Erfurt - Arbeit in der „Gottesburg”: Gott hat Konjunktur, auch in Afghanistan

Arbeit in der „Gottesburg”: Gott hat Konjunktur, auch in Afghanistan

Von: Ulrike Hendan, dpa
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Gottesburg
Einsatz unter besonderen Bedingungen: Pfarrer Wolfram Schmidt war in Afghanistan als Seelsorger für die deutschen Soldaten tätig - und ist vom Sinn des Einsatzes mehr denn je überzeugt. Foto: dpa

Erfurt. Die Monate in Afghanistan haben Wolfram Schmidt gezeichnet. Als Militärseelsorger hat der Pfarrer aus Eisenach von März bis Juli in Kundus die dort stationierten Bundeswehrsoldaten betreut. Noch immer ist er tief beeindruckt von den Erlebnissen. Die Anspannung war jeden Tag zu spüren, wenn die Soldaten Patrouille fuhren oder das Lager von Raketenbeschuss bedroht war, erzählt der 43-Jährige jetzt nach seiner Rückkehr.

„Es tat gut, in dem Feldlager wie in einer Familie aufgehoben zu sein.” Denn der Seelsorger hat mit den Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren nicht nur Sinn- und Glaubensfragen besprochen.

Mehrere Trauergottesdienste musste er leiten, vier gestorbene Soldaten aussegnen und die Särge bis nach Usbekistan in Richtung Heimat begleiten.

Unter den Getöteten waren auch drei Soldaten aus Bad Salzungen. Dort ist Schmidt als Militärseelsorger stationiert. Eine der schlimmsten Erfahrungen für die Überlebenden im Camp sei gewesen, dass ihre Macht endlich ist.

„Dennoch habe ich versucht, die Balance zwischen Trauer und Freude herzustellen. So haben wir gegrillt und Kinoabende gemacht, um bei alten Schwarz-weiß-Filmen wie Don Camillo befreit zu lachen”, erzählt er.

In der „Gottesburg” des Feldlagers, einem Container mit schützendem Steinwall, hat der Seelsorger einen Raum der Stille mit einer kleinen Bibliothek betreut. Eine wohlüberlegte Mischung: Von der Suche nach Zerstreuung in Kriminalgeschichten oder Fantasy-Romanen fanden manche Soldaten zur Einkehr mit Bibel und Kerzen. „In Deutschland würden die jungen Menschen niemals auf diese Weise in den Gottesdienst oder zu einem Priester gehen.”

Zwei Soldaten ließen sich sogar taufen. Und auch die anderen knapp 1000 jungen Männer leben nach Einschätzung von Schmidt ihren Glauben intensiver. „Einer zog sich beispielsweise nach jeder Patrouille in den Raum der Stille zurück. Denn die Soldaten empfinden die Bedingungen in Afghanistan als Krieg.”

Neben dem Seelsorger liegt eine Marke auf dem Tisch, an der ein silbernes Begleitkreuz hängt. Solche Kreuze hat er an interessierte Soldaten verteilt. Zu seinen Gottesdiensten kamen stets rund 50 Menschen. In solchen Krisen hat Gott Konjunktur, und „da war es gleich, dass viele - gerade aus Bad Salzungen und den ostdeutschen Ländern - vorher kaum etwas mit dem Christentum anfangen konnten”.

Die Enttäuschung der Soldaten über die Ablehnung des Militäreinsatzes in Deutschland sei groß, berichtet der Geistliche. Heftig hätten sie daher Politiker attackiert, die zu Besuch im Lager waren.

Er selbst ist auch zum Verteidiger des Einsatzes geworden, weil er sinnvolle Projekte die Entwicklungshilfe und den Wiederaufbau vorantreibt. Als Beispiel nennt er ein Lehrerbildungszentrum, das Training von Bienenzüchtern oder die Starthilfe für junge Textilunternehmer.

„Was in Afghanistan bereits geleistet wurde, sollte man nicht über Bord werfen, indem man seine Truppen vorschnell abzieht und das Terrain den alten Machteliten überlässt.”

Der Aufenthalt in Afghanistan wird wohl Schmidts letzter Auslandseinsatz gewesen sein. „Diese Aufgabe beschränkt die evangelische Kirche auf zwölf Jahre, damit unter den 20 Jahre alten Soldaten kein Pfarrer Anfang 60 mehr herumläuft”, erklärt er.

Am Montag hat er bereits seinen Dienst in der Kaserne in Bad Salzungen wieder aufgenommen. Ein starker Bruch, denn dort suchen ihn die Soldaten auf, wenn sie die Freundin verlassen hat, und nicht, weil sie einen Menschen erschossen haben.
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