Angriff auf Brüssel: die verwundete Metropole

Von: Detlef Drewes
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Mitarbeiterinnen verlassen am Dienstag das Flughafengebäude. Am Morgen gab es dort zwei Explosionen. Foto: dpa

Brüssel. Eine Stunde. Es ist diese eine Stunde, die die moderne Großstadt Brüssel zu einem Kriegsschauplatz macht. Blutende Menschen, die vor Schock starr aus dem Flughafen-Gebäude fliehen, ihre Koffer teilnahmslos hinter sich herziehen, einfach auf die Autobahn Richtung Brüssel laufen – nur weg hier.

„Ich stand am Check-in-Schalter“, erzählt der 52-jährige Steve Colmans. „Es gab einen ungeheuren Knall, dann ein Schlag, der mich zu Boden warf.“

Über und über mit Blut bespritzt

Es ist kurz nach acht an diesem Dienstagmorgen in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem. Mehr als 150 Flüge sollen in den kommenden zwei Stunden abgefertigt werden, dementsprechend groß der Andrang. Zuerst fallen Schüsse, dann zerreißt eine gewaltige Explosion die Luft. Fensterscheiben zersplittern, fallen auf wartende Passagiere, kurz danach stürzt die Deckenkonstruktion herunter.

„Ich sah, wie eine Frau von einer solchen Platte am Kopf getroffen wurde und blutüberströmt zusammensank“, erzählt Andrew Brandt, der eigentlich nach Berlin fliegen wollte. Rauch dringt aus dem Gebäude, Flughafenmitarbeiter versuchen, die Menschen Richtung Notausgänge zu treiben. Dann eine zweite Explosion, genau dort, wo die Wartenden hingelaufen waren. „Das war ein brutales, auf viele Opfer ausgerichtetes Vorgehen“, sagt ein Flughafen-Betreuer später. Er ist über und über mit Blut bespritzt.

Doch der Schrecken hat gerade erst begonnen. Während die Sicherheitskräfte und Rettungskräfte hinaus zum Flughafen eilen, der Airport den gesamten Luftraum sperrt, den Pendelzug in die Innenstadt stoppt und Brüssels wichtigsten Autobahnring weiträumig schließt, zündet ein weiterer Täter seine Bombe in einem Metro-Zug.

Bei der Einfahrt in die Station Maelbeek, nur wenige hundert Meter von den großen europäischen Institutionen entfernt, passte der Terrorist offenbar genau den Moment ab, als sich alle an den Ausgang drängten, die Türen aber noch geschlossen waren. Die Explosion tötet 15 Menschen sofort, zig Verletzte stolpern aus den rauchigen Ausgängen auf die benachbarte Rue de la Loi, Brüssels wichtigste Einfallstraße. Andere Passagiere bahnen sich einen Weg durch den Tunnel zur nächsten Station.

Schnell werden die Untergrundbahnen in der ganzen Stadt gestoppt, Busse und Bahnen dürfen noch die nächsten Haltestellen anfahren und bleiben stehen. Die Regierung ruft den Katastrophenfall aus und beordert zusätzliche Sicherheitskräfte an die beiden Atomkraftwerke des Landes. Am Nachmittag lässt man den Meiler Tihange räumen. Im Europäischen Parlament, das gerade mal 500 Meter Luftlinie vom Explosionsort der Metro entfernt ist, schließen Sicherheitskräfte die Türen. „Wir kommen nicht mehr raus“, berichtet der CDU-Europa-Abgeordnete Elmar Brok, der gerade eine Sitzung des Auswärtigen Ausschusses leitet.

Zu diesem Zeitpunkt ist Brüssel bereits eine sterbende Stadt. Nun werden Schulen und öffentliche Gebäude geräumt. Firmen und Behörden bitten ihre Mitarbeiter, zu Hause zu bleiben. Der deutsche Botschafter in Brüssel, Rüdiger Lüdeking, verschickt eine Mitteilung an seine Landsleute, in der er die Aufforderung der belgischen Regierung weitergibt: „Bitte bleiben Sie, wo Sie sind. Gehen Sie nicht aus dem Haus. Vermeiden Sie öffentliche Plätze.“

Mobilfunknetz bricht zusammen

Wohin sollte man auch gehen? Die großen Bahnhöfe der Stadt sind stillgelegt, die Bahnen Belgiens, Frankreichs, der Niederlande und Deutschlands haben ihre Züge auf offener Strecke gestoppt. „Nein, wir haben keine Ahnung, wie wir die Menschen am Abend nach Hause bringen sollen“, sagt ein Polizeisprecher am Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt sprechen die Behörden von noch 26 Toten und 130 Verletzten, davon mindestens zehn lebensgefährlich. Premier Charles Michel hat zur Ruhe aufgerufen, doch noch ist unklar, ob und wenn ja wie die Regierung die Lage im Griff hat.

„Wir befürchten, dass weitere Terroristen in der Stadt unterwegs sind“, heißt es plötzlich am Mittag aus dem Kabinett. Als das Mobilfunknetz zusammenbricht, bitten die Behörden die Menschen, auf die sozialen Netzwerke auszuweichen. Facebook richtet prompt eine neue Rubrik ein: „Bin in Sicherheit“ kann man per Knopfdruck den Freunden und Verwandten signalisieren. „Ich habe Angst“, schreibt mir eine Bekannte, die in einer nahe gelegenen Bank arbeitet und deren Kinder aus der Schule kommen. „Kannst du mich holen?“ Der Premier spricht von „Krieg“. „Brüssel wurde angegriffen“, schreiben die belgischen Medien.

Wie in einer Geisterstadt

Am Nachmittag hat sich die Millionen-Metropole in eine Geisterstadt verwandelt. Die Straßen sind leergefegt, einige Häuser in der Innenstadt wurden regelrecht verrammelt. In den Büro-Hochhäusern im europäischen Viertel sieht man Gesichter an den Fenstern, noch weiß niemand, wie und wann er das Gebäude verlassen und nach Hause fahren kann. Und vor allem, wie er überhaupt aus der Stadt kommen soll. Erst am späten Nachmittag dürfen die Menschen die Häuser verlassen, auch die Bahnhöfe öffnen wieder, die so wichtigen Vorortzüge bringen alle nach Hause.

Von der Polizei heißt es, sie durchsuche weitere Häuser in verschiedenen Gemeinden der Hauptstadtregion. Immer wieder gibt es Warnungen von Armee und Sicherheitskräften, weil nicht identifizierbare Pakete, Päckchen oder Gepäckstücke gesprengt werden müssen. Man will eine Panik vermeiden. Doch das gelingt nur unbeholfen und begrenzt. Die langen Kolonnen von Polizeifahrzeugen mit Blaulicht und schwer gepanzerten Armee-Gefährten tauchen die Stadt in ein gespenstisches Licht.

Das einzige, was die Menschen gerade noch hält, ist ihre Solidarität über die Netzwerke. „Bist du okay?“, schreibt ein Freund aus dem Argentinien-Urlaub. „Gibt es jemanden, der meine Kinder aus dem Kindergarten mit zu sich nach Hause nehmen kann?“, bittet eine verängstigte Mutter über Facebook. Sofort erklären sich mehrere bekannte Eltern bereit. „Ich kann meinen Mann seit Stunden nicht erreichen“, twittert eine verzweifelte Frau über den Kurznachrichtendienst. „Ist jemand aus seiner Bank da, der mir sagen kann, ob es ihm gut geht?“ Nur eine Minute später kann sie aufatmen.

Doch nicht alle haben so viel Glück. Die Nachfrage nach einem nahen Freund bleibt dagegen ohne Antwort. Dann ist es Gewissheit. Brüssel ist nicht nur getroffen, sondern auch verwundet.

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