Roten Kreuzes wenige Stunden nach der Befreiung.
9280272.jpg
Von Hunger und den Qualen des Lebens im Konzentrationslager gezeichnet: Frauen in einer Baracke in Auschwitz-Birkenau.

Christina Handschuhmacher. Wie so viele andere auch lässt Zofia Posmysz sich anfangs täuschen. Sechs Wochen voll brutaler Folter, Demütigungen und Verhören der SS liegen hinter der jungen Polin, als sie 1942 nach Auschwitz kommt. Jetzt kann es nicht mehr schlimmer kommen, sagt sich Zofia.

In der Schule hat die 18-Jährige etwas Deutsch gelernt, so dass sie die Bedeutung des Schriftzugs über dem Eingangstor versteht: „Arbeit macht frei.“ Der perfide Zynismus der Nazis hinter diesen Worten wird ihr erst später klar. „Ich dachte zu diesem Zeitpunkt wirklich, dass es mir hier nicht so schlecht gehen würde“, sagt Posmysz. „Denn ich war jung und gesund und Arbeit gewohnt.“

Es ist ein dunkler Januarnachmittag – knapp zwei Wochen vor dem 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Bir-kenau –, als Zofia Posmysz in einem kleinen Raum der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ihre Geschichte erzählt. Posmysz, 91 Jahre alt, ist eine elegante, alte Dame. Über ihren schmalen Schultern liegt ein cremefarbener Wollschal. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie sie im Alter von 18 Jahren aussah. 1942, als die Nazis sie in Krakau als Teil einer Untergrundgruppe aufgriffen und nach Auschwitz brachten. Ihr Vergehen: Posmysz studierte – trotz des Verbots der Deutschen – im Untergrund und hatte Kontakt zu Studenten, die Flugblätter gegen die Nazis verteilten.

Posmysz erzählt. Sie erzählt, wie ihr bei der Ankunft im Stammlager Auschwitz alles abgenommen und wie ihr ins Gesicht geschlagen wird, als sie sich weigert, in das verschmutzte Bad zur Desinfektion zu steigen. Wie ihr die Häftlingsnummer 7566 auf den linken Unterarm tätowiert wird. Wie einer jungen Polin aus ihren Reihen bei der Zwangsarbeit im Feld die Flucht gelingt und der Rest der Gruppe die folgenden Wochen in der Strafkompanie verbringt. Nur 103 der 200 polnischen Frauen kehren danach lebend nach Auschwitz-Birkenau zurück.

Zofia Posmysz weiß, dass sie eine Davongekommene ist. Sie hat die Strafkompanie überlebt, die Typhus-Epidemie im Lager, den Todesmarsch im Januar 1945, der sie ins KZ Neustadt-Glewe, ein Außenlager des KZ Ravensbrück, führte. Sie hat durchgehalten, bis sie dort am 2. Mai 1945 befreit wurde. Und sie hat es bis heute durchgehalten, mit diesen Erinnerungen zu leben – ohne vollkommen verbittert oder wahnsinnig zu werden.

Rund eine Stunde lang erzählt Zofia Posmysz. Man möchte sie noch mehr fragen, noch mehr von ihr hören, um auch nur annähernd verstehen zu können, wie das Leben in diesem Todeslager gewesen sein muss. Aber Posmysz ist erschöpft. Seit neun Jahren kommt sie regelmäßig in die Gedenkstätte, um vor Besuchergruppen zu sprechen. Tausenden Menschen hat sie auf diese Weise ihre Geschichte erzählt. Und sie will es weiter tun, solange sie kann. „Es muntert mich jedes Mal auf, wenn ich sehe, dass die Erinnerung an Auschwitz am Leben bleibt“, sagt sie.

Wer wird von Auschwitz erzählen, wenn es Zeitzeugen wie Zofia Posmysz nicht mehr gibt? Wer wird die Erinnerung wachhalten? Was wird von Auschwitz bleiben? Das sind Fragen, die auch Piotr Cywinski umtreiben. Seit September 2006 leitet der polnische Historiker die Gedenkstätte. „Neben den Zeitzeugen ist es die Authentizität dieses Ortes, die den nachfolgenden Generationen zeigen kann, was hier passiert ist“, sagt Cywinski. „Und diese Authentizität müssen wir mit allen Mitteln bewahren.“

2009 hatte die Gedenkstätte, die sich mit Geldern des polnischen Staats und eigenen Einnahmen aus Führungen und Buchverkäufen finanziert, Alarm geschlagen: Wenn nichts unternommen werde, sei Auschwitz bald nicht mehr da, hieß es. Die Stiftung Auschwitz-Birkenau wurde gegründet, mit dem Ziel, 120 Millionen Euro Stiftungskapital zu sammeln. Mit dieser Summe, so hatte Cywinski berechnet, sei es endlich möglich, einen langfristig angelegten Masterplan zur Instandhaltung zu entwickeln und umzusetzen. Bislang sind 109 Millionen Euro zusammengekommen. Allein Deutschland hat 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. „Hätten wir noch länger mit dem Spendenaufruf gewartet, wäre es zu spät gewesen“, sagt Cywinski.

Zu spät etwa für die 45 noch erhaltenen Backsteinbaracken des ehemaligen Frauenlagers in Auschwitz-Birkenau, die die Konservatoren der Gedenkstätte momentan vor Herausforderungen stellen. Erst seit 2003 beschäftigt das Museum eigene Konservatoren; es ist ein jun- ges Team, bestehend aus rund 20 Mit- arbeitern.

Eine von ihnen ist Anna Lopuska. Die junge Polin weiß, dass ihr Job alles andere als gewöhnlich ist. „Im Studium haben wir gelernt, Kunstwerke und alte Schriftstücke zu konservieren. Aber nirgendwo lernt man, wie man die Überreste eines ehemaligen Vernichtungslagers konserviert“, sagt Lopuska, Mitte 30, schwarze Hornbrille, dunkler Pferdeschwanz.

Für die Konservatoren bedeutet das: sich rantasten an die Objekte und die Besonderheiten, die diese mit sich bringen. „Die Baracken in Birkenau sind damals von den Häftlingen schnell hochgezogen worden, ohne auf Standards und bauliche Regeln zu achten“, sagt Lopuska. Niemand habe doch zu diesem Zeitpunkt daran gedacht, dass sie jahrzehntelang halten sollen. Hinzu kommen der hohe Grundwasserspiegel im Lagerteil Birkenau und das mangelhafte Baumaterial, das damals verwendet wurde. Nur vier der 45 Baracken sind derzeit für Besucher zugänglich. Ein Zustand, den das Museum schnell wieder ändern will.

Was also tun? Schauen, wie solch ein Fall anderswo gelöst wurde? Lopuska schüttelt den Kopf. Erfahrungswerte gibt es nicht. „Überall anders werden solche Dinge abgerissen und neu gebaut.“ Dank der Gelder aus der Stiftung Auschwitz-Birkenau konnten die Konservatoren nun einen Plan zum Erhalt der Baracken entwickeln. Das Stiftungsgeld ermöglicht es ihnen, mit System zu arbeiten – und mit der Garantie, dass auch im nächsten Jahr noch Geld für die Weiterführung ihrer Projekte da sein wird.

Arbeit gibt es so oder so genug. Rund 300 Ruinen, 154 Holz- und Backsteinbaracken, 2000 Meter Eisenbahnstrecke, 12.000 Kochtöpfe, Hunderte Arm- und Beinprothesen, 3800 Koffer – und das ist nur ein Teil des Museumsbesitzes. Doch muss wirklich alles erhalten bleiben? Jeder Schuh? Jeder Topf? Jede Baracke? Wer einmal in Auschwitz-Birkenau war, wird diese Frage eindeutig mit Ja beantworten. Es ist der Anblick der Berge an Schuhen, der Berge an Töpfen, der Berge an Koffern, der einen nachhaltig beeindruckt.

Die Stücke, die hier ausgestellt sind, hätten ohne das Wissen um die Geschichte dahinter gar keine Bedeutung. Wären nur irgendwelche Koffer, irgendwelche Schuhe, irgendwelche Töpfe. Doch es sind die letzten Erinnerungsstücke an 1,1 Millionen Menschen, die in Auschwitz auf grausame und sinnlose Weise den Tod fanden. Jedes der Stücke steht für ein Menschenleben, erzählt eine Geschichte. Und die Stücke konfrontieren den Besucher direkt und unausweichlich mit der Monstrosität, mit der Unfassbarkeit dieser Verbrechen.

„Dr. Bernhard Israel Aronsohn, Hamburg, Kielerallee 22“ steht auf einem schwarzen Lederkoffer. Die Ecken sind abgewetzt. Alle Häftlinge haben mit weißer Farbe Namen und Adresse ordentlich auf dem Kofferdeckel notiert – im festen Glauben, ihr Hab und Gut bald wiederzusehen. „Sie hatten alles mitgebracht, was ihnen wichtig war. Alles, was sie tragen konnten“, erklärt Pawel Sawicki, der Museumssprecher ist und auch Gruppen durch die Gedenkstätte führt. „Schließlich brauchten sie doch eine Grundlage für das neue Leben im Osten.“ Die Umsiedlung in den Osten – in der Sprache der Nazis die Umschreibung für den systematischen millionenfachen Mord am jüdischen Volk.

Einen Raum weiter: Tausende von Schuhen hinter Glas. Es sind elegante Frauensandalen, schwere Winterstiefel, Kinderschuhe in allen Farben. Den Häftlingen wurden bei ihrer Ankunft die Schuhe genommen und durch Holzpantinen ersetzt. „Es ging den Nazis immer um die Entmenschlichung. Das war Teil ihrer Strategie“, sagt Sawicki.

In weiten Teilen habe Auschwitz einem riesengroßen Theater geähnelt, sagt Sawicki. Besonders die Selektion an der sogenannten Judenrampe sei fast wie eine Vorführung gewesen. An der Judenrampe wurde willkürlich entschieden, wer zum sofortigen Tod in der Gaskammer bestimmt war oder erst monatelang durch Zwangsarbeit ausgebeutet und – in den meisten Fällen – anschließend ermordet wurde.

Sawicki beschreibt die Szenerie so, dass sie vor dem inneren Auge lebendig wird: Das Orchester spielt. Die Menschen treffen auf Ärzte, eine Berufsgruppe, zu der viele Personen grundsätzlich erst einmal Vertrauen haben. Ihnen wird gesagt, dass sie geduscht und desinfiziert werden sollen und dass danach eine warme Suppe und Arbeit auf sie wartet. „Die Leute wollten das, was ihnen vorgespielt wurde, nur zu gerne glauben. Es ergab ja auch alles Sinn, zum Beispiel, dass Männer und Frauen wegen des Duschens getrennt wurden.“ Traurigkeit klingt aus Sawickis Worten, aber auch Verachtung. Und man weiß in diesem Moment nicht, für was er die Nazis gerade mehr verachtet: für ihre grausames Tun oder dafür, dass sie den Menschen selbst im Angesicht ihres nahenden Todes nicht einmal die Wahrheit gönnten.

Wenigstens der Tod ist Zofia Posmysz erspart geblieben. Eine Episode aus dem Gespräch mit ihr bleibt in besonderer Erinnerung. Es ist die Geschichte ihrer Befreiung, denn sie zeigt sinnbildlich, wie sehr die Nazis ihre Häftlinge unter Kon-trolle hatten, so sehr, dass die wiedererlangte Freiheit im ersten Moment nur Angst auslöst.

Als die sowjetische Armee am 2. Mai 1945 das KZ Neustadt-Glewe befreit, sind die Nazis längst geflohen. „Wir wunderten uns, dass es keinen Morgenappell gab. Die Blocks waren leer“, erzählt Zofia Posmysz. Das sonst verschlossene Tor lässt sich ohne Probleme öffnen. Posmysz und die anderen rennen hinaus, aber es ist, als hätten sie verlernt, frei zu sein. „Ein Gefangener sagte: ‚Wartet! Wer soll uns denn jetzt Brot geben?‘ Da drehte sich der erste wieder um, und schließlich gingen wir alle zurück ins Lager.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert