Kiel/Leinfelden - Archäologie in der Tiefe: Spuren in Unterwasserhöhlen hinterlassen

Archäologie in der Tiefe: Spuren in Unterwasserhöhlen hinterlassen

Von: Mascha Schacht, ddp
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höhlentaucher / yucatan
Die Kieler Wissenschaftler und Höhlentaucher Florian Huber (l.) und Christian Howe auf ihren Tauchgängen in den unterirdischen Labyrinthen Yucatans. Foto: ddp

Kiel/Leinfelden. Bei den Griechen bewachte der Höllenhund Cerberus den Eingang zur Unterwelt. Bei den Maya hingegen begrüßen kleine Fische und Krebse die Menschen, die an den Toren zum Jenseits schweben: Die Pforten zum sogenannten „Xibalba”, dem „Ort der Angst”, liegen im wassergefüllten Höhlensystem der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Deutsche Wissenschaftler sind in diese Unterwelt der Maya vorgedrungen - eine Herausforderung für die Archäologen im Team von Florian Huber, dem Leiter der Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Über die „Cenoten” genannten heiligen Quellen, die bis zu 150 Meter tief ins Gestein hineinreichen, stiegen die erfahrenen Höhlentaucher in das einzigartige Unterwasser-Labyrinth ein.

Die Forscher tauchten mit großen Erwartungen, aber auch mit einem durchaus etwas mulmigen Gefühl: Die Maya verfügten zwar über eine hochentwickelte Kultur, sind aber gleichzeitig für ihre teils ausgesprochen grausamen Opferungen bekannt. „Die Vorstellung, bei den Tauchgängen auf Knochen zu stoßen, war gruselig und reizvoll zugleich”, gesteht Huber: „Höhlen sind wie Zeitkapseln, wir betreten sie ähnlich wie ein Kommissar den Tatort. Nur ist das, was wir untersuchen, nicht vor Stunden, sondern vor Jahrtausenden passiert. Trotzdem hat sich wenig verändert.”

Tatsächlich stießen die Forscher in einem Seitenarm des Labyrinths auf Relikte ritueller Opferungen: Arm- und Beinknochen sowie eine Schädelplatte, daneben zwei 50 Zentimeter hohe Ton-Amphoren. In den Funden sieht Huber einen weiteren Beleg dafür, dass die Maya in den heiligen Quellen geopferte Tote versenkten. In anderen Cenoten wurden bereits ähnliche, doch ungleich grausigere Entdeckungen gemacht: Wahre Massengräber fanden sich in einer Quelle nahe der Tempelstadt Chichen Itza sowie in einer Cenote in der Stadt selbst, wie die Wissenschaftsjournalistin Bettina Gartner in der Aprilausgabe der Zeitschrift „bild der wissenschaft” berichtet.

Von den 42 Toten in Chichen Itza waren die Hälfte sogar drei- bis elfjährige Kinder, deren Schädel Löcher und deren Knochen seltsame Schnitte und Kratzspuren aufwiesen. Die Erklärung jagt auch hartgesottenen Archäologen einen Schauer über den Rücken: Man hatte den Kindern die Haut abgezogen, das Fleisch abgeschabt und ihnen den Schädel zertrümmert. Trotz dieser grausamen Behandlung herrscht Unklarheit darüber, ob es sich bei den Toten, neben denen unzählige Beigaben aus Gold und Jade gefunden wurden, um Gefangene von Nachbarvölkern handelte oder um eigene Leute - denn um die Götter gewogen zu stimmen, opferten die Maya Freunde und Feinde gleichermaßen. Die Rituale hatten es in sich: Herausgerissene Herzen, aufgeschlitzte Bäuche, Häutungen und Verstümmelungen waren nichts Ungewöhnliches.

Zum Glück müssen Höhlentaucher ohnehin starke Nerven haben, um ihrer Passion nachgehen zu können: Panikattacken können in den unterirdischen Labyrinthen leicht den Tod bedeuten. Zwar sind die Höhlen über Tausende Cenoten mit der Welt über Tage verbunden, so dass das Land „wie ein Schweizer Käse” aussehe, berichtet Studienteilnehmerin Carmen Rojas Sandoval vom mexikanischen Nationalinstitut für Archäologie und Geschichte, die die Expedition begleitet hat, in „bild der wissenschaft”. Doch diese liegen oft weit auseinander und sind nicht immer für den Ein- und Ausstieg geeignet.

„Es gibt Stellen, wo man kaum durchkommt, und andere, die so groß sind wie Kathedralen. Auf den ersten Metern wird man vom Sonnenschein begleitet. Danach wird es dunkler als dunkel. Man durchquert Orte, wo noch nie die Sonne war und wo sie nie sein wird”, beschreibt Huber seinen Arbeitsplatz auf Yucatán. Die einzige Verbindung zur Außenwelt war ein Nylonseil mit Richtungspfeilen. An diesem können sich die Taucher notfalls entlangtasten, wenn aufgewirbelter Kalkstaub eine Orientierung nahezu unmöglich macht.

Zum Glück für Huber und seine Kollegen war das Wasser die meiste Zeit klar, und so stießen sie bereits nach 20 Minuten auf eine kleine Sensation: die Reste einer Feuerstelle - ein Fund, der an diesem Ort doppelt überrascht. „Die Holzkohle lag in einem großen Haufen, pechschwarz wie an Land und so schön drapiert, als wäre sie nicht in Wasser, sondern in Watte gepackt”, staunten Huber und sein Team. Doch ob am Land oder unter Wasser, das Prozedere, das auf eine solche Entdeckung folgt, ist stets gleich: vermessen, kartieren, Fotos aus verschiedenen Blickrichtungen und als Krönung eine kleine Holzprobe von der Größe einer Zwei-Euro-Münze.

Diese stellte sich als klein, aber fein heraus und verriet den Forschern ein umso größeres Geheimnis: Sie ist 8400 Jahre alt - und stammt damit definitiv nicht von den Maya, deren Kultur sich erst gegen 1000 vor Christus zu entwickeln begann. Stattdessen dürften unsere Vorfahren in den damals noch trocken liegenden Höhlen wärmende Feuer entzündet haben. Überflutet wurden die Steinzeitbehausungen wohl erst nach der letzten Eiszeit, als die Gletscher schmolzen. Zum Glück für die Wissenschaftler, denn dadurch wurden die in ihnen verborgenen Schätze bis heute konserviert. Und die wiederum lassen auf weitere spektakuläre Entdeckungen in anderen Höhlensystemen hoffen, die nicht nur in Mexiko, sondern weltweit oft noch weiße Flecken in der Forschungslandschaft sind.
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