600 Kilometer Flucht: zu Fuß, im Bus, auf dem Lkw

Von: Manfred Kutsch
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Das Leben im Lager: Die Flüchtlinge werden in sehr unterschiedlichen Unterkünften aufgenommen. Manche übernachten in Schulen, machen in Gotteshäusern, andere in Lagern, die auf schlammigem Untergrund stehen. Foto: Manfred Kutsch, dpa
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Trotz aller Furcht vor dem IS hat der siebenjährige Asis, der mit seiner Familie aus Kobane geflohen ist, sein Lieblingshuhn gerettet.

Zakho. Knapp 600 Kilometer und vier Fluchttage liegt sie hinter ihnen, diese rauchende, inzwischen zur Hälfte skelettierte Stadt, die unter ständiger TV-Präsenz die Welt schaudern lässt: Kobane. Vor wenigen Minuten ist ihr Bus zum Stehen gekommen. Wir blicken in eingefallene Gesichter mit leeren Augen, die keine Tränen mehr haben, sehen Menschen in ihren ersten Momenten eines Ankommens im Nirgendwo, aber in Sicherheit, in relativer.

Sie sind am Ziel ihrer Lebensrettung vor dem Terror des Islamischen Staates (IS) – ausgezehrt, trauernd, hoffnungslos.

„Zwanzig Kilometer ist sie gelaufen“, sagt Abdullah Rush, 17 Jahre. Er zeigt auf seine neben ihm sitzende Großmutter, eine alte Frau, deren Hautfalten von einem harten Leben zeugen. Sie hat ihre Parzelle in einem Dorf bei Kobane ihr ganzes Leben lang nicht verlassen – bis jetzt. Jamila Mohamad ist 90 Jahre alt, Bäuerin. „Wir wissen nicht, wie es mit ihr weiter geht, denn ihre Gehirnerkrankung ist nicht mehr heilbar“, berichtet der tapfere junge Mann, der seine Großmutter zum Sterben in Sicherheit bringen will.

600 bis 1000 Flüchtlinge täglich

Um uns herum, auf dem Busparkplatz, der etwa einen Hektar großen Fläche der türkisch-irakischen Grenzstation nahe dem spannungsreichen Dreiländereck Syrien/ Türkei/ Irak, schimmern die Berge des Nordiraks in der Mittagssonne. In dem Bus sind die Federn aus manchen Sitzen herausgesprungen, die Luft ist stickig-schwül. Das spärliche Hab und Gut, das die Menschen in aller Schnelle zusammen gerafft haben, liegt auf den Schößen der Flüchtlinge oder zwischen ihren Füßen. Zwei Babys schreien, eins wird im Mittelgang auf einem Koffer gewickelt. Ein Unicef-Mitarbeiter zwängt sich mit Versorgungspaketen in den Bus.

Die 15 Insassen müssen sich gedulden, bevor sie im Gedränge vor den kleinen Containerbüros der Grenzstation ihre Papiere zeigen müssen und Fragen stellen können.

Unicef-Mitarbeiter warten schon mit Impfstoff auf die ankommenden Kinder. Das alles braucht seine Zeit bei täglich 600 bis 1000 Flüchtlingen – allein aus der Region Kobane. Von der 350.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt Zakho, geht es zur Registrierung in die rund 200 Kilometer entfernte kurdische Provinzhauptstadt Erbil. Dann wartet eine gänzlich ungewisse, zumeist obdachlose Zukunft.

Die Zeit verrinnt beim Warten im Bus, nach und nach kommen wir ins Gespräch. Wie sind die Menschen aus Kobane herausgekommen? „Wir haben die Schmugglermafia des IS bezahlt, 500 Dollar pro Kopf“, sagt der 30-jährige Al Rashid. Ängstlich und stolz kuschelt sich seine dreijährige Tochter Dilara an seinen Arm. Al Rashid ist Dolmetscher. Er musste für sich, seine Frau und sein Kind 1500 Dollar zahlen, um „von IS-Leuten“ zu Fuß zu „Schlupflöchern“ an der türkischen Grenze gebracht zu werden.

„Fünf Monate waren wir ohne Strom-, ohne Wasserversorgung, der IS hat uns von allem abgeschnitten“, sagt Al Rashid, während Dilara am bunten Gummischmuck ihrer sorgfältig gelegten Zöpfe spielt. Wie haben die Leute überlebt? „Die Bewohner von zwei, drei, vier Häuser haben sich quer durch die Stadt mit E-Motoren zusammengetan, die wir mit Benzin betreiben konnten, und das Wasser haben wir uns aus Brunnen geholt.“ Sind noch Geschäfte in den nicht besetzten Stadtteilen offen? Gibt es eine Chance auf ärztliche Versorgung? Kopfschütteln. „Wir sind immer zu Hause geblieben“, sagt Haima Tamo, 38 Jahre, Mutter von vier Töchtern und vier Söhnen: „Die Kinder wurden ständig krank, ohne Bewegung, ohne Ausgleich.“

Immer wieder schweift der Blick über diese 15 Menschen, die zwischen 90 Jahren und fünf Monaten alt sind. Eine junge Frau mit Kopftuch, starrt aus dem Fenster auf die zerbeulte Seitenfront eines anderen Busses in der langen Schlange. Mit diesen Bussen wurden die Flüchtlinge auf türkischem Gebiet aufgegabelt. Dann wurden sie über die Grenze in den Nordirak gebracht, wo sich viele syrische Kurden sicherer fühlen als in der Türkei. Auf 250 000 Menschen ist die Zahl inzwischen angewachsen. Sie steigt täglich.

Düstere Perspektiven

„Und wir wissen nicht mehr wohin mit all den Menschen“, sagt Antea Kalu, 35 Jahre, verantwortliches Mitglied der kurdischen Provinzregierung: „Das größte Problem ist die Unterbringung. Ohne stärkere internationale Unterstützung kommen wir dem Druck der Flüchtlinge nicht mehr bei.“ Major Anas Doski, Sicherheitschef der Grenzstation, rechnet „mit weiteren 100 000 Flüchtlingen“ aus Syrien.

Die düsteren Perspektiven sind den Menschen in diesem Bus in diesem Moment nicht wirklich klar. Sie werden bestenfalls in einer Schule oder in einer Kirche landen. Das legt das öffentliche Leben der nordirakischen Kurden, die derzeit 1,1 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen haben, lahm. Aber die Obdachlosen können sich in geschützten Räumen aufhalten – wenn auch oft zu zwanzig, dreißig Personen in einem Klassenzimmer. Alternativ bleibt das Wohnen auf ein paar Quadratmetern in nach allen Seiten offenen Bauruinen und anderen Baustellen. Bei den vielen Flüchtlingslagern in der Region rund um die grenznahen Städte Zhako und Dohuk stehen die organisierten Camps ganz oben. Dort sind professionelle Hilfsorganisationen wie Unicef – insbesondere für die Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung – verantwortlich.

Dilara ist eingeschlafen. Zärtlich streichelt ihr Vater die Stirn des Mädchens. Droht ihnen die unterste Kategorie der Fluchtversorgung? Das wilde Campieren irgendwo in öffentlichen Parks oder in Lagern, wo UNHCR gerade einmal Zelte hinstellen konnte – zehntausende kämpfen bereits im Schlamm gegen den Regen.

Der Winter, in dem es für die 15 Menschen im Bus ums Überleben gehen wird, steht noch bevor. Hinter sich haben sie 600 Kilometer auf Pick-ups, in Linienbussen, zu Fuß, zum Teil durch die Berge. Wo bleibt da eine lohnenswerte Perspektive für die Qual dieser Flucht? Die Frage steht den Menschen ins Gesicht geschrieben: ein Ausdruck von Verzweiflung, Wut, Ungläubigkeit und Trauer. So sehen sie aus, die Getriebenen des IS-Terrors. Sie wurden hineingespült in ein Land, das im kurdischen Norden des Iraks selber 850 000 IS-Binnenflüchtlinge aufgenommen hat.

„Wenn wir Waffen bekommen hätten, dann hätten wir in Kobane weitergekämpft“, sagt Al Rashid. „Die Türkei hat uns verraten.“ Und dann muss er noch etwas loswerden: „Wir sind terrorisiert worden. Zwei Bekannten von mir haben sie die Kehle durchschnitten – nur weil sie Kurden waren.“ Dilara wacht auf. Und dann wird es wieder ruhig. Eine junge Frau mit Kopftuch lässt immer noch keinen Blickkontakt zu.

Möglicherweise zählen ihre Familie und Freundinnen zu den Frauen und Kindern, „die immer noch in einem Drittel der vom IS eingenommenen Dörfer als Geiseln und lebende Schutzschilder gehalten und wahrscheinlich auch missbraucht werden“, fürchtet der 27-jährige Shekk Mohamed, der mit seiner eineinhalbjährigen Tochter Mezgin unterwegs ist.

Junge rettet ein Huhn vor IS

Die Insassen des Busses werden aufgerufen, ihre Formalitäten zu erledigen. Jamila Mohamad bleibt sitzen. Die 90-Jährige kommt nicht mehr hoch, ihr Enkel beruhigt sie – und springt raus.

Plötzlich öffnet sich dort die Bühne für den kleinen Asis. Inmitten der betonierten Grenzfestung mit viel Stacheldraht entdecken wir den Siebenjährigen in dem Durcheinander. Er sieht stolz aus. Der Junge mit dem schwarzen Haarschopf und den tiefen dunklen Augen hält seinen ganz persönlichen Schatz mit beiden Händen an seine Brust – sein Lieblingshuhn vom elterlichen Bauernhof bei Kobane. Das habe auch einen Namen, sagt Asis: „Es heißt Hasna“.

Sie haben beide überlebt, das Kind und das Huhn. Die tagelange Flucht über 600 Kilometer – und zuvor das Grauen in Kobane. In der Stadt, in der Menschen unter den Augen der Weltöffentlichkeit getötet werden, aber ein Huhn entkommt. Asis ist jedenfalls extrem stolz auf seine Hasna.

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